Anika Meier

Anika Meier über Handyfotografie

Handybilder sind besser

11/30/2015 - 11:37

Gefundene Objekte, Banalitäten und beiläufige Knipserei gibt es schon länger als Handyfaufnahmen. Dass die mobile Fotografie diese Traditionen nicht vergessen hat, zeigen Ausstellungen am Niederrhein und in London

Was haben das Museum Goch in einer nordrhein-westfälischen Kleinstadt bei Düsseldorf und die Tate Modern in London gemeinsam? Beide haben sie gerade Handyfotografie ausgestellt, ohne sich mit Selfies, Foodies, cat content oder Ai Weiwei aufzuhalten. Wirft man einen Blick zurück ins Ausstellungsjahr 2015, sticht ins Auge, dass Künstler und Kulturinstitutionen sich mit der Veränderung des Gebrauchs und der Funktion von Bildern beschäftigt haben. Mit der Fotografie als Massenphänomen. Mit Bildern als Kommunikationsmitteln. Und mit dem Smartphonebesitzer als Knipser.

Künstler sammeln sich ihre objets trouvés inzwischen häufig in den sozialen Medien zusammen, ihre Alltagsgegenstände finden sie fotografiert vom Besitzer bei Ebay oder Craigslist. Sie sparen sich damit den Weg ins Kaufhaus, das Hantieren mit einem sperrigen Gegenstand wie einem Flaschentrockner oder das komplizierte Montieren eines Rades auf einen Hocker. Aus dem gefundenen Bildmaterial werden raumfüllende Installationen. Erik Kessels suchte sich Fotos von Füßen für "My Feet" zusammen, während Penelope Umbrico sich auf Schnappschüsse von Sonnenuntergängen spezialisierte. Der eine durchforstet Instagram, die andere Flickr. Wie man am Beispiel von Penelope Umbrico mit ihren "Suns" sieht, arbeiten Künstler schon länger mit Bildern, die ihnen das Internet beinahe endlos liefert. Seit 2006 tippt Umbrico in das Suchfeld bei Flickr "sunset" ein, schneidet die Fotos zu und druckt sie aus.

Sonnenuntergänge und Füße, damit sind schon fast alle beliebten Fotomotive des sozial vernetzten Knipsers neben Haustieren und Essen abgehandelt. Fehlen noch die Selfies, die es in diesem Jahr in gleich mehrere Ausstellungen geschafft haben. Die Kunsthalle in Karlsruhe zeichnet unter dem Titel "Ich bin hier" den Weg vom Selbstporträt zum Selfie nach, fängt mit Rembrandt an und endet mit Ai Weiwei. Um Antworten auf die Frage nach der Zukunft der digitalen Identität geht es mit einem "Ego Update" im NRW-Forum in Düsseldorf.

Kim Kardashian macht Selfies, aber auch jedes Kind, so die landläufige Meinung. Selfies werden gern belächelt, weil ­– nächstes Vorurteil – nur Selbstverliebte sich ständig selbst und das auch noch unter Zuhilfenahme einer Narzisstenstange fotografieren. Fotografen der alten Schule lehnen sie kategorisch ab. "Selfies brauche ich nicht, der Blick in den Spiegel reicht mir", antwortete der Modefotograf F.C. Gundlach auf die Frage "Selfie oder nicht?" (Monopol 11/2015). Ob man sie nun braucht oder nicht – es gibt sie, massenweise, deshalb thematisieren und kommentieren Künstler in Arbeiten oder Social-Media-Projekten das Verlangen nach Likes und Zuspruch, nach Authentizität und Wunschbildern, wie aktuell in Düsseldorf zu sehen ist.

F.C. Gundlach hat aber auch auf die Frage, ob analog oder digital Monopol geantwortet: "Ich habe einen ganzen Schrank voller Rolleis, Hasselblads und Leicas – aber fotografiere mit meinem Handy." Damit ist er nicht allein. Fotografen geben mal gern, mal weniger gern unumwunden zu, dass auch sie ihr Smartphone als Kamera benutzen. In den meisten Fällen werden diese Fotos aber als private Schnappschüsse ad acta gelegt, die es höchstens auf Instagram schaffen und dort auch nur als Einblick in den Alltag verstanden werden sollen.

Anders dieser Tage in Goch, einer Stadt am Niederrhein, die in knapp zwei Stunden von Düsseldorf mit einem nicht ganz so schnellen Zug zu erreichen ist. Das Museum dort zeigt eine Ausstellung des Frankfurter Fotografen Peter Loewy, der – wie wir vermeintlich alle – mit seinem Smartphone fotografiert. Beiläufig, wie der Titel "by the way" betont. Negativ oder wertend ist das nicht gemeint, es soll einfach nur gesagt sein, dass der Fotograf nicht seine teure und schwere Ausrüstung mit sich trug, sondern mehr oder weniger spontan auf Reisen und im Alltag agierte. Stephan Mann, der Direktor des Museums, erzählte, dass Peter Loewy mit ihm über die vielen Fotos auf seinem Telefon sprach, die in den letzten Jahren entstanden seien, und dass er nicht wisse, was er damit machen solle. So kam es schließlich zur Ausstellung, die im dritten Stock des Museums, unter dem Dach, zu sehen ist.

