Fazit der Internationalen Filmfestspiele

Gesichter der Berlinale

Ilker Çatak (l-r), Regisseur des Films "Gelbe Briefe", Özgü Namal und Tansu Bicer zeigen den Goldenen Bären für den Besten Film, nach der Abschlussgala im Berlinale Palast
Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Ilker Çatak (l-r), Regisseur des Films "Gelbe Briefe", Özgü Namal und Tansu Bicer zeigen den Goldenen Bären für den Besten Film, nach der Abschlussgala im Berlinale Palast

Von "Rose" bis "Gelbe Briefe": Preise für große Schauspielkunst, intime Dramen und ein politischer Goldener Bär. Die Berlinale 2026 hat wieder gezeigt: Das Private ist politisch

Gesichter der Berlinale, die im Gedächtnis haften: Das von einer Kriegsnarbe gezeichnete Gesicht der Titelfigur in "Rose", die regelmäßig an der Kugel lutscht, die Rose als Talisman ihres Freiheitswillens an einer Halskette trägt. Der Silberne Bär für die Ausnahmeschauspielerin Sandra Hüller überraschte wohl kaum.

Sandra Hüller zeigt ihre Auszeichnung, den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle im Film "Rose"
Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Sandra Hüller zeigt ihre Auszeichnung, den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle im Film "Rose"

Ex aequo haben einen weiteren Darstellerpreis Tom Courtenay und Anna Calder-Marshall aus dem zweifach prämierten "Queen at Sea" erhalten – das britische Drama um eine demenzkranke Seniorin und ihren Mann bekam auch den Jury-Preis. Leslie ist ein Pflegefall, Martin kümmert sich – und hat Sex mit ihr. Seine Stieftochter Amanda (Juliette Binoche) entdeckt das und ruft die Polizei. Regisseur und Drehbuchautor Lance Hammer hat sein Drama um Liebe und Begehren im Alter perfekt konstruiert. Und die Stars (Courtenay war schon ein Schurke in "Doktor Schiwago", Calder-Marshall ist vor allem für Theaterrollen berühmt) sorgen für den Lebensatem in der konfliktreichen Situation. Unvergesslich.

Tom Courtenay und Anna Calder-Marshall erhalten den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle
Foto: Christoph Soeder/dpa

Tom Courtenay und Anna Calder-Marshall erhalten den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle

Zu den prägenden Gesichtern dieses Festivals muss man aber auch den türkischen Schauspieler Tansu Biçer zählen. Was für ein verhaltenes Spiel, was für schöne, traurige Augen! In dem Goldenen-Bären-Gewinner "Gelbe Briefe" verkörpert Biçer den Theaterdramaturgen und Uniprofessor Aziz, Ehemann der gefeierten Schauspielerin Derya (Özgü Namal) und Vater einer minderjährigen Tochter (Leyla Smyrna Cabas als Ezgi).

Die Mitwirkung des 47-jährigen Biçer, der über sein Heimatland hinaus wenig bekannt ist, könnte für den in Istanbul lebenden Hauptdarsteller in "Gelbe Briefe" noch unangenehme Folgen haben. Denn İlker Çataks Film erzählt von einem in Ungnade fallenden Künstlerpaar in der Türkei, das zwischen Rebellion und Anpassung laviert. Die Kleinfamilie zieht von Ankara nach Istanbul, aus politischen Konflikten werden private Spannungen. Während Derya sich im Schauspielberuf anpasst – als TV-Soap-Darstellerin –, ringt sich Aziz dazu durch, in einem regimekritischen Off-Theaterstück Gesicht zu zeigen. Nicht nur als Autor, sondern als Schauspieler.

"Gelbe Briefe" wird bei Erdogans Getreuen nicht gut ankommen, abgesehen von der Frage, ob der Film in absehbarer Zeit in der Türkei laufen wird. Ob dieser Festivaljahrgang noch stärkere Gold-Anwärter bereithielt, ist eine berechtigte Frage (neben "Rose" waren die Wettbewerbsfilme "Dao", "Meine Frau weint" und "We are all strangers" noch persönliche Favoriten, die leer ausgingen). 

