Anna Gien

Das wird schon

Das Schloss

11/26/2018 - 13:36

Monopol-Kolumnistin Anna Gien hat sich ein paar Tage auf ein heruntergekommenes Künstlerschloss in Sachsen-Anhalt zurückgezogen. Ein wenig Elendstourismus hat noch niemandem geschadet und Leid ist bekanntlich die Nahrung der Kunst

Ich muss weg. Weg aus Berlin, dachte ich, in dieser Stadt kommt man zu nichts. Immer ist irgendwas, man muss seine Freunde sehen, "muss" klingt jetzt hart, mein ich nicht so, aber doch: muss, weil sonst hat man irgendwann keine mehr. Dann endet man ganz allein, versumpft bis zum Anschlag in diesem Kollateralschaden aus Umständen, den man Persönlichkeit nennt, als Katzenoma, so eine mit Trolley und einem großen Hut, einem, der die Persönlichkeit unterstreicht, von dem tote Eichhörnchen hängen, läuft dann schimpfend und sabbernd die Potsdamer Straße runter, und ab und zu rupft man eins von der Krempe und schleudert es auf die schwarzbejackten Menschenansammlungen vor den Galerien, die man hasst, weil einem sonst nicht anderes mehr einfällt.

Ja, ja, ich übertreibe. Das Theatrale, das bekommt man aber auch von zu viel Stadt um einen herum, der ganze Pathos um das kreative Schaffen im grauen Großstadtgewirr ist ergiebig. Man leidet viel und gerne in Berlin. An sich selbst, an den Umständen, dem Galeriensterben, der Arbeit, vor allem der an den Unterschieden und an der Frisur, an den Lunch Bowls leidet man auch und an den Mietpreisen und so weiter.

Immerhin kommt tolle Kunst raus bei so viel Leid. Einen leidenden Künstler kann man besser vermarkten als einen gutgelaunten. Zugeballert und versunken in der Schaffenskrise, Leid an Welt passt besser ins Foyer der Zalando-Headquarters als eine glückliche Ölmalerei mit kleinen Igeln drauf. Müssen schön schaurig sein die Igel, wenigstens.

Kann mich schon reinfühlen da auch. Wenn man so ein Sammler ist, mit erwachsenem Leben und Ökostrom und guten Intentionen, will man beim Galeriedinner zumindest für ein paar Stunden lang neben einem echten, leidenden Künstler sitzen und sich verdientermaßen in dessen Kontextglanz suhlen. Wer will da glückliche, Yogi-Tee trinkende Geschäftskünstler sehen, niemand, also bitte, Ode an die Freude. Ah, das war's, genau, ich muss ja auch was verkaufen. Irgendwas verkaufen. Also: Leidende Schriftstellerin flieht aus der Stadt, um an irgendwas zu schreiben, das man verkaufen kann. Ja, das haut hin.

Ich muss also weg. Wohin nur? Vielleicht aufs Land. Land ist gut, da kann ich in den Wald schreien und rumlaufen und Waldmenschen anglotzen und Zigarettenstummel in den Acker werfen und meine zarten Naturgefühle in ein Google-Doc tippen. Ja, aufs Land. Glücklicherweise habe ich die letzten zehn Jahre damit verbracht, mich durch strategischen Beischlaf und eine beachtlichen Reihe halbgar-professioneller Freundschaften in die richtigen Umstände zu manövrieren, weshalb ich jetzt ein funktionales Netzwerk an Künstlern und Kreativen und anderweitig glitzrigen Persönlichkeiten habe, von denen sich ein paar in umgebaute Scheunen mit Glasfronten und in alte Schlösser im Berliner Umland zurückgezogen haben. Ein bisschen Getuschel und schon hatte ich einen Ort gefunden: ein heruntergekommenes Schloss, irgendwo in Sachsen-Anhalt.

Ich war noch nie in Sachsen-Anhalt. Toll, dachte ich dann, Sachsen-Anhalt. AfD-Wähler und Jogginghosen und Feld und Matsch und Wurst und echtes Leben gibt's da, das weiß ich aus dem Internet. Da kann ich was lernen über das Land und die Leute und das Leid in Sachsen-Anhalt. Geht nicht so überragend den Leuten da, hört man immer wieder.