Die "mobile phone photography", wie es im Untertitel heißt, hängt im Postkartenformat an drei Wänden und ist kuratiert wie ein Tumblr, der ein etwas unübersichtliches Layout hat. Die Bilder passen zusammen, geben kohärent Momente wieder, können, müssen aber nicht zusammen gesehen werden. Wer nach Analogien sucht, wird fündig. Wer sich auf einzelne Fotos konzentrieren möchte, kann sich im Alltag von Peter Loewy verlieren. Einer Aufnahme der Mutter des Fotografen kurz vor ihrem Tod, in einem Krankenbett liegend, zur Seite gerollt, eingeknickt, die Hände übereinandergelegt, ist im Katalog ein von Loewy fotografiertes Detail aus einem Gemälde gegenüber gestellt, das ein schlafendes Kind in einer ähnlichen Position eingefroren hat.

Der Begleitband ist ebenfalls im Postkartenformat gedruckt und erinnert beim Durchblättern an ein Daumenkino, das den Betrachter einzelne Aufnahmen als eine fortlaufende Bilderfolge wahrnehmen lässt. An Stephen Shore und dessen Klassiker "American Surfaces" oder "Uncommon Places" lassen die Arbeiten von Peter Loewy denken. Wie Shore in den 70er-Jahren in Amerika auf seinen Road Trips Alltägliches akribisch fotografiert hat, hielt auch Loewy fest, was ihm auf Reisen und im Alltag begegnete. Loewy reiht sich nahtlos in die Geschichte der Fotografie ein, mit seiner Fokussierung auf die Banalitäten des Alltags und auf flüchtige Momente, die ihm bildwürdig erscheinen. Nur sein Arbeitsgerät ist ein anderes. Während Stephen Shore mit einer Rollei 35 und später mit einer Großformatkamera arbeitete, verlässt sich Peter Loewy allein auf sein Mobiltelefon.

Wie dem Essay im Katalog zu entnehmen ist, muss sich dafür gerechtfertigt werden. Zwar fotografieren alle mit ihren Smartphones, wenn das aber ein Fotograf tut, der noch dazu in einem Museum ausgestellt wird, gerät man offenbar unter Legitimationszwang – selbst wenn die Institution klein ist und laut der aktuellen Diskussion zur Lage der Museen in Deutschland eigentlich nicht einmal eine Daseinsberechtigung hat. Die Autorin Christiane Kuhlmann geht zurück zu beziehungsweise fängt mit Henry Fox Talbot und dem "Pencil of Nature" an, dem wahrscheinlich ersten Fotobuch aus dem Jahre 1844. Schon Talbot, ist dort zu lesen, konzentrierte sich auf die "Welt des Alltags, auf Orte, die er besuchte und betrachtete, auf kleine Begebenheiten (...) und vor allem auf Stillleben von Büchern, Porzellan, Früchten und Kunstgegenständen wie Lithografien oder Büsten." All das hat Peter Loewy auch fotografiert, 170 Jahre später, deshalb muss es okay sein, auch wenn er dafür ein Smartphone verwendet. Man habe sogar das Gefühl, Loewy sei persönlich bei Henry Fox Talbot in die Lehre gegangen, so der Essay weiter. Aber vielleicht entsprechen diese Bildthemen einfach nur dem Wesen der Fotografie, die schnell beobachtet und aufzeichnet.

Mit den "ordinary people" wird Peter Loewy außerdem verglichen, mit den gewöhnlichen Menschen, die wie er mit dem Smartphone fotografieren, nur hebe er sich davon ab. Zeit genommen habe er sich, gesammelt und zusammengestellt habe er, ihm gehe es nicht um das schnelle Liken, er arbeite an Langzeitprojekten, und das Editieren sei ein wichtiger Teil seiner fotografischen Strategie. Aber wer sagt, dass das nicht auch für "User" – wieder ein englischer Terminus im Essay – von Facebook, Flickr oder Instagram gilt?

Ausstellungen und Künstler, die sich auf den knipsenden Smartphonebesitzer und den Selfies machenden Narzisstenstangenträger konzentrieren, um sich einem Massenphänomen anzunähern, vermitteln dieses Bild. Aber es geht sogar noch anders. Das hat die Tate in London vor wenigen Wochen mit dem Projekt #LightDarkMatters vorgemacht, das seine Ergebnisse Ende November im Museum präsentierte. Unaufgeregt hat die Tate in Kooperation mit Olly Lang vom Mobile Photo Network auf Instagram um Beiträge für eine Ausstellung gebeten, die für 24 Stunden im Rahmen der Veranstaltung "Light and Dark Matters" zu sehen sein sollte.

 

Künstler, Philosophen, Wissenschaftler und Theoretiker kamen zusammen, um über Licht, Dunkelheit und die dunkle Materie zu sprechen. Über 2.200 Fotos wurden eingereicht, fast allesamt von besagten ordinary people. Aber darüber wurden sich keine Gedanken gemacht. Einzig und allein die Fotos zählten, die zu einem Thema gemacht werden sollten, das so alt ist wie das Medium selbst. Wie verändert sich das Licht durch die Fotografie? Da die Bilder nur für 24 Stunden in der Tate zu sehen waren, gibt es ein  Video, das alle ausgestellten Beiträge enthält.

 

Einwenden kann man nun freilich, dass es sich um alles andere als ein klassisches Ausstellungsformat handelt. Fakt ist aber, dass die Tate erkannt hat, dass das Fotografieren mit dem Smartphone nichts Verwerfliches ist, nicht abgeurteilt und vor allem nicht abgekanzelt werden muss als belangloses und zu belächelndes Massenphänomen, das nur Selfies, Foodies und cat content hervorbringt. Was Handyfotografie noch alles zu bieten hat oder inhaltlich richtiger: Was Smartphonefotografie alles kann und wer sie verwendet, wird sich vielleicht 2016 zeigen.