Rückblick 69. Berlinale

Synonyme, Söhne, Systemsprenger

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Nummer 69 war keine starke Berlinale, aber die Jury hat klug gewählt. Mit dem israelischen Beitrag "Synonymes" gewinnt der einzige Wettbewerbsfilm zum Thema Migration den Bären Yoav, ein junger Israeli, will Franzose werden, möglichst waschecht, schnell, unumkehrbar. Vielleicht will er auch nur Nicht-Israeli werden, das trifft es wohl besser. Die Hauptfigur in "Synonymes", dem Siegerfilm der 69. Berlinale, wird als Mann auf der Flucht eingeführt. Die ersten Bilder sind mit subjektiver (Handy-)Kamera gedreht, aus Yoavs Scheuklappenperspektive: der Blick auf den Boden gerichtet, voller Unruhe, ein Suchender, Getriebener. Es gibt wohl keinen Paris-Film, der weniger von der Stadt zeigt, abgesehen von einer Notre-Dame-Fassade hier, einen Seitenblick auf die trübe Seine da.

Die "Frauen-Berlinale" – war da was? Souverän haben Juliette Binoche und ihre Jury die 40-Prozent-Quote an Wettbewerbsfilmen von Regisseurinnen ignoriert und für die beiden wichtigsten Preise Beiträge von Männern gekürt, die das Thema Genderparität nicht mal streifen. Ganz überraschend kommt der Goldene Bär aber trotzdem nicht. Das Alleinstellungsmerkmal von "Synonymes" ist das Migrationsthema (über das alle reden, nur das Kino offenbar kaum noch) – das der israelische Regisseur Nadav Lapid auf ungewohnte und persönliche Weise entfaltet.

In "Synonymes" behandelt Lapid eigene Erfahrungen. Seiner Heimat entfremdet, wollte der Filmemacher in Paris neu anfangen, ohne bis auf seine "Bewunderung für Napoleon, meine Leidenschaft für Zidane und ein paar Godard-Filme, die ich zwei Monate zuvor sah" allzuviel Frankophilie mitzubringen, wie der Regisseur in einem Interview zugab. Wie Yoav im Film lernte Lapid ein französisches Wörterbuch auswendig, um sich mittels Sprache in einen anderen Menschen zu verwandeln.

Aber Yoav stößt immer wieder an die Innengrenzen seiner jüdischen Identität. "Synonymes" ist ein Film über Selbstverleugnung. Zugleich kritisiert die eher komische als tragische Geschichte einer verbissenen und daher scheiternden Assimilation auch politische Naivität und Hybris – wenn Yoav, zwischenzeitlich bei der israelischen Botschaft beschäftigt, einfach die Schranke für alle Antragsteller öffnet, um sich als Befreier aufzuspielen. "Es gibt keine Grenzen!", ruft er in heroischer Emphase. Seinen Plan der Anpassung um jeden Preis gibt Yoav nicht einmal auf, als er, der kriegsmüde Ex-Soldat, den blutrünstigen Text der Marseillaise auswendig kennt, um die französische Nationalhymne beim Integrationskurs mehr herauszublöken als zu singen.

Sprachen, Hymnen, Gebräuche kann man lernen. Es ist der Körper, die darin eingeschriebene Herkunft, an der Yoav am Ende zu scheitern droht. "Synonymes" aber triumphiert, nicht zuletzt dank des fantastischen Hauptdarstellers Tom Mercier, der seinen ganzen Körper in die Waagschale und sich gegen verschlossene Türen wirft, eine von Energie sprühende Performance der Extraklasse. Manche Zuschauer störten sich daran, dass Mercier mehr als einmal nackt auftrat, aber die Entblößung ergibt Sinn bei einer Figur, die im wahrsten Wortsinn aus ihrer Haut herauswill. Mercier, der von Lapid aus der Schauspielschule herausgecastet wurde, exponiert sich in einer Szene mit einem Fetischfotografen ("Steck dir den Finger in den Hintern!") mit verblüffender Selbstverständlichkeit. Von diesem Ausnahmeschauspieler werden wir noch hören.

