In Berlin verhallt die Poesie von Tacita Dean in der angestaubeten Atmosphäre einer Bezirksgalerie

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 Stundenlang möchte man dem altersweisen Mann zuhören, der über seltene Apfelsorten spricht. Der Wind rauscht durch seinen großen, englischen Obstgarten. Sonne und Wolken werfen Schatten auf die Rasenflächen und durch die verfallenen Fenster. Der 28-minütige, analoge Film hat Patina und verströmt wohliges Knis­tern. Michael Hamburger, der Porträtierte, war ein Freund von W. G. Sebald und der legendäre englische Übersetzer von Celan, Hölderlin und Brecht. Wenn er über seine exotischen Apfelsorten spricht, redet er auch über sein eigenes Schicksal als jüdischer Exilant. Ihr Aussterben im Zuge der Lebensmittelindustrialisierung gerät zum Bild für seinen nahen Tod.
Tacita Deans Videoarbeit evoziert die Atmosphären einer kürzlich vergangenen Welt. Es ist noch nicht lange her, dass wir Filmspulen in Kameras legten, handgeschriebene Briefe verschickten und uns ernsthaft über Lyrik unterhielten. Der Schock, den das Video hervorruft, beruht auf der Endgültigkeit unseres Verlusts.
Spätestens seit ihrer Nominierung für den Turner Prize 1998 und dem Erhalt des Hugo Boss Preises von 2006 gilt die in Berlin lebende Britin Tacita Dean als eine der wichtigsten zeitgenös­sischen Stimmen. Ihre letzte Ausstellung fand vor einem Jahr im New Yorker Guggenheim statt. Mit großem Engagement nahm sie sich der strauchelnden Charlottenburger Bezirksgalerie Villa
Oppenheim an und versuchte mit „In My Manor“, dem Haus etwas vom Glanz der Londoner Serpentine Gallery zu geben.
Das Ergebnis ist zwiespältig. Der „Darmstädter Werkblock“, eine gelungene filmische Auseinandersetzung mit dem Werk von Joseph Beuys, ist zu sehen. „Fernweh“ bildet eine romantisch aufgeladene, großformatig übermalte Fotolandschaft ab, die sich als imaginäre Kombination von Rügen und dem Elbsandsteingebirge entpuppt. Aber Deans Arbeiten brauchen Freiraum, um ihre poetische Wirkung zu entfalten. Der verbiesterte 80er-Jahre-Charme der Villa Oppenheim verhindert das. So sehr, dass die dilettantische Präsentation den Reiz der Arbeiten beeinträchtigt. Daniel Schreiber

Villa Oppenheim, Berlin, bis 15. Februar

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