75 Jahre ist die Berlinale alt, aber um sie lebensgefährlich zu beschädigen, reichen auch ein paar Minuten. Mit einer knappen Mitteilung verortete das Kulturstaatsministerium von Wolfram Weimer am Donnerstagmorgen den schwebenden Dolch dort, wo er seit dem Vortag geprangt hatte: über der Position von Tricia Tuttle als Berlinale-Intendantin. "Die Gespräche über die Ausrichtung der Berlinale werden in den kommenden Tagen zwischen der Intendantin, Tricia Tuttle, und dem Aufsichtsratsgremium fortgesetzt", hieß es in der Erklärung. Auch das britische Brancheblatt "Screen International" verbreitete die Meldung umgehend und über Stunden als Aufmacher. 24 Stunden hatte Tuttles drohende Abberufung die Branche in Atem gehalten, und so soll es die nächsten Tage wohl bleiben. Es wäre eine unerhörte Machtdemonstration in der deutschen Kulturpolitik. Wenn nicht, auch das ist eine andere Möglichkeit, Weimer seinen Coup verloren und Tuttle keineswegs bereits vergrault hat – getragen von einer enormen Solidaritätswelle in der internationalen Filmszene.
Schriftsteller und Drehbuchautor Daniel Kehlmann hatte am Mittwoch einen historischen Vergleich gezogen: "Sollte Tricia Tuttle wegen Dingen, die Preisträger auf der Bühne gesagt und gemacht haben, entlassen werden, wäre es die größte Katastrophe der deutschen Kulturpolitik seit der Hausdurchsuchung bei Heinrich Böll im Jahr 1972." Es ist eine bemerkenswerte Parallele, denn in ihrer Symbolpolitik dürfte Weimers Entscheidung aus dem gleichen Geist getroffen sein wie damals, als kritische Kulturschaffende in einer Allianz aus konservativen Politikern und Springer-Medien als RAF-Sympathisanten denunziert wurden.
Über "Bild" hatte Wolfram Weimers Kulturstaatsministerium am Mittwochmittag die Nachricht gestreut, die Abberufung der Festivalchefin Tricia Tuttle stehe unmittelbar bevor. "Die Berlinale ist kein Ort für Hetze, Drohungen und Antisemitismus. Israel-Hass darf sich dort nicht austoben, schon gar nicht mit Steuergeldern finanziert", wurde Weimer dort zitiert. "Nach Antisemitismusskandal", so die Unterzeile des Artikels, der noch immer online steht, werde Tuttle "abgelöst". Dass antisemitische Vorfälle bei der am vergangenen Samstag beendeten Berlinale nicht bekannt sind, spielt bei dieser Kampagne keine Rolle.
Festivals sind nicht verantwortlich für die Dankesreden ihrer Preisträger
Ursächlich sei laut "Bild" ein Pressefoto gewesen, das Tuttle neben einer Palästina-Flagge mit dem Team des späteren Gewinnerfilms des Debütpreises, "Chronicles of a Siege" zeigte. Bei der Preisverleihung am Samstag hatte dessen Regisseur Abdallah Alkhatib, an Deutschland gerichtet, erklärt: "Sie machen mit beim Genozid Israels in Gaza." Auch das war nicht antisemitisch, ebenso wenig wie seine zugegeben unfreundliche Prophezeiung, bei einem künftigen Filmfestival in Gaza würde man sich an jeden erinnern, der "an unserer Seite stand und der gegen uns war."
Eine schlagfertige Moderatorinnen-Antwort darauf hätte lauten können, dass es ja bereits ein Filmfestival in Gaza gebe, ein Frauenfilmfestival, und dass man sich dort gerne treffen könne, wenn der Krieg beendet und die Hamas verschwunden sei. Aber erstens ist man nachher immer schlagfertiger, zweitens hieß die Moderatorin an diesem Abend Désirée Nosbusch und nicht Tricia Tuttle, und drittens sind Festivals nicht verantwortlich für die Dankesreden ihrer Preisträger. Solange alles mit rechten Dingen zugeht, gibt es auch keinen Grund einzuschreiten.
