Bjørn Melhus in Berlin

In Echokammern

Verloren in der Endlichkeit: Im Berliner Silent Green inszeniert der Medien- und Verwandlungskünstler Bjørn Melhus ein Mashup bisheriger Werke. Trotz einem Übermaß an Krisenmodus bleibt er dabei nicht in der Sackgasse des Zynismus stecken

Mehr Immersion geht nicht. Rechts und links an den Wänden der in die Tiefe führenden Rampe rasen Baumstämme vorbei. Sogartig ziehen uns die projizierten Filmbilder einer nächtlichen Autofahrt durch einen Wald in die Ausstellung hinunter. Hier, in der unterirdisch-kühlen Betonhalle des Silent Green, wurden früher Leichen gelagert und eingeäschert. Statt letzter Ruhe bietet die Ausstellung "Lost in Finity" die Unruhe medialer Wiedergänger, narrative Dauerschleifen, aus denen es kein Entrinnen gibt. Die Schau kreist um Wahnvorstellungen und Zukunftsvisionen im Medienzeitalter.

Die Konstante in Bjørn Melhus’ Soloausstellung im Silent Green ist der Künstler selbst. Melhus ist bekannt dafür, sich in verschiedensten Verkleidungen und Masken zu inszenieren. Während die Collage-Kunst des "Found Footage" üblicherweise von visuellem Material  ausgeht, das neu arrangiert wird und damit eine Bedeutungsverschiebung erfährt, interessiert sich Melhus für Soundtracks und insbesondere für Stimmen, die er in seine Arbeiten einbaut. Es sind Stimmen aus Hollywoodklassikern oder Influencer-Videos, mit denen die von ihm verkörperten Figuren sprechen.

"Hello, don’t be scared" lautet der Satz, den eine geklonte Gruppe Pyjama tragender Kinder (gespielt von Melhus) beständig wiederholt. Bei der Szene am Fuß der Rampe handelt es sich um einen Ausschnitt aus der Installation "Sometimes (Fire in Zero Gravity)" (2002), in der Melhus die verstörenden Ereignisse von 9/11 verarbeitete. Der mediale Ausnahmezustand, begleitet von einem Gefühl permanenter, aber unbestimmter Bedrohung, hat Melhus’ Kunst seither nachhaltig geprägt. Wir sind Gefangene im Krisenmodus. Die Soloschau "Lost in Finity" (Verloren in der Endlichkeit) erzählt von der Orientierungslosigkeit des Einzelnen in der Informationsgesellschaft, die von einem endlosen Bilderstrom geprägt ist, in der die Handlungsoptionen sich aber stetig verkleinern.

Dauererregungsschleifen und Echokammern

Während die eigentliche Melhus-Retrospektive in einen Kinoraum ausgelagert wird, setzt sich der Ausstellungsparcours aus neu gesampelten Fragmenten seiner Werke aus 35 Schaffensjahren zusammen. Eine der wenigen Ausnahmen bildet das komplett gezeigte Video "Sudden Destruction" (2012), in dem die Stimmen selbsternannter Propheten zu hören sind, die das – angeblich im Maya-Kalender für 2012 vorausgesagte – Weltende postulieren. Melhus verkörpert eine zombiehaft zuckende Leiche, aus deren Mund die obskuren Weissagungen zu kommen scheinen.

In der Ausstellung begegnen wir auch der kleinen Dorothea wieder, die mit ihren Zöpfen und ihrer grünen Haarschleife als Wiedergängerin des Mädchens Dorothy aus dem Hollywoodfilm "The Wizard of Oz" erscheint. Melhus’ 39-minütiger "Weit weit weg" (ebenfalls Teil des Filmprogramms im Studio Kino) entstand 1995 als Studienarbeit an der Braunschweiger Hochschule für bildende Künste. Den Anstoß für "Weit weit weg", in dem Melhus’ Traumtänzerin Dorothea lippensynchron zu Judy Garlands Dialogschnipseln aus King Vidors Fantasyfilm von 1938 spricht, gab Salman Rushdies Essay "Out of Kansas" im "New Yorker". Während Garlands berühmte Nummer "Over the Rainbow" eine "Feier der Flucht, ein Lobgesang des entwurzelten Selbst, eine Hymne – die Hymne – an das Anderswo" sei, komme die Filmfigur, so Rushdie, doch keinen Schritt aus ihrer provinzellen Existenz heraus. Schließlich wird im reaktionären Finale enthüllt, dass Dorothy das "zauberhafte Land" nur geträumt hat. Bei Melhus wird diese Sphäre von der standardisierten, letztlich imaginationsfeindlichen Welt des Fernsehens repräsentiert.

Mehr als zwei Jahrzehnte später taucht eine zombifizierte Dorothy in Vietnam wieder auf ("The End Time", 2019), um Textfragmente aus der US-Serie "China Beach" zu rezitieren – ein problematischer Versuch der Aufarbeitung des Vietnamkrieg-Desasters aus reaktionär-amerikanischer Sicht. "Weit weit weg" erscheint heute wie eine Keimzelle eines Schaffens, das sich konsequent kritisch mit der Propaganda, den Dauererregungsschleifen und den Echokammern der modernen Medienwelt beschäftigt.

Trailer zum Weltuntergang

Wie wichtig die Tonebene in Melhus Schaffen ist, begreift man im zentralen "Hell"-Segment der Ausstellung, die sich an Dantes "Göttliche Komödie" und ihren Teilen "Inferno", "Purgatorio" und "Paradiso" orientiert. Der Soundtrack des größten Ausstellungsraums ergibt sich aus Klängen und Wortfetzen einer ganzen Reihe von Melhus-Arbeiten. Dominierend die suggestive Perkussion aus "Revelation" (2024), einer Art Trailer zum Weltuntergang. Max Beckmanns im NS-Exil entstandene Illustrationen zur biblischen Apokalypse zählten zu den Inspirationsquellen. Die Pferde der apokalyptischen Reiter galoppieren vorbei, Melhus illustriert Plagen und Seuchen, dazwischen rauscht ein Regen aus Elon Musks Cybertrucks nieder. Melhus schuf "Revelation" als Stipendiat der Villa Massimo in Rom. Am römischen Himmel entdeckte der Künstler eines nachts eine seltsame Reihe heller Lichtpunkte: die Starlink-Satelliten von Elon Musk.

Statt in der Sackgasse des Zynismus steckenzubleiben, mündet "Lost in Finity" in einer "Consolation Bridge" in Form eines Ausstellungsraums voller Fenster, die einen letzten Blick auf das Höllenkapitel zulassen. Bjørn Melhus hat die "Trostbrücke" als Denkraum der Zukunft konzipiert. Es geht um gesellschaftliche Utopien, um Auswege aus dem Katastrophendenken. Für eine neue Arbeit hat Melhus erstmals auf KI zurückgegriffen, die ein Kinderfoto digital zum Leben erweckt. Der kleine Bjørn hat sich auf dem Foto als Mädchen verkleidet. Der Text, den die KI dem Kind in den Mund legt, erzählt von einem friedlichen Miteinander in einer klassenlosen Zukunftsgesellschaft. Der Weltuntergang? Ist bis auf Weiteres vertagt.