Bazon Brock sieht nett aus, gemütlich wie ein emeritierter Ästhetikprofessor, der er ja auch ist. Aber kommt er erst einmal in Fahrt, schimpft er wie ein Formel-Eins-Fahrer, der im Stau feststeckt. Er hat andere Intellektuelle als "Waschlappen", "Opportunisten" und "Arschlöcher" bezeichnet, und Kuratoren könnten seiner Meinung nach "alle zum Teufel gehen". In seinem Temperament steckt sowohl die Beflissenheit und Angeberei des Bildungsbürgers als auch die Mentalität aufbrausender, sich verausgabender Künstlermänner einer längst untergegangenen Bundesrepublik. Aber Bazon Brock ist noch da und macht weiter. Am 2. Juni wird er 90 Jahre alt.
Vielleicht rührt dieser Furor aus einer Biografie, die vom Krieg gezeichnet wurde. Brock erlebte als Kind Bombardements und die Flucht vor der Roten Armee. Später studierte er Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie, unter anderem bei Theodor W. Adorno in Frankfurt am Main. Von 1981 bis zu seiner Emeritierung 2001 lehrte er als Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung in Wuppertal.
Dabei ist Bazon Brock nicht nur Vermittler, sondern selbst ein Stück BRD-Kunstgeschichte: Er trat zusammen mit Joseph Beuys und Nam June Paik auf, empfahl sich dem Frankfurter Zoo als "denkendes Säugetier, sehr selten", cremte einen Globus ein, um sich über Erlösungsphantasien lustig zu machen. Er wollte immer ein "Künstler ohne Werk" sein – und wurde ein Redner ohne Unterbrechung.
Jürgen Johannes Hermann Brock, wie der Emeritus mit bürgerlichem Namen heißt, hat den durch einen Lehrer vergebenen Spitznamen Bazon, griechisch für "Schwätzer", mit einigem Stolz und etwas Ironie angenommen. In den 1960er- und 1970er-Jahren entwickelte er seine Methode des "Action Teaching". Auf mehreren Ausgaben der Documenta führte er wortreich seine "Besucherschule" an. Heute betreibt er in Berlin seine "Denkerei", ein hochtrabend als "Institut für theoretische Kunst, Universalpoesie und Prognostik" benannter Salon.
"Machen Sie keine Kunst, machen Sie Probleme"
Lässt man sich einmal darauf ein, kann Brocks ungeheuerliche Rhetorik einen in einen diffusen Erregungszustand versetzen: wie er assoziativ von einem Gegenstand zum anderen springt und es immer noch schafft, den vermeintlich langweiligsten, längst bekannten Künstler in ein neues Licht zu setzen. Wenn man gar nicht folgen kann oder will, nimmt man einfach ein paar originelle Aphorismen mit, Sätze wie: "Globalisierung bedeutet Diaspora für alle"; "Geschichte ist nichts anderes als gewesene Zukunft"; "Machen Sie keine Kunst, machen Sie Probleme". Oder seinen Sinnspruch, der auf einem Schild in den Berliner Sophie-Gips-Höfen steht: "der Tod muß abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muß aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter".
Und hat man erst mehr als nur einen Brock-Vortrag gehört, erkennt man, dass dieses referenzreiche Gehopse durchaus innerhalb eines festen Gedankengebäudes stattfindet: Brock setzt gegen Kultur, Nation, religiöse Fundamentalismen und kapitalistische Sinnlosigkeit die Zivilisation – und Zivilisation findet er vor allem im Museum. Hier werde kulturelle Differenz zur Betrachtung freigegeben, ohne dass man sich als beobachtender Beobachter auf die eine oder andere Seite schlagen müsse.
In Zeiten der endlosen, ermüdenden Kulturkämpfe hat diese Idee etwas Überzeugendes. In diesem Punkt nämlich ist Bazon Brock doch sehr modern. Auch wenn es eben nicht besonders zivilisiert wirkt, seine Gegner zu beschimpfen.