Kult um die Barbour-Jacke

Ein sicherer Hafen im Kleiderschrank

Deutsche Popliteraten lieben sie genauso wie Festivalgänger und Fashion-Freaks der Generation Z. Die klassische Barbour-Wachsjacke hat mal wieder ihren Moment. Und verspricht das Gefühl, gut gegen die Welt imprägniert zu sein

Kastig geschnittene, khakigrüne Draußenklamotte mit zwei aufgesetzten Fronttaschen und Cordkragen. Das klingt nicht sofort nach einem modischem, sondern vielmehr nach einem praktischen Kleidungsstück. Fällt aber der Name "Barbour-Jacke", sieht es schnell ganz anders aus. Der gewachste Outdoor-Klassiker hat sich einen Platz in den Garderoben des britischen Königshauses und etlicher Prominenter gesichert und wird dank erfolgreicher Kollaborationen mittlerweile als generationenübergreifende Allzweckwaffe geschätzt. Und gerade in diesem Jahr scheint sie omnipräsent. Wie hat sie das geschafft?

Das begehrte Design stammt aus der nordenglischen Küstenstadt South Shields. Im Jahr 1894 entwickelte John Barbour die damals aus ölgetränktem Segeltuch hergestellte Funktionsjacke für Seeleute und Hafenarbeiter. Der präparierte Stoff sollte Feuchtigkeit und Wind trotzen, strapazierfähig und gleichzeitig bezahlbar sein. Das funktionierte so gut, dass das robuste Textil im Verlauf des 20. Jahrhunderts von Marine, Militär und im Motorsport genutzt wurde.

Als später immer mehr Landwirte, Jäger und Reiter die Jacke trugen, wurde sie ab den 1980er-Jahren ein etablierter Teil der britischen Outdoor- und Countryside-Ausstattung. Das lag auch an zwei neuen, modernen Modellen: "Bedale" (1980), eine leichtere, kürzere, sportliche Jacke, ursprünglich für Reiter, und "Beaufort" (1983), etwas länger, Jagd-tauglich, mit großer Rückentasche.

It-Piece oder Juristenmode?

Vor allem aber gewannen die Barbour-Jacken das vielleicht reichweitenstärkste Testimonial, das man sich hätte wünschen können: Lady Diana Spencer. Die Prinzessin trug eine mantellange grüne Version zur weißen Strumpfhose und schwarzen Pumps. Ein Look, der noch heute als Stil-Inspiration gilt. Die rustikalen Jacken wurden durch sie zum Erkennungszeichen der sogenannten "Sloane Rangers": jungen, wohlhabenden Upper-Class-Londonern, die das Kleidungsstück zu Perlen und Tweed kombinierten. Barbour begann damals, sehr gut Geld zu verdienen. Und auch später sollten es vor allem die richtigen Personen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, die das Unternehmen zu der modisch relevanten Marke machten, die sie heute ist. 

Sängerin Lily Allen etwa trug eine Barbour-Jacke während ihres Auftritts beim Glastonbury-Festival 2007. Wachsjacke über Mini-Kleid, gerne zu Gummistiefeln, galt bald als der Festival-Look der 2010er-Jahre. Daniel Craig spielte James Bond in "Skyfall" mit dem wiedererkennbaren Kleidungsstück, was zu einer extrem hohen Nachfrage führte. Natürlich schadete es nicht, dass auch It-Girl und Mode-Ikone Alex Chung seit 2013 mit der Marke zusammenarbeitet und eigene Kollektionen entwirft. 

Selbst in der Popliteratur hat die Kult-Jacke ihren festen Platz. Christian Krachts Roman "Faserland" von 1995 beginnt unter anderem mit einer Diskussion auf Sylt, ob man eine Barbour lieber in Blau oder Grün kaufen sollte. Zwischenzeitlich war die Wachshülle in Deutschland danach als kleinbürgerliche Juristenmode verschrien. Allerdings hat sich der Evergreen auch davon wieder erholt.

"Wenn so etwas passiert, wäre es töricht, es nicht anzunehmen." 

Der Sprung vom Funktions- zum Trendstück war jedenfalls nicht geplant. "Meine Mutter und ich hatten nie vor, aus Barbour eine Modemarke zu machen", sagte Helen Barbour (vierte Generation der Inhaber) der BBC 2014 zum 120-jährigen Markenbestehen. "Noch vor 15 Jahren hatten wir nicht einmal eine Designabteilung – meine Mutter und der Geschäftsführer entwarfen die neuen Jacken selbst. Aber wenn so etwas passiert, wäre es töricht, es nicht anzunehmen." 

Die unfreiwillige Fashion befriedigt seit vielen Jahren eine weit gestreute Klientel. Neben Preppy-Liebhabern auch solche Träger, die gar nichts auf Mode geben und sich vom funktionalen Charakter der Jacke angesprochen fühlen. Alte Menschen auf dem Land, junge Menschen beim Konzert. Die britische Königsfamilie – Queen Elizabeth II soll ihr Modell 25 Jahre lang getragen haben – und Modepublikum, das Understatement schätzt. 