Elendstourismus ist gut für die Seele, also den anderen Leuten beim Leiden zuschauen, nicht immer nur sich selbst, und seitdem ich kein Assifernsehen mehr gucke und meine Karteileichenmitgliedschaft bei McFit am Kotti beenden musste, fehlt mir einfach manchmal die Katharsis. Und das mit dem Elendstourismus haben ja schon ein paar Leute gemacht. Das hat ihnen gut gefallen, da mit den Nazis Fußball zu spielen in Dunkeldeutschland, so gut, dass sie darüber ganze Bücher geschrieben haben, und echte Freunde haben sie auch gefunden da ("So schlecht sind die da gar nicht, wie wir immer dachten, ganz stabile Typen sind das da, die hauen auch niemanden mehr tot mittlerweile, die waren das gar nicht, sind ganz handzahm geworden, die Jungs.") und Freunde will ich ja auch, ne Katzenoma.

Außerdem, in einem alten Schloss sitzen und schreiben, das kann ich meinen Eltern erzählen, und sogar wenn ich es mir selbst erzähle, hört es sich nach einem Leben aus einem Wikipedia-Artikel an. Sah auch wirklich schön aus das Schloss im Internet, die großen Hallen und hohen Decken und alten Türen, alles verstaubt, und mich sah ich da dann schon sitzen, in Pelzdecken eingehüllt in großen Räumen. Große Gedanken brauchen große Räume, da sind sich ja eigentlich alle einig.

Da steh ich also nach einer Stunde Bahnfahrt am Hauptbahnhof, irgendwo in Sachsen-Anhalt. Alles grau hier, und die Leute sehen aus wie im Fernsehen. Weil ich nicht Auto fahren kann, muss ich mit dem Bus zum Schloss gurken, obwohl ich ja lieber mit einer Kutsche abgeholt werden würde, aber das geht natürlich nicht im Winter, und zu lange dauern würde es außerdem. Im Bus kann man dafür noch mehr Einheimische beglotzen. Marie-Antoinette hat sich auch manchmal unters Volks geschlichen, aber nur gucken erstmal, reden lieber nicht, wer weiß, vielleicht sind da doch echte Menschen unter denen, das würde einem möglicherweise den Spaß verderben.

Der Bus fährt an Plattenbauten vorbei, eins, zwei, hundert Häuser wie Aschentonnen, da wohnen wirklich Menschen drin, oh je, alles voller Graffiti da, und so kleine Fenster haben die, wie hält man es da aus mit so kleinen Fenstern, irgendwo sieht man einen Fernseher flackern. Dann bald Stadt-Ausläufe, Felder, Strommasten, Windräder, das Licht ist aber verrückt, ein Sonnenuntergang, alles orange-gold, Nebel auf den Feldern, sanfte, sämige Landschaft, Gefühle überall, ach, Deutschland.

Wow, krass, ein wirklich echtes Schloss. Ich bin da. Fuck, ist das abgefahren hier. Das Schloss steht alleine zwischen ein paar zusammengezimmerten Häusern, die vielleicht ein Dorf sind. Kein Mensch auf der Straße. Ich werde begrüßt vom Schlossherren selbst, bekomme einen Rundgang, der ist sehr nett zu mir, obwohl er mich doch gar nicht kennt. Unwirklich schön alles hier, Parkett und Leuchter und Ledersessel und Kamin und alles drum und dran, war mal eine alte Parteiinstitution hier in der DDR, wird mir erzählt, überall Regale mit Stalin- und Lenin-Gesamtausgaben und Honecker-Bildern, gute Kulisse, Geschichtsdisney, hier kann ich arbeiten. Ich frage, wo ich rauchen darf, überall, sagt der Schlossherr, nur den Kindern soll ich nicht ins Gesicht blasen. Wie toll, noch echte Hippies hier draußen.

Wir trinken Kaffee. Ich habe keine Ahnung, wer der Schlossherr ist, ein Freund von Freunden von Freunden, zum Glück erzählt er es mir. In Berlin war er lange, hat da viel gefeiert, sieht man auch, hört man auch, jetzt lebt er hier mit seiner Familie, hat jahrelang riesige Partys hier veranstaltet, muss er manchmal immer noch, wollte eigentlich nur im Schloss wohnen, das sagt er bestimmt hundert Mal, keine Lust hat er mehr auf die Partys, die machen alles kaputt, die Druffies.

