Kommentar

Wer braucht noch deutsche Heldengeschichten?

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Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt demnächst unter dem Titel "Die jungen Jahre der Alten Meister" das Frühwerk von Baselitz, Richter, Polke und Kiefer. Die pompöse Ankündigung lässt ein himmelschreiend rückwärtsgewandtes und provinziell deutschlandfixiertes Ausstellungskonzept befürchten

"Bäm", sagt die Ankündigung der Staatsgalerie Stuttgart für eine Ausstellung ab April: "Baselitz – Richter – Polke – Kiefer", in roter Schrift auf schwarzem Grund. Vier Männer im Alter zwischen 73 (Kiefer) und 87 (Richter), die so wichtig sind, dass sie noch nicht mal mehr Vornamen brauchen. Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Steinmeier und wird später in die Deich­torhallen weiterreisen, sie wird von den noch lebenden Herren (Polke ist 2010 gestorben) mit Leihgaben großzügig unterstützt.

Kuratiert wird diese Versammlung deutscher Titanen von Götz Adriani, 78, der vor 14 Jahren als Direktor der Kunsthalle Tübingen in Rente ging. Ob er auch den Ankündigungstext formuliert hat, der sich auf der Website der Staatsgalerie Stuttgart findet? Es soll um das Frühwerk gehen, die 60er-Jahre. Damals hätten die Künstler die Grundlagen für ihren Erfolg gelegt, "der sie in Deutschland wie auch im Ausland zu den bedeutendsten Vertretern der zeitgenössischen Kunstszene machte". Abgesehen davon, dass Kiefer erst 1969 überhaupt seine erste Ausstellung hatte, soll das wirklich heißen, dass man die Herren als die wichtigsten Künstler der Welt verkaufen will? Woran soll sich das festmachen – an Auktionsrekorden? Was sagen Jeff Koons und David Hockney dazu?

Aber lesen wir weiter, wo es heißt: "Die Kunst deutscher Herkunft stand im Laufe ihrer Entwicklung meist im Schatten italienischer, niederländischer oder fran­zösischer Vorbilder. Dieses Schattendasein auf dem europäischen Kunstparkett verkehrte sich geradezu in sein Gegenteil, als sich das Künstlerquartett aus Deutsch­land anschickte, an die Spitze des globalen Rankings aufzusteigen."

Man sieht es geradezu vor sich: Vier Musketiere reiten herbei und retten ganz allein die deutsche Kunst aus jahrhundertealter Misere. Man könnte lachen, wenn es nicht so peinlich wäre. Dabei ist das Frühwerk der vier ja wirklich interessant – auch wenn man sie nicht unbedingt in einen Topf werfen muss und auch wenn es noch andere gab, die zeitgleich innovative, lustige, revolutionäre und herausragende Kunst in Deutschland gemacht haben.

Zum Beispiel Katharina Sieverding, die aber schon damals selten bei den Wichtigausstellungen mitmachte; sie war ja eine Frau und kein Musketier. Das Frühwerk von Polke zum Beispiel, aber auch das von Richter, ironisierte genau das, was Adrianis Rhetorik jetzt feiert: die Vorstellung von Meisterschaft, die großen Heldenerzählungen. Und um eine Top-Position in Kunstmarktrankings ging es ihnen auch nicht. So wird dieses himmelschreiend rückwärtsgewandte und provinziell deutschlandfixierte Ausstellungskonzept am Ende wahrscheinlich noch nicht mal den Werken gerecht, die so pompös abgefeiert werden sollen.

Hier spricht Elke Buhr auf Detektor.fm über die geplante Ausstellung:

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