Weil es alles andere als eine Ausnahmeberlinale war (es wäre trotzdem unfair, den scheidenden Chef Dieter Kosslick für den mageren Wettbewerbsjahrgang verantwortlich zu machen), gibt es bei den weiteren Bären wenig Überraschungen. "Grâce à Dieu", ein Film über den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Frankreich, bekam den Großen Preis der Jury. Ein wichtiges Thema, eine prosaische Umsetzung. François Ozon hat sich als Regisseur deutlich zurückgenommen, stilistische Extravaganzen wären hier womöglich verfehlt gewesen, doch ein Preis für das ebenfalls von Ozon verfasste Script wäre passender gewesen.

Den Silbernen Bär für das Beste Drehbuch kriegten aber Maurizio Braucci, Claudio Giovannesi und Roberto Saviano für "Piranhas", die eher glatte Verfilmung eines Saviano-Romans um neapolitanische Jugendliche, die sich der Camorra verschreiben. Der Silberne Bär für den Kameramann Rasmus Videbæk geht in Ordnung: Hans Petter Molands Romanadaption "Pferde stehlen" war tatsächlich schön fotografiert, der Coming-of-Age-Film um Vater-Sohn-Konflikte und Familientragödien nervte jedoch unsäglich mit einer symbolisch überfrachteten Natur (Fels, Wald und Fjord in Norwegen. Und ein paar Nazis).

Juryentscheidungen sind bei der Berlinale teilweise Verschiebebahnhöfe. Man weiß nie genau, warum welche Leistung bei der Verleihung durchstartet, warum andere Filme aufs Abstellgleis geraten. 2018 waren gleich drei (deutsche) Filme unter den "Verlierern", diesmal gingen nur Emin Alpers "Tale of Three Sisters" und Wang Quan’ans "Öndög" zu Unrecht leer aus.

Die Darstellerbären hätte man mehreren Schauspielern gegönnt – etwa Valerie Pachner für ihre Burnout-Kandidatin in "Der Boden unter den Füßen", vielleicht auch Jonas Dassler, der den Mörder Fritz Honka in Fatih Akins die Heinz-Strunk-Vorlage vergröberndem "Goldenen Handschuh" fulminant verkörperte. Doch die beiden Bären fürs Schauspielfach gingen (Stichwort: Verschiebebahnhof) indirekt an den starken chinesischen Beitrag "So Long, My Son". Der epische Dreistünder um ein traumatisiertes Ehepaar, um lebensprägende Schuldgefühle und die Einkindpolitik in China wurde quasi über einen Umweg gewürdigt: mit je einem Silberbären an die Hauptdarsteller Yong Mei und Wang Jingchun. Dabei war das ganze Ensemble preiswürdig.

Man ist fast ein bisschen erleichtert darüber, dass die Jury der sensationellen, 2008 geborenen Darstellerin Helena Zengel keinen Darstellerpreis zugedacht hat. Für ihre Verkörperung des wutentbrannt und mit allen Bandagen um ihr Glück kämpfenden Problemkinds Benni hätte die Elfjährige den Ruhm verdient. Der Rummel aber hätte ihr womöglich nicht gutgetan. Bei der Regisseurin Nora Fingscheidt ist der Silberne Bär (Alfred-Bauer-Preis) in den absolut richtigen Händen. "Systemsprenger" zählte zu den Favoriten dieser Berlinale.

Während die Meinungen über "Ich war zuhause, aber" von Angela Schanelec (Silberner Bär für Beste Regie) deutlich geteilt waren. Astrid lebt in Berlin, ihr 13-jähriger Sohn Phillip war weggelaufen, nun ist er wieder da. Astrid möchte wohl manchmal Amok laufen, aber es reicht nur für einen Wutanfall in der Küche und eine leidenschaftliche Diskussion mit einem Theaterregisseur (wie Jürgen Gosch einer war, Schanelecs Mann, der 2009 an Krebs starb). Phillip probt Hamlet für eine Shakespeare-Schulaufführung, ein Stück über die zweite Generation, die an den Taten der Eltern erstickt. Schanelec zeigt Menschen, die feststecken, die nicht handeln, nicht einmal flüchten können. Mitunter zeigt sie auch Tiere: einen Esel, einen Hund, der ein Kaninchen jagt und frisst. Manche Szenenfolgen wirken stark, andere wie Parodien auf "Berliner Schule": Gesenkte Köpfe, stumpfe Dialoge, zelebrierter Stillstand. Man weiß am Ende nicht so recht, wohin der Film will. Aber wohin will die Melancholie? Diese Berlinale war anstrengend, wenig energetisch. Jetzt gehen Publikum und Kritiker nach Hause, aber ...

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