Für İlker Çataks nach "Das Lehrerzimmer" wieder einfühlsam und packend inszenierten Film spricht seine universelle Botschaft. Çatak tut mit den Schauplätzen das, was Christian Petzold in seiner Anna-Seghers-Verfilmung "Transit" (2018) mit den Zeitebenen unternahm, als er Weltkriegsflüchtlinge ins moderne Marseille schickte. "Gelbe Briefe" beginnt in einem Ankara, das sich mitsamt Alex-Fernsehturm als Berlin entpuppt. Und am Rand des Bosporus, auf dem Derya und Aziz später Boot fahren, zeichnet sich der Hamburger Hafen ab. Çatak hätte – allerdings ohne finanzielle Unterstützung – in der türkischen Hauptstadt wie in Istanbul drehen können. Aus der Not wurde eine Tugend, weil sich die Geschichte um Anpassungsdruck und die Grundfrage, ob man notfalls das sprichwörtliche "richtige Leben im falschen" führen möchte, auf andere Gesellschaften ausweiten lässt. Einige in Deutschland fragen sich bereits, ob und wie sie unter einer AfD-Regierung hier noch leben wollen. In den USA ist die Frage längst auf dem Tisch.

Die Schauspieler Özgü Namal (l) und Tansu Biçer im Film "Gelbe Briefe" des Regisseurs İlker Çatak
Foto: Ella Knorz/ifProductions/Alamode Film/Berlinale/dpa

Die Schauspieler Özgü Namal (l) und Tansu Biçer im Film "Gelbe Briefe" des Regisseurs İlker Çatak

Die Demonstrierenden im Hintergrund begehren gegen einen fiktiven Krieg auf. Trotzdem ist "Gelbe Briefe" der offen politischste Beitrag dieses Wettbewerbs. Flankiert wird der Sieger interessanterweise von einem zweiten Film um die türkische Gesellschaft, der den Großen Preis der Jury gewann: Emin Alpers in einer abgelegenen Gegend der Türkei siedelnden "Kurtuluş". Mit den beiden höchsten Auszeichnungen macht die Jury die Berlinale zu einer Art Anti-Erdogan-Festival. Und schärft das politische Profil eines Wettbewerbs nach, aus dem Tricia Tuttle die schlimmsten internationalen Krisen – in der Ukraine, in Nahost und in afrikanischen Ländern – herausgehalten hat.

Die Tendenz fiel schon im 2025er-Jahrgang auf, während Venedig im letzten Spätsommer politische Knaller wie "A House of Dynamite", "Die Stimme von Hind Rajab" oder "Der Magier im Kreml" zündete. Vielleicht mag Tuttle diese Art von Kino nicht, vielleicht war das Angebot von zeitkritischen Produktionen auch zu dünn; es ist ja schließlich kein Geheimnis, dass es die Spitzenkräfte des Kinos eher nach Cannes und Venedig zieht.

Behält man das Berlinale-Handicap im Hinterkopf, war es ein starker Jahrgang mit der Tendenz zu intimeren Geschichten und Familiendramen. Am Ende steht der Verdacht, dass Wim Wenders alles getan hat, um seinen unglücklichen, während einer Pressekonferenz gesprochenen Satz "Wir müssen uns aus der Politik heraushalten" mit dem Hauptpreis zu differenzieren. (Wir wissen aber nicht, welches Gewicht der Jurypräsident im Gremium hatte.) Der Goldene und die Silbernen Bären brummen unisono: Das Private ist auch das Politische.

Offenbar braucht jede Berlinale in den 2020ern einen Skandal. Wenders ließ seiner Aussage sofort differenzierte Erklärungen folgen, doch es war zu spät. Das Medienecho war groß, und die Schriftstellerin Arundhati Roy sagte "schockiert und angewidert" ihre Teilnahme an der Berlinale ab. Andere sind froh, dass sie dabei waren. Allein wegen der unvergesslichen Gesichter auf der Leinwand.