Noch bis zum 13. September widmet sich das Zentrum für verfolgte Künste in Solingen dem Dadaismus als politische Kunst zwischen den Weltkriegen. Mit Werken unter anderem von Hugo Ball, Otto Dix, George Grosz und John Heartfield oder auch Marta Hegemann, Hannah Höch und Emmy Hennings feiert das Museum den 110. Geburtstag der Kunstbewegung und fordert: "Sperren Sie endlich Ihren Kopf auf!" Zu Gast im Begleitprogramm: Blixa Bargeld mit einer Vocal-Solo-Performance.
Herr Bargeld, Sie gelten als Dada-Experte …
Nee, nee, Moment, sowas habe ich befürchtet. Ich versteh nicht, wie ich zu der Ehre komme, das ist eine Unterstellung! Ich habe einmal ein Lied geschrieben, das können Sie von Kunsthistorikern untersuchen lassen, da sind keine Fehler drin, aber wenn Sie mit Experten reden wollen, fragen Sie Dr. Hanne Bergius.
Sie haben sich nach dem Dadaisten Johannes Theodor Baargeld benannt, Dada hat Sie also zumindest fasziniert.
Dada war für mich wichtig, so mit 16. Zu der Zeit habe ich André Bretons Buch über den Surrealismus gelesen und Texte von Hans Arp. Ich hab meinen Kassettenrekorder zerlegt und mit allen möglichen elektronischen Mitteln, Geräusche rausgeholt. Wenn ich mich jetzt in der Zwischenzeit mit Dada beschäftigt hätte, dann hätte das vielleicht noch eine Rechtfertigung. Aber ich will mir den Mantel nicht umhängen.
40 Jahre später dann der Song "Let’s Do It a Dada" …
Wissen Sie, die Entstehungsgeschichte des Wortes Dada, was die Künstler dazu kolportiert haben, Halbwahrheiten und zum größten Teil gelogen. Da ist die Geschichte, dass das Wort zufällig aus einem Wörterbuch herausgepickt wurde. Die zweite ist – und da sind wir der Sache dann schon näher – das Wort bedeutet: Steckenpferd. Und dann hat man in den 90ern herausgefunden, es war das Argot-Wörterbuch, das Buch der französischen Slang- und Gaunersprache. Und da bedeutet es die Rittlingsstellung beim Geschlechtsverkehr. Das ist eine Tatsache, doch in der Kunstgeschichte wird stets das alte Muster wiederholt. Die Zeile "just you and me my darling, we know what it real means" ist eine Anspielung darauf. Das Interessante ist doch, dass diese Künstler, die einer sonst sehr provokativen Kunstgattung anhängen, es nicht übers Herz gebracht haben, die Wahrheit zu sagen, wo denn der Begriff Dada herkommt. Das war ihnen dann wohl doch schon wieder too much.
Und heute? Ist Dada wieder aktuell?
Ich weiß nicht. Was ist denn Dada? Das ist doch nicht wirklich greifbar und durch diese ständige Neurezeption von Jugenderinnerungen wird es nicht besser. Timm Ulrichs, gut, aber so viele Neo-Dadas kann es gar nicht geben. Und natürlich das Zentrum für Politische Schönheit! Aber da sagt keiner Dada, dabei passt es wie die Faust aufs Auge. Dada war ein Umkehrpunkt, aber auch eben zu 100 Prozent individualistisch.
In der Ausstellung in Solingen geht es vor allem um die politische Dimension, eine gemeinsame Haltung – ist Ihnen das näher?
Das große Ja, das kleine Nein - manchmal drehe ich es um und verwechsle es. Ja, George Grosz. Es gab bis vor kurzem in Berlin noch ein privates George-Grosz-Museum in einer ehemaligen Tankstelle. In der letzten Ausstellung ging es um den Briefwechsel zwischen ihm und Brecht. Das waren Linien, die man normalerweise nicht zieht. Nicht alles lässt sich auf das Gespenst der Kunstgeschichte zurückführen. Dada Berlin war inspiriert vom Futurismus, Marinetti und Russolo, Protofaschisten, aber da war formal was drin, was die alle umgehauen hat. Die Dynamik, die Manifeste und nicht zu vergessen die Lautgedichte: Zang Tumb Tumb. Im Grunde gibt es keine Dada-Erfindungen. Nur gut, dass – wenn es eine politische Dimension gab – es eben nicht die faschistische Dimension war. Wir könnten auch sagen: Ich bin Futurist oder Surrealist. Ich habe mit all diesen Dingen Verbindungspunkte, aber da wollen wir besser gar nicht mit anfangen. Jetzt hab ich wohl wieder gezeigt, dass ich Dada-Experte bin, aber ich kenne eben auch die Linien, die darüber hinausgehen.
Zwischen all diesen Linien, was erwartet uns bei Ihrer Solo-Performance?
Lange Zeit trugen die auch den Titel "Pseudowissenschaftliches Entertainment". Ich bau das Sonnensystem akustisch nach. Ich hab zwei Loop-Maschinen, die ich mit dem Fußpedal auf der Bühne bediene und die können eine Länge von circa 30 Sekunden halten. Wenn ich die Umlaufzeiten der klassischen Planeten – also bis zu Saturn – berechne, ergeben sich daraus die Zeiteinheiten für alle inneren Planeten. Vorher kreiere ich noch den kosmischen Gammastrahl und dann schick ich Asteroiden und immer mehr von außen kommende Objekte rein, bis die ganze Kiste irgendwann auseinander fällt.
Also ein Grundgerüst, aber am Ende offen?
Ich bin da eher bei der Stand-up-Comedy. Ich habe so 10 bis zwölf Routinen, also bestimmte technische Abläufe, die auch mein Engineer kennt. Er weiß was ich ungefähr als Ausgangspunkt für meine Erzählung nehme, aber es kommt immer wieder irgendwas ganz anderes raus. Die Fehleranfälligkeit des Systems ist einkalkuliert und erwünscht. Ich will, dass es irgendwann auseinander fällt und nicht mehr kontrollierbar ist.
Da sind wir ja dann methodisch bei Kurt Schwitters …
"Ich half Kurt beim Bauen seiner Häuser No. 1, 2 und 3. Ich reichte ihm die Säge, ich kochte ihm den Leim." Ja, es gibt durchaus Menschen, die mir sympathischer sind als andere. Wissen Sie, die akustische Schlaufe, die Wiederholung in einem Kontext zu setzen - wenn das funktioniert, was ich da auf der Bühne mache, das ist für mich der größte Moment. Ich reagiere auf das, was ich höre. Ich assoziiere. Ich lasse was raus. Man kann mir beim Denken zuhören und das ist noch in der selben Zeit Entertaining - wenn's klappt, kann aber auch schiefgehen.