Auch die Fernsehaufzeichnung des ZDF lief, trotz der Sicherheit zeitversetzter Programmierung, unverändert über den Sender. Schließlich gehören Preisverleihungen zu den wenigen TV-Formaten, in denen ungeplante Reden möglich sind, das ist Teil ihrer Spielregeln. Tricia Tuttle einen Strick daraus zu drehen, scheint auf den ersten Blick entweder dumm oder perfide, aber es geht wohl nicht einmal um sie.
Eine Drohgebärde, die auf alle Kultureinrichtungen abzielt
Für Weimer ist die Berlinale und ihr Image als "politischstes" der großen Filmfestivals offensichtlich Ausdruck eines von ihm verhassten "woken" Kulturbetriebs. Ob bei "Markus Lanz", in der Maischberger-Talkshow oder jüngst bei der Verkündung angereicherter Filmfördertöpfe – die Warnung vor der "woken Gefahr", unterfüttert mit einem angeblichen "linken Antisemitismus", ist sein Mantra. Das Beispiel Tuttle zeigt, dass es keinerlei antisemitischer Vorfälle bedarf, und dass es im Zweifelsfall schon reicht, als Gastgeber eines syrisch-palästinensischen Filmemachers in der Nähe von Palästina-Fahnen und Kufiyas fotografiert zu werden. Es geht hier um Einschüchterung, aber mehr noch um Symbolpolitik. Das weltweit bekannteste deutsche Filmfestival ist gerade groß genug für eine solche Drohgebärde. Sie zielt auf alle Kultureinrichtungen ab, die von öffentlicher Förderung abhängig sind.
Binnen weniger Stunden füllten sich am Mittwoch gleich mehrere Solidaritätsbekundungen für Tuttle mit Tausenden Unterschriften aus der internationalen Filmwelt, von Oscar-Preisträger Todd Haynes, dem Berlinale-Juryvorsitzenden des Vorjahres, bis zu Tilda Swinton, die erst kurz zuvor die Berlinale für mangelnde Empathie gegenüber den palästinensischen Opfern getadelt hatte. İlker Çatak, Regisseur und Autor des Goldenen Bären von vergangener Woche, "Gelbe Briefe", erklärte, falls Tuttle abberufen würde, werde er nie wieder einen Film an das Festival geben.
Zugleich legte der Springer-Fernsehkanal Welt.TV im Laufe des Nachmittags nach. CDU-Bundestagsabgeordnete Ellen Demuth verteidigte dort den Rauswurf, als sei er bereits ausgesprochen und warf Tuttle einen "antisemitischen Vorfall" mit Ansage vor, da sich schon bei einer Anhörung uneinsichtig gezeigt habe. Im Kulturmagazin "Resonanzen" des WDR-Hörfunk erklärte sich der Filmkritiker Rüdiger Suchsland bereit, einen hohen Geldbetrag darauf zu wetten, dass Tuttle noch am Donnerstag entlassen würde. Schon ihr Wettbewerb sei durchgehend verrissen worden.
Autorität des Geldgebers über die Inhalte
Wer, anders als Suchsland, bei dem Filmfestival akkreditiert war, konnte einen anderen Eindruck gewinnen. In gut anderthalb Jahren hat Tricia zwei der künstlerisch spannendsten Berlinale-Ausgaben seit langem gestemmt. Aber wie so oft, wenn Kulturschaffende gecancelt werden sollen, spielen Inhalte keine Rolle. Wolfram Weimer demonstriert hier eine in Deutschland lange nicht mehr für möglich gehaltene Autorität des Geldgebers über die Inhalte. Ziel ist die Einschüchterung.
Die Berlinale wurde 1951 vom US-amerikanischen Filmoffizier Oscar Martay gegründet als „Schaufenster in die freie Welt“, was durchaus propagandistisch gemeint war. Nun könnte ihr eine andere Lehre aus den USA zum Verhängnis werden. Was Weimer hier versucht, die Einschüchterung des Kulturbetriebs durch die Politik, ist in der Trump-Administration an der Tagesordnung.