10 Jahre Hirst-Auktion

Tanz um das goldene Kalb

ANZEIGE

Vor zehn Jahren ließ Damien Hirst 200 neue Arbeiten versteigern – an seinen Galerien vorbei. Dass die Auktion zufällig auf den gleichen Tag fiel, an dem der Bankrott der Lehman Brothers die Finanzkrise einläutete, machte sie endgültig zur größten Performance in der Karriere des britischen Künstlers

Größenwahn? Künstlerischer Selbstmord? Raffgier? Als Damien Hirst 2008 gemeinsam mit Sotheby’s eine Auktion mit dem schwülstigen Titel "Beautiful Inside My Head Forever" ankündigte, ergriff Ratlosigkeit und Nervosität die Kunstwelt: Vom britischen Künstler war man hohe Dosen an Eigenblutdoping gewöhnt, aber das hier roch allzu streng nach Verarsche! Hirst wollte Mitte September in London 200 seiner Werke, die er ein Jahr zuvor eigens für die Auktion anfertigen ließ, ohne Vermittlung seiner Galerien versteigern lassen. 60 bis 80 Millionen Pfund sollte das bringen. Würde das PR-Genie sich hier grandios verzocken? Oder seine Galeristen, Sammler und den ganzen Markt wie Trottel aussehen lassen?

Wie kalt und zynisch und dekadent das alles war, konnte man in Previews von den Hamptons bis Neu-Delhi sehen: Die ewig gleichen vor Warenförmigkeit strotzenden Butterfly-, Split- und Spot-Paintings hingen da, gruppiert um ein in Formaldehyd eingelegten Stier mit goldenen Hörnern und Hufen, das "Golden Calf". Seit Jahren sprachen alle ängstlich oder höhnisch vom Platzen der Kunstmarktblase, Damien Hirst schien mit seinem Ausverkauf den Untergang herbeizusehnen.

Dann kam der 15. September 2008 – und ging in die Geschichte ein. Im Fernsehen liefen in Endlosschleife Bilder von New Yorker Mitarbeitern der Investmentbank Lehman Brothers, die in Pappkartons ihre persönlichen Gegenstände aus den Bürogebäuden trugen. Ein Journalist fragte einen dieser gefeuerten Angestellten, wie viele Abteilungen wohl geschlossen würden. Dessen müde Antwort: "Alle." Die Bush-Regierung hatte beschlossen, Lehman Brothers nicht zu retten – und die blanke Panik brach an den Finanzmärkten aus.

Währenddessen saßen in einem großen Saal in London Männer in dunklen  Anzügen und hoben pausenlos ihre Arme: Ein Spin-Painting nach dem anderen wurde versteigert, das Goldene Kalb ging für 10,3 Millionen Pfund weg. 111,4 Millionen Pfund brachte die zweitägige Auktion schließlich insgesamt ein, das Zehnfache des bisherigen Rekordergebnisses einer Ein-Künstler-Auktion bei Sotheby's. 60 Prozent der Käufer kamen von neuen Märkten, die meisten aus Russland. Hirst war mal wieder ein Coup gelungen – der größte seiner Karriere!

Andererseits war die Auktion einfach zum Erfolg verdammt: White Cube und Gagosian, die beiden großen Galerien des ehemaligen Young British Artists, konnten gar nicht anders als mitzubieten, um ihre eigenen Preise zu rechtfertigen. Schließlich hatte Hirst ja nicht behauptet, nie wieder mit ihnen auszustellen. Und kurz vor der Auktion kolportierte eine Zeitung, dass White Cube noch über 200 Hirst-Werke im Depot lagerte. 

So brachte Hirst seine Galeristen in ein Dilemma: Sie mussten selbst dafür bezahlen, dass die Auktion erfolgreiche verläuft, was aber dann wieder beweisen würde, dass der Künstler ohne seine Galerien klarkommt. Genialer kann man seine künstlerische Autonomie nicht unter Beweis stellen.

Später hieß es, auch Geschäftspartner von Hirst selbst hätten kräftig mitgesteigert, aber die symbolische Wucht dieser Auktion konnte das nicht dämpfen. 

Vor dem Finanzcrash waren Spin- und Spot-Paintings starke Symbole aufgepumpter Macht: Die Spuren der geschleuderten Farbe auf der Leinwand sprach von der Dynamik der Märkte, die Spots von ihrer Eintönigkeit. Damit der Schöpfer dieser Symbole Distanz zum Symbolisierten bewahren konnte, musste er das Machtspiel mitmachen. Schon 2001 hatte Hirst gegen gegen seinen früheren Förderer gewettert: "Charles Saatchi hat geglaubt, er könne geltende Wertmaßstäbe der Kunstwelt beeinflussen, indem er Macht kauft." Da habe der Mega-Sammler sich aber geirrt: "Ich bin nicht Saatchis dressierter Affe." Zwei Jahre später kaufte der Künstler mit Hilfe von White Cube einige seiner frühen Schlüsselwerke von Saatchi zurück. "Beautiful Inside My Head Forever" schließlich war für Hirst eine Gelegenheit, noch einmal  Rock'n'Roll zu spielen –  obwohl wenig Künstler eine größere Nähe zum Establishment haben.

"Artnet News" hat sich jetzt die 19 Auktionslose von "Beautiful Inside My Head Forever", die seit 2008 erneut auf eine Auktion gekommen sind, in der "Artnet"-Datenbank angeschaut und festgestellt: Allein diese Werke haben drei Millionen Dollar an Wert verloren. So wurde die Auktion auch ein Sinnbild für die Leerstellen der Finanzwelt, die notdürftig mit Fiktion und Glauben ausgestopft wurden. Eine Finanzwelt, in der viele verloren haben und nur einige gewonnen.

Weitere Artikel aus Kunstmarkt