Will Vogts Porträts von Superreichen

Man bleibt unter sich

Seit 50 Jahren fotografiert Will Vogt die US-amerikanische Oberschicht – nicht als Gast, sondern weil er selbst dazugehört. Sein neues Buch "Behind the Hedges" ist eine Hommage an den Wohlstand und zeigt nebenbei, wie wichtig Zugang für die Fotografie ist

Ich war einmal Gast auf einer Hochzeitsfeier von Adeligen. Gefeiert wurde auf einem Wasserschloss, das der Familie bis ins 18. Jahrhundert gehört hat. Alles war sehr elegant und nahezu alle Männer trugen einen Smoking und eine Fliege. Der Umgang war zunächst freundlich-förmlich, später ungezwungen, und als die Party lief, war sie exzessiver und auch dekadenter als alle anderen Feiern, auf denen ich jemals war – am Ende wurde der Bräutigam von seinen grölenden Freunden in seinem teuren Anzug über den Boden geschleift. Ich hatte den Eindruck, dass niemand der Beteiligten das irgendwie besonders fand oder Sorge hatte, dass der Anzug dabei Schaden nehmen könnte.

Beim Betrachten des Buches "Behind the Hedges" von Will Vogt (Jahrgang 1952) musste ich oft an diese Hochzeit denken, denn wie damals fühlte ich mich ein wenig wie ein Fremder, ein Außenseiter, der für einen kurzen Moment in eine andere Welt blicken darf. Bei der Hochzeit war es die Welt des Adels, bei den Fotos von Vogt ist es die Welt der Superreichen. Was beide gemein haben, ist eine gewisse Grundhaltung, die auf Tradition, ihrer gesellschaftlichen Klasse, dem selbstverständlichen Umgang mit Verhaltenscodes und natürlich viel Geld beruht. Und zwar altem Geld.

Denn während "neues" Geld oft zu einem verschwenderischen bis zu protzigen Lebensstil führt, weil man kompensieren möchte, was man bislang nicht hatte, führt das viele Geld, das quasi schon immer in der Familie vorhanden war, zu Abschottung: Man bleibt eben unter Seinesgleichen und hinter der blickdichten Gartenhecke. Will Vogt blickt hinter diese Hecken der Privilegierten und zeigt uns den mutmaßlichen Alltag dieser Menschen, die bei Festessen und auf Gartenpartys, beim Segeln und auf dem Golfplatz, auf der Pferderennbahn und für die Jagd zusammenkommen

Keine Individuen, Gruppen

Wir sehen die Protagonisten nie alleine, sondern sie stehen fast immer in Gruppen zusammen und sind zudem immer sehr gut und teuer gekleidet – Männer wie Frauen, Erwachsene wie Kinder. Allerdings lernen wir im Laufe der 52 Fotografien in dem Buch keine Person näher kennen. Ja, wir können uns nicht einmal sicher sein, ob wir überhaupt irgendjemanden ein zweites Mal sehen oder ob es immer andere Menschen auf den Fotos sind. Niemand steht im Vordergrund, so gut wie niemand hebt sich als Individuum hervor.

Auch gibt es im gesamten Buch keine Bildtitel oder Erklärungen außer dem kurzen Einleitungstext. Das ist in gewisser Weise konsequent, denn obwohl wir diese Einblicke bekommen, haben wir trotzdem keinen Zugang zu den Menschen. Wir bleiben die Außenstehenden, die mit einem gewissen Abstand auf diese Elite schauen dürfen, aber wir gehören nicht dazu und werden von den Gruppen auch nicht dazugeholt. Alles bleibt oberflächlich, undurchdringbar und verschlossen. Denn auch wenn der Titel des Buches es anders suggeriert: Man muss keine Hecken um sein Haus bauen, um andere Menschen auszuschließen.

Doch wie hat es dann der Fotograf Will Vogt geschafft, Zugang zu dieser Community zu bekommen und diese vielen Situationen an diesen vielen unterschiedlichen Orten in den USA und in Großbritannien einzufangen? Die Antwort ist einfach wie naheliegend: Weil er selbst einer von ihnen ist. Vogt stammt aus einer wohlhabenden Familie, hat in der Öl- und Gasindustrie gearbeitet, besitzt eine Rinderzucht und ein Unternehmen für die Wachteljagd. Und die Menschen auf den Fotos gehören zur Familie, sind Freunde, Nachbarn oder Geschäftspartner. Als leidenschaftlicher Amateurfotograf hat Will Vogt seit 50 Jahren seine Kamera bei solchen Veranstaltungen dabei und fotografiert ganz selbstverständlich sein eigenes soziales Umfeld.

Zugang ist alles

Bereits 2023 hat er sein erstes Fotobuch mit seinen Fotos veröffentlicht. Obwohl "These Americans" ebenfalls sein eigenes Lebensumfeld zeigt, unterscheidet sich das Buch stark von "Behind the Hedges": Die Bilder sind rauer und körnig, er ist mitten im Geschehen, und die abgebildeten Personen interagieren oft direkt mit ihm. Die Dekadenz und das ausschweifende Leben der privilegierten Oberschicht wird ungeschönt dargestellt, während sie in "Behind the Hedges" deutlich subtiler und nach außen hin geradezu hermetisch abgeschlossen wirkt.

Das Buch macht aber einmal mehr deutlich, wie wichtig Zugänge in der Fotografie sind. Zwar legitimiert eine Kamera Fotografen, an Orte zu gehen und mit Menschen zu sprechen, die anderen meist verschlossen bleiben. Das ist sozusagen die Superkraft der Fotografie. Aber das ändert nichts daran, dass Fotografen in solchen Situationen nur Gäste sind und es in den allermeisten Fällen auch bleiben. Zugänge sind enorm wichtig, aber sie bestehen fast immer nur auf Zeit.

Deshalb ist es etwas anderes, wenn man jemanden, der ohnehin Zugang zu gewissen Milieus und Kreisen hat und sich in ihnen quasi unsichtbar bewegen kann, eine Kamera gibt. Tina Barney hat ebenfalls in der US-amerikanischen Oberschicht fotografiert, aber ihre Fotos sind oftmals – zumindest in Teilen – inszeniert. Larry Sultan hat sich in "Pictures from Home" seinen Mittelschichts-Eltern in Kalifornien gewidmet und Richard Billingham mit "Ray’s a Laugh" ebenfalls seinen Eltern, die Verlierer der Umstrukturierung Großbritanniens in der Thatcher-Ära waren. Ein weiteres, aktuelles Beispiel ist zudem der Franzose William Keo, der durch seine eigene Herkunft Zugänge zu den Migranten in den Pariser Banlieues hat und sich dort so unsichtbar bewegen kann wie eben Will Vogt in der Oberschicht. Umgekehrt wäre beides nicht möglich – egal ob mit oder ohne Kamera.