Der Ausschluss der Öffentlichkeit geschah gewissermaßen über die Hintertür. Zunächst war auf der Website der Düsseldorfer Kunstakademie für den Besuch einer Filmveranstaltung mit der Künstlerin Basma al-Sharif lediglich eine Anmeldung verlangt worden. Später stellte dann ein Hinweis auf der Startseite der Hochschulwebsite klar, dass auch das nur Studierenden und Lehrenden der Akademie möglich sei. "Für andere Personen besteht keine Möglichkeit der Teilnahme." Dieses Verbot galt auf Nachfrage auch für die Presse.
Eine begründete Stellungnahme zu der Entscheidung, die ansonsten öffentlich zugängliche Veranstaltungsreihe der studentischen Sparta-Gruppe diesmal Uni-intern abzuhalten, gab es nicht. Seit Jahren sind die sorgfältig kuratierten Werkstattgespräche mit aktuellen künstlerischen Positionen aus dem Kulturangebot der Landeshauptstadt kaum wegzudenken.
Damit war zumindest für die Öffentlichkeit erfüllt, was mehrere Düsseldorfer Institutionen und Verbände seit Wochen forderten: ein cancelling des Filmgesprächs mit der vielfach prämierten, in Berlin lebenden, palästinensischen Filmemacherin. Erst im November gewann Basma al-Sharif beim Kurzfilmfestival Winterthur den mit 12.000 Franken dotierten Hauptpreis für "Morgenkreis", einen leisen, poesievollen Spielfilm über eine Fluchterfahrung. In den zarten Farben des von der Künstlerin häufig verwendeten 16-mm-Materials sieht man einen Vater und seinen Sohn in Berlin bei intimen Ritualen, bevor es in die Kita geht. Die Jury lobte in ihrer Begründung die "Hinwendung zur Rastlosigkeit des kindlichen Blicks und der Verweigerung gegenüber einfachen Bildern über Flucht und Krise."
Cancel-Debatte lässt sich kaum mit ihrem Werk erklären
Wer das Werk der Künstlerin und Filmemacherin über die Jahre verfolgt hat, etwa als Teilnehmerin des Berlinale-Forum-Expanded, findet darin eine Tradition des klassischen strukturellen Films lebendig, ein Spiel mit der vom Aussterben bedrohten Materialität des analogen Films, vor dessen vibrierendem Korn sich immer wieder die Auseinandersetzung mit den bedrohten Lebensräumen des palästinensischen Volkes spiegelt. Es ist die Unaufdringlichkeit, der viele ihrer Arbeiten ihre Eindringlichkeit verdanken. Dass die Künstlerin dennoch in den Fokus einer Cancel-Debatte geriet – und letztlich auch für die Öffentlichkeit gecancelt wurde – lässt sich kaum mit ihrem Werk erklären.
Noch am vergangenen Montag hatten die jüdische Gemeinde Düsseldorf, die deutsch-israelische Gesellschaft Düsseldorf, das Jüdische Forum der CDU in NRW und der Antisemitismus-Beauftragte der Stadt, Wolfgang Rolshoven, zu einer Pressekonferenz geladen und für den Mittwochabend eine Kundgebung vor der Akademie angekündigt, die trotz des von der Akademie verhängten öffentlichen Zutrittsverbots stattfand. Zu den etwa 100 Demonstrierenden hatte sich neben Rolshoven auch die stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin Mona Neubaur gestellt, die gleichermaßen die Veranstaltung selbst wie den Ausschluss der Öffentlichkeit kritisierte. Gegenüber der "Rheinischen Post" hatte auch Oded Horowitz, der Vorstandsvorsitzende der jüdischen Gemeinde Düsseldorf, den Ausschluss der Öffentlichkeit kritisiert; er hätte sich gerne ein persönliches Bild gemacht.
Erinnert wurde auch an von den Nazis verfolgte und ermordete ehemalige Studierende und Lehrkräfte der Akademie, während zugleich der Ausschluss von Basma al-Sharif aus ihren Räumen gefordert wurde. Dies auf der Grundlage eines Antisemitismus-Vorwurfs, über dessen Berechtigung man gerne offen diskutiert hätte.
Schon 20 Minuten nach dem angesetzten Beginn des Screenings machten die letzten etwa 15 friedlich Demonstrierenden noch ein Abschiedsfoto und rollten ihre Fahnen ein. Ein einzelner Streifenwagen hielt Wache, es gab keine Gegendemonstranten. Dass auch gegen eine geschlossene Veranstaltung demonstriert wurde, ist auch im Vergleich zu ähnlichen Vorfällen der letzten Jahre ungewöhnlich. Schließlich war eine reine Lehrveranstaltung daraus geworden, und die Freiheit der Lehre ist besonders geschützt.
