Bilanz der New Yorker Frühjahrsauktionen

Ist die Flaute im Kunstmarkt vorbei?

Der Kunstmarkt sendet wieder Rekordsignale: Bei den New Yorker Frühjahrsauktionen explodieren die Spitzenpreise. Doch die Euphorie im übrigen Kunstbetrieb hält sich in Grenzen

Knapp zehn Minuten dauerte der Bieterwettstreit um Jackson Pollocks wandfüllendes Drip-Painting "Number 7A" aus dem Jahr 1948. Dann fiel der Hammer von Christie's-Auktionator Adrien Meyer bei 157 Millionen US-Dollar, die Kollege Alex Rotter für einen Kunden am Telefon geboten hatte. Mit Aufgeld kostet das Werk 181,2 Millionen Dollar. Damit ist es das viertteuerste Kunstwerk, das je versteigert wurde.

Es stammte aus der Sammlung des 2017 verstorbenen Verlegers S.I. Newhouse (Condé Nast), wie auch 15 andere Werke in der Auktion und war mit einem Schätzwert von 100 Millionen versehen. Es war gewissermaßen eine Sensation mit Ansage, ist Pollock doch seit Jahrzehnten ein Liebling des Marktes und der Trophäensammler.

Mit der gleichen Vorbewertung ging Constantin Brâncușis "Danaïde" ins Rennen, ein abstrahierter Kopf aus Bronze aus dem Jahr 1913. Trotz eines etwa cringy wirkenden Werbevideos mit Nicole Kidman, musste Christie's jedoch möglicherweise die Vorab-Garantie eines Dritten in Anspruch nehmen, dem das Werk bei 93 Millionen Dollar zugeschlagen wurde. Inklusive Aufgeld, von dem der Garantiegeber einen Anteil erstattet bekommt, sind das 107.585.000 Dollar.


Sämtliche Lose dieser Provenienz waren mit Garantien ausgestattet, das Risiko für das Auktionshaus minimiert. Formal handelt es sich also um einen einen White-Glove-Sale, bei dem alle aufgerufenen Lose verkauft wurden. 540,5 Millionen Dollar (630,8 Millionen inklusive Aufgeld) brachten allein diese 16 Werke. Insgesamt nahm Christie's mit seinen Evening Sales 950 Millionen Dollar (1,1 Milliarden) ein.

Schwung in der Hochpreisliga

Schon in der Woche zuvor hatte Sotheby's die Saison eröffnet und unter anderem mit "Brown and Blacks in Reds" von Mark Rothko aus dem Jahr 1957 vorgelegt. Das Werk  stammt aus dem Nachlass des im letzten Jahr verstorbenen Galeristen Robert Mnuchin und erfüllte mit 85,8 Millionen Dollar inklusive Aufgeld die Erwartungen (70 Millionen ohne Aufgeld). Die elf Werke aus dieser Quelle trugen mit 166,3 Millionen Dollar zum Gesamtergebnis der Contemporary-Auktion von 433,1 Millionen Dollar bei. Am Dienstagabend kamen bei der Moderne-Auktion noch einmal 303,9 Millionen Dollar dazu, angeführt von Pablo Picassos kubistischem Portrait "Arlequin (Buste)" aus dem Jahr 1909, das erwartungsgemäß 42,6 Millionen Dollar brachte.

Phillips, das kleinste der drei Großen, hat ebenfalls alle 40 angebotenen Positionen verkauft und mit 115 Millionen Dollar die Gesamtschätzpreissumme eingespielt und damit mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Auch hier war ein Drip Painting von Jackson Pollock im Angebot. Das unbetitelte Werk aus dem Jahr 1948 hatte etwa DIN-A1-Format und blieb mit 9,168 Millionen Dollar inklusive Aufgeld im Rahmen seiner Taxe. "Sixteen Jackies" von Andy Warhol brachte netto gerade seinen unteren Schätzpreis von 15 Millionen Dollar.

Ausreißer nach oben gab es vor allem bei junger Kunst, etwa mit dem 1986 geborenen Joseph Yaeger, der von Hauser & Wirth vertreten wird, dessen Aquarell auf Leinen "There is a light and it always goes out" statt veranschlagten 60.000 Dollar 477.000 Dollar einbrachte. 

Ist die Flaute im Kunstmarkt damit beendet? Zumindest in die Hochpreisliga scheint wieder Schwung gekommen zu sein. Die Überschneidungen mit der Realität in den zeitgenössischen Programmgalerien dürften sich in Grenzen halten. Das ist eine Parallele zur Börse, die von einem Hoch zum nächsten eilt, während der Mittelstand und die arbeitende Bevölkerung mit hohen Energiekosten und Inflation zu kämpfen haben.