Erstaunliches Leben, das er hier lebt. Gute Entscheidung, denke ich, weg von allem, hier kann man leben, wie man will, alles voller Schönheit. Ich weiß nicht, ob ich so viel Schönheit auf Dauer ertragen könnte. Verschwendet sich hier alles, die ganze Schönheit, die Busse voller Menschen, die sich hier einkaufen, um sich ein Wochenende lang vor der besten Kulisse, die man sich vorstellen kann, so gehen lassen zu können wie nirgends sonst. Zu viel ist es ihm und dem Schloss, das spürt man irgendwie. Deshalb will er jetzt Künstlerschloss machen. Künstler sollen herkommen, irgendwas malen, irgendwas schreiben, Schönheit eben, Künstler, ja, so künstlerisch die Künstler. Deshalb darf ich auch hier sein, einfach so, ohne was bezahlen zu müssen, ich glaube, ich habe verstanden.

Ich mag den Schlossherren. Verwuschelte Haare. Zerfahrenes Gesicht. Stabiler Typ, echt. Als wir fertig sind mit Kaffee laufe ich ein bisschen rum. Ich streife durch die Zimmer, durch die Keller, alles fällt auseinander hier, Discos, Darkrooms, verschmierte Wände, Tausend Tonnen Alkohol (darf ich alles trinken, hat der Schlossherr gesagt, das ist gut, betrunken leidet es sich viel besser), eine Sauna gibt es auch und Fitnessgeräte stehen im Keller zwischen Schutt und Glasscherben, ja, hier wurde wirklich viel gefeiert.

Ich ziehe ins Dichterzimmer unterm Dach. Stelle mir den Schreibtisch ans Fenster und darauf den Laptop. Von hier aus kann ich rote Dächer und Acker und Gärten und dampfende Schornsteinen sehen. Leben sehen. Das ist gut, ja. Abends wird der Kamin angemacht. Irgendwelche Leute kommen mit Autos. Künstler sind das aus Berlin. Die ziehen jetzt hier ein, für ein bisschen, so wie ich, ich freue mich, vielleicht finde ich wirklich Freunde hier. Ich male mir Smokey Eyes im Bad, bevor ich runtergehe, damit ich verwegen aussehe für die Künstler, die sollen wissen, dass ich auch eine von ihnen bin.

Die Künstler kommen rein, packen Weinflaschen aus, machen Weinflaschen auf, trinken Wein, reden über die Zustände, hier und überall, über die Millionen Schweine, die geschlachtet werden, über kognitiven Kapitalismus und das Silicon Valley und darüber, wie es wohl den Leuten hier geht, also den Leuten da draußen vor den Fenstern, ist schon dunkel, kann man gar nicht sehen die Leute.

Über die Kunst reden sie auch. Können die gut, das mit dem Reden über Kunst. Nur wenn man genau zuhört, merkt man, dass sie gar nichts sagen, aber das ist egal, weil sie sich gegenseitig nicht zuhören die Künstler. Vielleicht okay so, in seinem Künstlerleid ist jeder Künstler allein. Ich rede dann auch über Kunst und mir hört auch niemand zu, vielleicht weil ich auch allein bin, oder weil ich so gut aussehe auf dem Sofa, das sagen die Künstler auch, dass ich gute Dekoration bin für das Sofa, dass sie mich gerne malen würden da auf dem Sofa. Das ist okay, das ist ja das, was ich wollte, ein Künstlerleben, wie aus dem Kino, und hier ist es wirklich wie im Kino, da muss man nicht zuhören, da muss man nur schauen.

Schau, und jetzt hängen die Künstler an den Kronleuchtern und schwingen herum wie an Lianen. Hier sind wir im Dschungel sozusagen, und im Dschungel darf man sich benehmen wie man will, draußen vor den Fenstern irgendein Leben, das hier drin egal ist, wenn man will, kann man rausgehen und es anschauen. Sie trinken auf den Untergang die Künstler und schlafen auf dem Sofa ein.