Nicht nur dadurch sind die Jacken zu Klassikern geworden. Gerade die Traditionsgeschichte der Marke gefällt. Barbours Modelle entstehen bis heute in England in zahlreichen handwerklichen Arbeitsschritten und werden zum Schluss von Hand gewachst. Man setzt auf hohe Qualität und Langlebigkeit und bietet etwa Reparatur und Re-Waxing-Service statt schneller Massenproduktion an.

Landleben trifft Luxus

Die Barbour-Jacke war also nie weg, sondern hat sich langsam nach oben gearbeitet. Immer präsenter für ein breiteres Publikum wurde sie vor allem durch Kollaborationen mit beliebten Streetwear-Marken wie Supreme (2020), Aimé Leon Dore oder Margarete Howell. Auch den Luxushäusern näherte sich Barbour an. So erschien 2023 ein gemeinsames Upcycling-Projekt mit Gucci Continuum. Dieses Jahr kam dann die zweite Capsule-Kollektion mit der britischen High-Fashion-Marke Erdem.

Der erneute Barbour-Boom, der gerade 2025 spürbar wurde, hat mehrere Gründe. Zum einen begann die englische Marke, mit dem Kopenhagener Label Ganni zusammenzuarbeiten: ein Mode-Liebling, der Trends begründet, gerade bei der Generation Z. Vor Kurzem erst wurde die vierte Partner-Kollektion veröffentlicht, und die sozialen Medien waren mit Wachsparkas im Leoparden-Print, Regenjacken mit Rüschenkrägen und rot karierten Accessoires geflutet. Auch mit dem H&M-Ableger Arket hat Barbour aktuell eine Kollektion entworfen, die schlicht und edel in den skandinavischen Stil spielt. Dies öffnete das Markenuniversum für eine viel breitere und jüngere Zielgruppe. 

Zum anderen gibt es gerade ein allgemeines Faible für das "British Countryside Dressing". Typisch Stilelemente wie Fair-Isle-Strickmuster, Tweed-Kappen (etwa gesehen an David Beckham) und natürlich die Barbour-Jacken wurden auch außerhalb des Vereinigten Königreichs flächendeckend getragen. "British Countryside" beschreibt einen Rückzugsort der Gutbetuchten. Wer also die inoffizielle Uniform der Landlust-Elite trägt, zieht sich, vielleicht unterbewusst, auch ein bisschen für ein Parallelleben an. Gutsituiert in einem Cottage oder auf einem Gestüt, in Barbour und Perlen.

Zuflucht in unsteten Zeiten

Gleichzeitig stehen die britisch kodierten Garderobenstücke für gemütliche Beständigkeit. Die wärmende Wolle und schützenden Outdoor-Stoffe versprechen Zuflucht in unsteten Zeiten. Sie bewegen sich selten im Strom der flüchtigen Mikrotrends, sondern sind sichere Häfen im Kleiderschrank, die mal mehr, mal weniger zitiert werden, aber immer vorkommen und nie ihren Zenit überschreiten.

Dass die Barbour-Jacke gerade wieder besonders geliebt wird, liegt nicht zuletzt am Trend zu aus dem Kontext gerissener Arbeitskleidung. Mal sind es Latzhosen, mal Cowboy-Stiefel und gerade sind es "Barn Jackets", Jacken für die Scheune. Diese Gattung gehörte einst klar in den Bereich Landwirtschaft, dort wurde sie seit dem 19. Jahrhundert eingesetzt, um Wind, Wetter und Stallschmutz abzuhalten. Doch heute zählt sie zu den Mode-Must-Haves. In seiner Frühling-Sommer-Kollektion für 2023 zeigte Jonathan Anderson bei Loewe ein ausgestelltes Modell in Minikleid-Länge. Im Jahr darauf zog Prada nach. 

Auch Fendi und McQueen präsentierten ihre Versionen der Arbeitskluft. Die klassische Barbour-Jacke, wenn auch mit maritimer Vorgeschichte, gilt als die "offizielle" Bauernhofkleidung, auch wenn sie es bis an den royalen Hof geschafft hat. Ihre charakteristischen Details – Cordkragen, Druckknöpfe, aufgesetzte Taschen – kommen bei so gut wie jeder Imitation vor. 

Die Kopien stärken das Original

Seit vergangenem Winter bietet gefühlt jede Marke, von Massenmode bis The Row, eine Barbour-ähnliche Jacke an. So prägen auch viele Kopien die Straßen, die letztlich alle die Assoziation zur Funktionsjacke aus South Shields auslösen. 

Das Gute am gewachsten Original ist vermutlich, dass es wie ein gutes Paar Jeans mit jedem Mal tragen besser wird. Die Jacke bekommt Gebrauchsspuren, wirkt immer weniger geschniegelt und dafür mehr wie ein Gebrauchsgegenstand. Und letztlich ist nichts eleganter als ein Modeklassiker – Barbour wie Birkin –, der tatsächlich über Jahrzehnte im Einsatz ist und dem man das auch ansieht. Auf dem Feld oder auf dem Festival.