Anna Gien

Das wird schon

Tuscheln mit Michel Würthle

09/20/2018 - 15:33

Ich liebe Charlottenburg. Für die alten Damen mit den fleischfarbenen Strumpfhosen, die geschmeidig dahintippelnden Swarovski-Hündchen, das Wohlstandsgrün der kleinen Tischdecken zwischen den vollgestopften Auslagen bei Rogacki, die sanfte Ruhe der Werbeplakate für Privatpraxen ästhetischer Chirurgie auf dem Ku’damm und für die Paris Bar.

Ja, für die Paris Bar.

Ich weiß, dass ich die Paris Bar eigentlich hassen müsste. Da sitzen die meiste Zeit eingewachsene, alte Herren in – viel zu jugendlichen – Maßanzügen herum, die den Frauen, mit denen sie da sind, nicht richtig zuhören, urprollige, Le-Pliage-behangene Grüppchen, die ungestüm ihr Halbwissen über die weißen Tischdecken hinweg proklamieren oder seichte Intellektualitäten in ihre Bouillabaisse brabbeln. Ich weiß. Ich weiß. Ich kann aber einfach nicht anders. Etwas an diesem Ort finde ich wirklich hinreißend.

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Anna Gien

Scheitern mit Christian Jankowski

I’m the Über-Loser, Baby!

08/08/2018 - 13:15

Christian Jankowski ist der zweitbeste Künstler Deutschlands. Das Scheitern ist für ihn irgendwo auf dem Weg nach oben zum Ursprungsmythos seiner Karriere geworden. Monopol-Kolumnistin Anna Gien hat mit ihm über Scham, Erfolg und Männersachen gesprochen

Im Prenzlauer Berg gibt es einen Laden, der "School of Life" heißt. Da liegen Bücher, T-Shirts mit motivational quotes, außerdem veranstalten sie dort Seminare und Workshops, bei denen man etwas übers Leben lernen kann. Die Corporate Identity des Ladens ist serifenlos und sonnengelb, was das Ganze mehr nach Outdoorbekleidungsshop als nach esoterischem Selbsthilfegebimmel aussehen lässt. Ein Buch liegt ganz vorne in der Auslage: "How To Fail - The Self-Hurt Guide". Vom Titel grinst ein gelber Smiley.

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Anna Gien

Das wird schon

Aktmodell für Zoë Claire Miller

07/03/2018 - 11:59

Ich war noch nie Aktmodell. Nur einmal aus Versehen, und das ist schon ziemlich lange her. Etwas an der Idee erschien mir, zumindest aus verklärt-abstrakter Perspektive, immer schon irgendwie reizvoll. Nachdem ich mich damit abgefunden hatte, dass ich nicht in alle Ewigkeit auf den Brief aus Hogwarts würde warten können, dass das mit der Popstarkarriere nicht wirklich realistisch war und meine Mathelehrerin mir bereits in der fünften Klasse klar machte, dass man ab hier nur noch Schadensbegrenzung betreiben könne, war mein erster ernstgemeinter Berufswunsch Muse. Dafür muss man einfach nur man selbst sein, dachte ich, und imaginierte mir ein Leben in verstaubten Ateliers zwischen leeren Rotweinflaschen und amourös aufgeladenen, hochtrabenden Konversationen. Trotz exzessiven Flanierens in den richtigen Gegenden wurde ich nicht früh genug entdeckt, und weil es keine offiziellen Agenturen für Musenvermittlung gab, und ich mir die Chancen einer Initiativbewerbung mit Lebenslauf und Motivationsschreiben nicht sehr hoch ausmalte, legte ich das Ganze vorübergehend auf Eis. 

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