Die Berlinale ist ein brutales Pflaster, weniger wegen der Konkurrenz um Jury- und Publikumsgunst, sondern eher aufgrund der Zumutungen auf der Leinwand. In der zweiten Hälfte des im Forum laufenden "AnyMart" des Spielfilmdebütanten Yusuke Iwasaki aus Japan häufen sich die Leichen und originellen Todesarten. Vor einem Hochhaus wird ein junger Mann von zwei anderen, herabstürzenden Körpern erschlagen, ein Koch prügelt einen Restaurantgast mit einer Bratpfanne tot, ein anderes Mordopfer landet kopfüber in einer heißen Fritteuse. Mindestens ein Dutzend Tote zählt man in "AnyMart", der primär in einer kleinen Filiale der gleichnamigen Supermarktkette spielt.
Von den eingeschweißten Hühnerfilets bis zu den strengen Regularien für Mitarbeiter herrscht hier eine derartige Ödnis, dass sich skurrile Zwanghaftigkeit (unter Kunden wie Belegschaft) und später massive Gewalt nahezu konsequent daraus ergeben. Der Marktleiter (Masahiko Nishimura) führt ein strenges Regiment, gegen das kaum jemand opponiert, nur der junge Sakai (Shota Sometani) an der Kasse entwickelt eigene Ideen, wie man den Laden in puncto Kundenfreundlichkeit und Umsatz weiterbringen kann, die aber beim Chef nicht gut ankommen. Nachdem der Kassierer einen Kollegen erhängt im Lager gefunden hat, mehren sich die Todesfälle – und im Verlauf der Mordserie gewinnt Sakais Figur an Profil und Individualität.
Irritierend – und bezeichnend für die Beziehungssarmut dieses Mikrokosmos’ – ist die Tatsache, dass wir erst sehr spät erfahren: Sakai ist der Sohn des pingeligen Marktleiters. Wer hinter den Morden bei AnyMart steckt, erfahren wir schließlich auch, aber das ist keine finale Aufdeckung à la Agatha Christie, denn es gibt andere, unaufgeklärte Tötungsdelikte und Verhaltensauffälligkeiten. Eine junge Frau, die Sakai über eine Dating-App kennenlernt, erklärt ihm, dass "es" in Supermärkten anfange zu "kippen". Meint sie die Gesellschaft?
Regisseur und Drehbuchautor Iwasaki, der nach seinem Literaturstudium zunächst in der Werbebranche gearbeitet hat, deutet an, dass es zwei mögliche Auswege aus der unerträglichen Konformität der (japanischen) Gesellschaft gibt: Sakais produktiven Optimismus oder Paranoia und Gewalt. "AnyMart" ist ein mit kühlen Bildern ausgestatteter, schwarzhumoriger Horrorfilm, der mit Versatzstücken des Splatter- und des Thrillergenres spielt und bis zum Ende unvorhersehbar bleibt.
Satansbraten statt süßem Baby
Wie angedeutet: Eine bloß rudimentäre Vater-Sohn-Beziehung macht noch kein Familiendrama. Da ist "Yön Lapsi“ weit näher dran. Auch der zweite Spielfilm der Finnin Hanna Bergholm, dessen Titel sich mit "Kind der Nacht" übersetzen lässt, geht als Horrorfilm durch. Für einen Wettbewerbsfilm ist das ebenso ungewöhnlich wie die Tatsache, dass es sich um keine Berlinale-Uraufführung handelt, sondern um einen Film, der trotz seines Starts vor wenigen Tagen auf dem Sundance-Festival jetzt für die Bärenkonkurrenz nominiert wurde. Trisha Tuttle ist andererseits auf Starauftritte angewiesen – und Rupert Grint, berühmt als bester Freund des Zauberschülers Harry Potter, ließ sich am Freitag auf dem roten Teppich blicken.
Grint spielt in "Yön Lapsi" einen jungen Engländer, der mit seiner Frau Saga (ausdrucksstark: Seidi Haarla) in eine finnische Waldgegend zieht, in das Haus, das ihrer Familie gehörte. Der Forst flüstert bedrohlich, als Jon und Saga zwischen Baumstämmen ihr Kind zeugen. Unter den Waldgeistern, die man kaum zu Gesicht bekommt, deren Präsenz sich dann aber bei Mutter wie Baby zeigt, scheint es ausgemachte Sache zu sein, dass das ungewöhnlich behaarte und baumstarke Kind ihnen gehört. Schlimm für die Eltern: Ähnlich wie in Schockern wie "Rosemary’s Baby" und "Das Omen" wächst das Baby zum Satansbraten heran, zerknabbert beim Stillen die Mutterbrust, bis Saga begreift, dass sie den Säugling statt mit Milch mit Blut (in Finnland scheint Kuhblut im Supermarkt erhältlich zu sein) ernähren muss. Auch Jon ist direkt mit Babys Bösartigkeit konfrontiert. Rupert Grints Honigkuchenpferdlächeln weicht allmählich einer aggressiven Miene. Schuld am anormalen Verhalten des Kindes soll nur die Mutter haben, meinen der Vater, die Kinderärztin, die Oma.
Bergholms Reißer ist fesselnd erzählt und – wenn man die Fantasy-Zutaten abzieht, eine nicht unrealistische Schilderung postnataler Überforderung und ambivalenter Muttergefühle. Doch die Geschichte schnurrt zu reibungslos ab, abseits eingetretener Gruselpfade bleiben wenige Fragen offen und kaum Grauzonen stehen. Normprodukte mag der Goldene Bär nicht. Das Warten auf einen ersten Favoriten geht weiter.