Zum Tode von Richard Hamilton

Big Business

Er machte vor, wie man der massenmedialen Flut Herr werden kann: Richard Hamilton, der Erfinder der Pop-Art, ist jetzt mit 89 Jahren gestorben

Wir wissen es nicht erst seit den Tagen von Facebook: Die ständige Selbstdarstellung und Neuerfindung des modernen Individuums bedeutet Anstrengung und sportliche Hingabe. Dass alles dazu auch noch lässig aussehen muss, macht es nur noch mühevoller. Richard Hamilton hat bereits am Beginn der Popkultur ein gültiges Bild für die neue Herausforderung gefunden: „Was ist es nur, was heutzutage das Zuhause so anders, so ansprechend macht?“ betitelte der britische Künstler 1956 sein Plakat für die Ausstellung „This is Tomorrow“ in der Whitechapel Art Gallery London. Mit diesem Poster, dieser Show schlug die Kunst einen neuen Weg ein, feierte ironisch und fasziniert das Triviale und den Trash. Das „Inventar der Populärkultur“ fand der Kritiker Lawrence Alloway in Hamiltons Collage und dachte sich den Namen für die neue Bewegung aus: Pop-Art.

Der Bodybuilder auf dem Plakat hält einen gigantischen Lutscher in der Hand, ein Pin-Up-Girl drückt den Busen raus, die Comicszene an der Wand, die Neonreklame, Möbel, Tonband, Fernseher, Zeitung, all der protzige Fortschrittsplunder – die Moderne sieht in dieser Collage schon ziemlich voll und chaotisch aus. Die Comicstrips Roy Lichtensteins, die Celebrities Andy Warhols und selbst der Staubsauger Jeff Koons’ leuchten bereits aus Hamiltons Collage herüber.

"Populär, flüchtig, billig, jung, witzig, sexy, trickreich, glamourös und big business" solle die Kunst sein, schrieb der Londoner einmal und zeigte sich damit als Visionär. Er baute Spiegelsäle, arbeitete 1971, als einer der ersten Künstler mit Computern, kopierte Werke von Marcel Duchamp und führte so dessen Idee vom Readymade weiter. Selten sah Landschaft so romantisch aus wie auf dem Gemälde, für das er die Vorlage in einer Toilettenpapier-Anzeige fand.

Den Titel "Vater der Pop-Art" lehnte er ab
Doch nicht allein der Witz stand dabei im Vordergrund: In Hamiltons Schriften lässt sich verfolgen, wie er sich intensiv mit Fragen der Wahrnehmung auseinandersetzt. Da passt es, dass er früh und immer wieder Joyces „Ulysses“ illustrierte, ein Roman, der gebrochen vom Alltag erzählte und damit eine neue Epoche einläutete.

Richard Hamiltons intellektuelle Experimentierfreude verhinderte, dass er sich auf Markenzeichen reduzieren ließ. Selbst das Label „Vater der Pop-Art“ lehnte er ab. Vielleicht ist das auch der Grund, warum der Bilderplünderer niemals so bekannt wurde wie seine amerikanischen Popkollegen - er war einfach nicht zu fassen. Doch obwohl der Brite nichts Ikonisches an sich und in seinen Arbeiten kultivierte, erkannte er doch die Ikonenversessenheit des Kunstbetriebs: Das spiralförmige New Yorker Guggenheim-Museum stelle er 1966 auf Siebdrucken reduziert und verheißungsvoll wie ein Logo dar.

Die Pop-Art ist längst Kunstgeschichte. Die Arbeiten Richard Hamiltons aber wirken immer noch so frisch und raffiniert wie je. In letzter Zeit war es etwas ruhiger geworden um ihn, ab 2013 aber werden die Londoner Tate und andere große Häuser weltweit eine große Hamilton-Wanderretrospektive ausrichten; bis zuletzt habe er daran mitgearbeitet, so heißt es. Auch hier wird noch einmal sichtbar werden, wie dankbar man ihm sein kann: Er machte vor, wie man der massenmedialen Flut Herr werden kann. Jetzt ist Richard Hamilton nach Angaben der Gagosian Gallery mit 89 Jahren gestorben.