Künstlerin Lucia Tallová

Erinnerung als Medium

Lucia Tallová sammelt alte Fotos und Bücher und integriert sie in ihre Malereien, Collagen und Installationen – jetzt zeigt sie ihr Werk im Berliner Palais Populaire


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Papier ist die Grundlage – das gilt nicht nur für die Kunstsammlung der Deutschen Bank, die sich diesem Medium verschrieben hat, sondern auch für den "Artist of the Year" der Bank im Jahr 2026, Lucia Tallová. Begonnen hat Tallová allerdings mit Malerei, an der Kunstakademie in Bratislava, wo sie 1985 geboren wurde und lebt. Von einem einzelnen Medium fühlte sie sich aber bald eingeschränkt, sagt sie – und arbeitet heute zwischen Collage, Skulptur und raumfüllender Installation. 

Ausgangspunkt bilden gefundene Fotografien und Bücher. Sie begann diese Arbeitsmethode, erzählt Tallová im Interview, mit eigenen Familienalben und den Büchern ihres Großvaters, dehnte die Suche aber bald auf Flohmärkte und Antiquariate auf der ganzen Welt aus. "Besonders wenn ich für einen Residency-Aufenthalt verreise, beginnt mein Arbeitsprozess stets damit, den besten Ort in der Stadt zu finden, an dem ich lokales Material oder Objekte entdecken kann." Die so entstehenden Collagen sind nicht ganz flach; es bleibt noch Luft zwischen Glas und Objekt, aber das vermittelt sich oft erst, wenn man die Arbeit wirklich vor sich hat.

Der erste Schritt aus dem Medium Malerei heraus waren kleine Eingriffe mit schwarzer chinesischer Tusche in alte Schwarz-Weiß-Fotografien, häufig Porträts von Frauen. "Später kamen immer mehr Schichten hinzu – nicht nur malerische, sondern auch materielle. Diese Schichten gewannen Volumen und wurden dreidimensional. Ganz natürlich entwickelte sich das von kleinen Collagen zu etwas größeren Assemblagen, von der Assemblage zum Objekt, dann zu größeren Objekten und schließlich zu ortsspezifischen Installationen. Für mich verlief das ganz organisch, Schritt für Schritt."

Kohle als Symbol der Transformation

Aufgegeben hat Tallová die Malerei also nicht, hat sie aber der monochromen Fotografie des frühen 20. Jahrhunderts optisch angenähert – ihre Quellen lassen sich vor allem in dieser ersten Phase der Moderne verorten, allerdings bis in die Sechziger- und Siebzigerjahre hinein. In ihren jüngsten Werken kombiniert sie schwarze chinesische Tusche mit schwarzer Acrylfarbe. Motive sind natürliche Erscheinungen wie Wolkenformationen und Berge. 

Während Tallová in frühen Collagen noch kleinere Steine direkt mit Papier kombinierte, verwendet sie seit der Pandemie erstmals Kohle als Arbeitsmittel. "Später", sagt sie, "habe ich mich wirklich in das Material verliebt. Mich fasziniert seine physische Präsenz. Ich verwende es in unterschiedlichen Zusammenhängen und in mehreren Werkgruppen – auch im Sinne einer Wiederkehr aus dem Feuer. Kohle ist ein Symbol der Transformation. Sie verkörpert die Vergangenheit, eine Art materielle Präsenz der Erinnerung, und spricht zugleich vom Verlust und vom Verblassen von Erinnerungen."

Lebensrealität für Frauen

In Verbindung mit alten historischen Drucken oder Schwarz-Weiß-Fotografien entstanden so fragil wirkende Kompositionen. Tallová hat Kohle auch in Collagen mit Seiten aus Büchern über die höchsten Berge der Slowakei eingesetzt. Die Bildbände gehörten zur Bibliothek ihres Großvaters, wobei die Gesteinsstruktur des Berges durch die Struktur der Kohle ersetzt wurde, die aus dem fotografischen Bild herauszutreten scheint. "So baue ich aus Kohle gleichsam einen ganzen Berg – etwas Kleines, das zugleich wie ein Gebirge wirkt."

Auffällig ist die Präsenz weiblicher Figuren in Tallovás Werk, auch wenn sie ihre Bildquellen aus Zeiten rekrutiert, die überwiegend von Männern bestimmt wurden. Aber genau darum geht’s, um den Kontrast zu heute. "Was hat sich verändert, gerade im Vergleich zwischen verschiedenen europäischen Ländern? Man spürt, dass die Frage, was es bedeutet, eine Frau zu sein, und welche Rolle Weiblichkeit spielt, bis heute sehr gegenwärtig ist." 

Die noch in einem sozialistischen Land aufgewachsene Künstlerin ist auch eine Bewahrerin: Wenn sie ein Fotoalbum auf dem Flohmarkt sieht, kauft sie es, ohne hineinzusehen. Um es vielleicht irgendwann einmal zu verwenden. "Es ist ein seltsames Gefühl: Ich versuche, Erinnerungen wiederherzustellen, die nicht meine eigenen sind." Um diese Erinnerungen erst einmal aufnehmen zu können, braucht sie Platz. Da passt es gut, dass Tallová gerade ein neues, größeres Studio in einem kleinen Ort nicht weit außerhalb von Bratislava beziehen konnte. Es verfügt über ein Bildhaueratelier und bietet ihr Lagerraum, den die leidenschaftliche Sammlerin gut gebrauchen kann.

Es ist nicht ganz leicht, eine slowakische Künstlerin zu sein

Zur Berlin Art Week eröffnet Tallová nun ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Westeuropa. "Moving Clouds" heißt die Schau, in der sie alle Medien zusammenführt, mit denen sie arbeitet: skulpturale Installation, Collagen und Assemblagen, Fundobjekte sowie großformatige Leinwände. Die Auszeichnung als "Artist of the Year" bedeutet mehr Sichtbarkeit, nicht nur für sie selbst: Es ist im Moment nicht ganz leicht, eine slowakische Künstlerin zu sein. 

Eine populistische Regierung näherte das Land an Russland an, die Kulturministerin schlug einen nationalistischen Kurs ein und tauschte die Leitungen wichtiger Kultureinrichtungen aus. "Bratislava ist recht klein", sagt Tallová. "Wir als Kunstgemeinschaft demonstrieren und organisieren Proteste. Aber nach mehr als zwei Jahren machen sich zunehmend Erschöpfung und Enttäuschung breit, während sich die Dinge weiterhin in die falsche Richtung entwickeln." Nun ruhen die Hoffnungen auf den Parlamentswahlen im kommenden Jahr. Und die Kunst? Macht sowieso immer weiter.

Dieser Artikel erschien zuerst im Monopol-Sonderheft zur Berlin Art Week 2026.