Highlights

Was man auf der 10. Berlin Biennale nicht verpassen sollte

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Das sind unsere acht Highlights der 10. Berlin Biennale

Firelei Báez in der Akademie der Künste
Firelei Báez ist eine der prägendsten Künstlerinnen in der Akademie der Künste. Sie verbindet in einer Reihe von sehr unterschiedlichen Werken das fridericianische Schloss Sanssouci in Potsdam mit dem Schloss Sans-Souci Haiti und dem schwarzen haitianischen Revolutionär Jean-Baptiste Sans-Souci. Teile der Schlossruine auf Haiti hat sie vor dem Eingang der Akademie am Hanseatenweg in Pappmaché nachgebaut, in der oberen Etage zeigt sie wunderbar feine Zeichnungen auf historischen Dokumenten und Karten. Und unter der Betontreppe versteckt sich noch eine Installation, die Haiti und preußische Pracht zu einer fiktiven Parallelgeschichte zusammenbringt.

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Firelei Báez hat Teile des Schloss Sans-Souci Haiti vor dem Eingang der Akademie am Hanseatenweg in Pappmaché nachgebaut.

 

Mario Pfeifer in der Akademie der Künste
Dem Berliner Videokünstler bleibt es überlassen, ein genuin deutsches Thema auf die Berlin Biennale zu bringen, und es ist kein angenehmes. Er hat das Reenactment eines Vorfalls im sächsischen Arnsdorf inszeniert, wo ein Asylbewerber aus dem Irak 2016 sich in einem Supermarkt mit einer Kassiererin stritt und dann von einer selbsternannten Bürgerwehr an einen Baum gefesselt wurde – die Rechte verkaufte diese Aktion als Zivilcourage. Gemeinsam mit den Schauspielern Mark Waschke und Dennenesch Zoudé, die Journalisten spielen, und einer Jury aus Bürgern rollt Pfeifers auf zwei Screens gezeigter Film "Again" den Fall neu auf – eindrucksvoll.

 

Minia Biabiany in der Akademie der Künste
"Toli Toli" hieß ein altes Kinderspiel in Minia Biabianys Heimat Guadeloupe, und so heißt auch ihre Installation, die Bilder, Erinnerungen, Liedfetzen und Texte verbindet. Mit ihrem poetischen Film kombiniert sie nach fast vergessener Technik von ihr selbst gewebte Fischerreusen – eine Annäherung an eine im Verschwinden begriffene Heimat.

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Johanna Unzueta im ZK/U
Das Zentrum für Kunst und Urbanistik in Moabit, wo einige der Biennalekünstler auch im Vorfeld gewohnt und gearbeitet haben, ist eine Entdeckung für sich. Die große, halb gemalte, halb mit Fäden gespannte Wandbild von Johanna Unzueta hält sich dementsprechend elegant zurück und bildet eine intelligente Ergänzung zu Mauerwerk und Grafitti – den besten Blick darauf hat man von einem hübsch verwilderten Community-Garten. (Reingehen lohnt sich dann aber auch – vor allem im Keller, wo einem Tony Cokes die Beats gibt. Don't miss!)

 

Keleketla! Library im HAU Hebbel am Ufer
Schon mal (von) Kwaito gehört? Sprechgesang über verlangsamten House-Beats prägen den Musikstil, der um 1994 im südafrikanischen Soweto entstand. Songs wie "Don't call me Kaffir!" (1995) des Kwaito-Musikers Arthur standen für das neue schwarze Selbstbewusstsein der (Post-)Apartheid-Generation. Am 15. und 16. Juni finden im HAU2 Kwaito-Konzerte zum Gedenken an die Studentenunruhen 1976 in Soweto. Dazu hat die Keleketla! Library im Obergeschoss des HAU 2 einen Ausstellungsraum eingerichtet. Auf einem Plattenteller dreht sich Musik vom Thath'i Cover Okestra, an den Wänden Holzschnitte und ein Spruch von Tina Turner: "I'm only here for your beautiful gold".

 

Dineo Seshee Bopape in den KW
Die KW-Halle ist in rötliches Licht getaucht, ein lethargischer Bassrhythmus erfüllt die Luft. Umgestürzte Deckenstützen (aber die echten stehen noch) und Backsteine liegen herum, Eimer fangen Tropfen von der Decke auf. Die Katastrophenstimmung des Environments "Untitled (Of Occult Instability) [Feelings]" bezieht sich auf Bessie Heads Roman "A Question of Power", der eine Frau porträtiert, die wahnsinnig wird. Als weitere Quelle diente der Song "Feelings", ein Monitor zeigt die Sängerin Nina Simone 1976 auf dem Montreux Jazz Festival. Die südafrikanische Künstlerin Dineo Seshee Bopape hat noch drei Kollegen einbezogen. So hängt Jabu Arnells großer, aus Pappe und Tape zusammengeklebter "Discoball #9" am Rand dieser Endzeitparty.

 

Grada Kilomba in den KW
Die Begegnung mit der Sphinx, die Tötung des (unbekannten) Vaters, die fatale Liebesbeziehung zur eigenen Mutter: die Portugiesin Grada Kilomba setzt in ihrer Zweikanal-Videoinstallation den Mythos des Ödipus neu in Szene. "ILLUSIONS, Vol. II, OEDIPUS" ist Teil einer Reihe von Performances, mit denen Kilomba erforscht, "inwiefern Symbolik und Allegorie das Potenzial zur Unterdrückung in sich tragen" (Katalog). Auf der großen Leinwand wird – vor neutralweißem Fond und minimalistisch ausgestattet –  geliebt, getanzt, gehasst und gestorben. Auf einem Monitor tritt die Künstlerin als Erzählerin auf, die das Geschehen aktualisierend deutet.

 

Mildred Thompson in den KW
Zu einer Kunstbiennale gehören Wiederentdeckungen: Die US-Amerikanerin Mildred Thompson (1936-2003) studierte in den 50ern in Amerika und kam durch ein Fulbright-Stipendium an die Hamburger Kunsthochschule, wo neben anderen Emil Schumacher ihr Lehrer war. Zurück in New York drohte die Karriere der dunkelhäutigen Malerin am grassierenden Rassismus zu scheitern. Wie viele andere junge schwarze Künstler in den 60ern zog sie wieder nach Europa. Bis 1975 hatte sie im Rheinland einigen Erfolg, dann ging sie in die USA zurück. Thompson wurde bekannt durch energetisch-farbenreiche Kompositionen, die den Einfluss Kandinskys spüren lassen. In den KW sind aber ihre geometrischen Assemblagen aus gefärbtem Holz zu sehen, echte Entdeckungen.

Mildred Thompson "[Woodwork]", 1967

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