Drei Instagram-Posts als Grundlage der Vorwürfe
Rolshoven forderte vor der Demonstration personellen Konsequenzen von der Hochschule: "Wir wissen doch gar nicht, wer verantwortlich ist. Stellungnahmen haben wir von der Rektorin nicht bekommen. Auch nicht von der Künstlerin", schreibt er in einer Email an Monopol und ergänzt mit Blick auf die Nationalität der Rektorin Donatella Fioretti: "Ich habe gesagt, ich kenne die italienische Verfassung nicht, aber unser Grundgesetz besagt, die Würde des Menschen ist unantastbar und steht über der Kunstfreiheit."
Nicht die Kunstwerke von Basma al-Sharif, sondern drei Instagram-Posts belegen für Rolshoven diesen Vorwurf. Auf einem Halloween-Post ist im Hintergrund verschwommen ein rotes Dreieck zu sehen, ein Symbol, das auch von der Hamas verwendet wird, laut Bundesinnenministerium aber nur mit konkretem Hamas-Bezug verboten ist. Im Text ist von "Märtyrern" zu lesen, auch das allerdings ohne Bezug zur Terrororganisation. In Palästina wird dieser Begriff für alle Kriegstoten verwendet.
Auf dem zweiten posiert die Künstlerin mit einer antiquarischen Ausgabe einer 1969 erschienenen Schrift der "Volkfront zur Befreiung Palästinas". Die als PFLP abgekürzte Organisation wird von der EU als Terrororganisation eingestuft, ist in Deutschland allerdings nicht verboten.
Der dritte Post vom 28. Oktober 2023 zeigt wehende Fahnen Israels, Deutschlands und des Bayer-Konzerns. Dazu erhebt die Künstlerin einen Genozid-Vorwurf, nennt Israel eine "Siedler-Community” und schreibt, hier in Übersetzung: "Wir glaubten nie an eure 'freie' Welt, an eure Demokratien oder eure Zivilisationen, deren Reichtum sich auf dem begründet, was ihr erplündert habt oder durch Morden, Vergewaltigen und Versklaven erworben. Ihr nennt uns Tiere und eure Hände werden immer in Blut getränkt sein …" Der Post endet mit einem Aufruf zum Waffenstillstand. Offensichtlich nimmt die Künstlerin hier Bezug auf die bekannte Äußerung von Israels damaligem Verteidigungsminister Joaw Gallant, der direkt nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 erklärt hatte: "Wir kämpfen gegen menschliche Tiere und wir handeln entsprechend."
Ungewöhnlich das konsequente Schweigen der Veranstalter
Rolshoven verlangte auf Grund der Posts von Rektorin Fioretti, "dass Frau El Sharif ihren Hass auf Israel, auf die westlichen Demokratien (von denen sie profitiert) und auf die Juden in einem von Ihren Studenten privat genutzten Raum artikuliert." Medial unterstützt wurde die Kampagne von der Website Ruhrbarone.de, die bereits ähnliche Cancel-Forderungen auf den Weg brachte, unter anderem als Laurie Anderson in Essen eine Folkwang-Professur zugesprochen bekommen hatte. Anders als bei ähnlichen Ereignissen endete aber der Protest auch mit der Absage der öffentlichen Veranstaltung nicht.
Ungewöhnlich ist auch das konsequente Schweigen der Veranstalter. Eine Stellungnahme war von der Pressesprecherin der Akademie ebenso wenig zu bekommen wie von den studentischen Kuratorinnen und Kuratoren von Sparta. Deeskalation fand somit auch nicht statt. Auch dafür allerdings lassen sich Argumente finden. Schließlich kann man von niemandem verlangen, sich gegenüber Vorwürfen zu verteidigen, die man für unbegründet hält. So aber blieben sowohl die Künstlerin als auch die Kuratorinnen und Kuratoren von der Akademie ungeschützt, während sich die jüdischen Verbände übergangen fühlten. Am Ende hatte man den Eindruck, dass den meisten der Protestierenden weniger um die Absage ging als um die Diskussion.
Unwidersprochen trafen Basma al-Sharifs so nuancierte, empfindsame Filme in der Abgeschlossenheit des Hörsaals vor den Toren der Akademie auf ein Plakat, das ihnen nicht gegensätzlicher sein könnte: "Kein Podium für Terrorverherrlichung".