Ringbahn-Projekt in Berlin

Nächster Halt: Utopie

Die Berliner Festspiele feiern ihr 75-jähriges Bestehen. Teil des Programms ist ein Projekt entlang der Ringbahn, bei dem man an jeder Station eine künstlerische Vision kennenlernt, die nie verwirklicht wurde. Wir sind schonmal eingestiegen

Am 5. September 1951 wurden die ersten Berliner Festwochen eröffnet – in einer von vier Siegermächten kontrollierten Stadt. Das Festival (mit Musik, Tanz, Theater, Kunst und Sportveranstaltungen) und auch die erste Berlinale wurden in der Hochphase des Kalten Krieges aus der Taufe gehoben, als Reaktion auf die "Weltfestspiele der Jugend" im sowjetischen Sektor der Stadt.

Aus den Berliner Festwochen gingen die Berliner Festspiele hervor, die heute das Theatertreffen, die Berlinale, das Musikfest, das Jazzfest und die MaerzMusik veranstalten und außerdem das Ausstellungshaus Gropius Bau bespielen.

Nun feiert die Institution ihren 75. Geburtstag. Matthias Pees, Intendant seit 2022, erinnerte am Mittwoch bei einer Pressekonferenz an die historischen Hintergründe des Festspielbetriebs: "Über dem mit Kunst- und Kulturprogrammen ausgetragenen Wettkampf der Systeme wehten stets die Fahnen der Freiheit. Freiheit von kapitalistischer Ausbeutung auf der einen, Freiheit von kommunistischer Unterdrückung auf der anderen Seite."

Mit der S-Bahn zu vergessenen Visionen

Während die von Saba-Nur Cheema und Meron Mendel kuratierten Thementage "Reflexe & Reflexionen" (unter anderem mit der Ex-Kanzlerin Angela Merkel) am Sonntag bereits zu Ende gehen, wird das an diesem Wochenende beginnende Projekt "What If Berlin?" noch bis zum 20. September weitergeführt. Der japanische Künstler Akira Takayama hat dafür 100 künstlerische Projektentwürfe für Berlin begutachtet, die nie realisiert worden sind. Takayama spricht von "Geistern", die aus den Archiven der Berliner Festspiele oder anderen Kulturinstitutionen sowie aus Architekturbüros und Künstlerarchiven ans Licht befördert werden. 

27 solcher vorerst gescheiterten Visionen werden an vier Wochenenden bis zum 20. September an den Stationen der Berliner Ringbahn von erfahrenen Stadtführerinnen vorgestellt. Diese regen ihr Publikum während der sechs verschiedenen Touren immer wieder dazu an, darüber nachzudenken, ob man die eine oder andere Idee vielleicht in Zukunft doch noch verwirklichen könnte.

So ersann der Künstler Martin Mlecko im Jahr 1986 eine Plakataktion, die nicht realisiert wurde, aber in abgewandelter Form an der S-Bahnstation Hermannstraße nun auferstehen soll. An einem Kiosk kann ein Sticker erworben werden, mit dem man sich bekennen kann: "Ich bin Berliner".

Gefängnisstrafe für Ikarus

Unter anderem die Tour A – unter dem Motto "Dürfen Kommunisten träumen? Eine unterdrückte Vorstellungskraft" – wurde bereits während eines Pressetermins vorgestellt. Entlehnt ist der Titel einer bekannten Kunstserie im damaligen Palast der Republik in Ost-Berlin. Dabei wurden 16 Bilder von 16 Künstlern zum Thema präsentiert. Heute werden die Kunstwerke nur noch selten ausgestellt, da die Reihe teilweise staatsnahe Propaganda-Elemente enthält. 

Während die Station an der Schönhauser Allee um die Frage kreist, ob man das frühere Haus der Jungen Talente der DDR wieder aufleben lassen sollte, erinnern Takayama und seine Mitstreiter an der nahen Storkower Straße an einen kühnen Vorschlag zur Umgestaltung des Bersarinplatzes: "Ikarusflug" war ein provokanter und regimekritischer Architekturentwurf der Planer Christian Enzmann und Bernd Ettel aus dem Jahr 1984 für die Neugestaltung des Platzes, der beiden Gestaltern eine Gefängnisstrafe einbrachte.

Der Entwurf nutzte Architektur als eine Form des Protests, um die Widersprüche und Repressionen der DDR-Diktatur offenzulegen. Entlang der Straße sollte eine repräsentative, geschönte Fassade aus billigen Plattenbauten entstehen, die gleichzeitig den Machtanspruch der DDR-Führung und die Tristesse der sozialistischen Baupolitik zur Schau stellte. 

Der Verfall hinter den prächtigen Fassaden

Hinter den glatten Schaufassaden sollte der echte Verfall der Gebäude sichtbar bleiben. Ein zentrales, bewegliches Denkmal zeigte die Figur des Ikarus zusammen mit Bürgerinnen und Bürgern beim Fluchtversuch in die Freiheit. Direkt nach dem Passieren eines Tores wurden die Fliegenden symbolisch durch Laserkanonen als Metapher für die staatliche Überwachung und den Absturz der Träume getroffen. Es wundert heute nicht, dass "Kommunisten" so kühn dann doch nicht träumen "durften" – und es riskanterweise dennoch immer wieder wagten.

Weitere Themen der Ringbahntouren sind "Was baut man auf Ruinen? – Zwischen Vergessen und Wiederaufbau" (Tour B) oder "Kann Kultur die Stadt verändern? – Wer ist Berliner?" (Tour D) einschließlich der bereits erwähnten Station Hermannstraße. Die Tour F – "Zur Ringstadt – Die Entwürfe des Zentrums dekonstruieren und reenacten" lässt die Ringbahn in ihrer Funktion als reine Verkehrsinfrastruktur hinter sich. Die Linie wird zur Bühne, auf der die Zukunft der Stadt entworfen und die Vergangenheit erfahrbar wird. Die Spurensuche kann beginnen.