Ich wache auf mit Mordskater und Morgensonne. Fühle mich immer noch beflügelt von der künstlerischen Atmosphäre hier. Von meinem Schreibtisch aus kann ich Windräder sehen, die drehen sich ganz leise, ohne dass man es merkt. Schauen mich jetzt an die Windräder. Schauen stumm. Als wüssten sie, was hier passiert. Ich schreibe ein paar künstlerische Sätze in meinen Computer. Funktioniert wirklich, das alles.

So, genug gearbeitet, jetzt will ich raus. Ich ziehe meinen Mantel an und laufe durchs Dorf. Immer noch kein Mensch hier draußen, nur Hunde bellen mich an. Schaum vorm Mund, zum Glück sind da Zäune. Scheiße, ist das alles runter hier. Es gibt einen Bäcker und eine Tankstelle, sonst nichts. Ich mache Fotos von den kleinen Einfamilienhäusern, die wie Hundezwinger aussehen, fein säuberlich getrimmten Buchsbäumen, die lustig im Wind wackeln, und den matschigen Straßen, in denen riesige Löcher klaffen.

So exotisch, die graue Einöde hier, muss man nicht mehr nach Indien fahren. Leider immer noch keine Einwohner in Sicht. Hätte gern ein Gruppenfoto gehabt für Instagram, da hätten die ja auch was davon. Ich laufe ein paar Schritte aus dem Dorf auf den Acker. Oh Gott, das sind unendlich viele Windräder. Wieso sind das so viele? Wo kommen die her? Ein bisschen unheimlich sehen die aus, wie die da im Nebel stehen, wie große, unnahbare Vögel. So eine komische Anwesenheit haben die, gleich notieren, muss ja was, irgendwas, schreiben, dafür bin ich ja hergekommen.

An so einem Ort war ich noch nie. Ob die das wissen, die Leute hier, wie schön das ist. Habe kurz den Impuls, übers Feld zu rennen und ein Selfievideo zu machen, so wie das, das Magnus Resch gemacht hat, als er noch ein BWL-Gymnasiast in Ischgl war oder in St. Gallen oder wie auch immer: "Ob das bei euch genauso gerade ist? I doubt it!"

 

Ok, nein, geht doch nicht. Kann man echt nicht machen. Wobei Magnus Resch das ja auch verstanden hat mit der Kunst und den Künstlern, der ist ja sozusagen Branchen-Elendstourist, nur andersrum. Wer will schon auf BWL-Partys rumhängen, wo es da doch nur Frauen mit Perlenohrringen gibt und Salzstangen und keine Drogen, und wo man die Schuhe ausziehen muss, wenn man stattdessen in Künstlerschlössern von Kronleuchtern hängen kann.

Und in der Kunst, da kann zum Glück jeder mitmachen, zumindest hat Johann König das gesagt, als ich ihn nach Magnus Resch gefragt habe, und dass das deshalb so cool sei mit der Kunst, also das Gleiche, was der Schlossherr auch gesagt hat eigentlich. Ich glaube, die meinen, dass man mitmachen kann, wenn man eben ein Mann ist und gute Männerkumpels hat, die die richtigen Leute kennen, ach ja, und weiß auch, weiß sollte man sein und Geld haben, so meinen die das bestimmt, und eine gute Idee natürlich, ja, auf die guten Ideen kommt es eigentlich an. So wie Shazam für Kunst, das ist eine ganz tolle Idee, eine App, die einem sagt, was wie viel kostet in der Kunst.

Ja wirklich brillant diese Idee, eine Idee wie ein Künstlerschloss. Weil auf die Preise, auf die kommt es an in der Kunst, auf die Transparenz, ganz transparent soll alles sein, wie ein Schloss aus Glas, so transparent, damit alle sehen können, wie teuer das ist, die Schönheit und das Leid an der Welt. Weil Schönheit und Leid, das ist Kunst, das bewegt was in einem, das ist kritisch, das ist nicht wie die toten Schweine und das Silicon Valley, das ist besser als nichts, deshalb brauchen wir die Kunst ja, deshalb muss sie gekauft werden, und transparent kauft es sich besser, und die Kritik, die kauft man gleich mit der Kunst mit sozusagen, und wenn die zu teuer ist, die Kunst, dann kauft man sich einfach ein T-Shirt mit einem Fuchs drauf, oder Kritik drauf, oder Kunst drauf, egal vielleicht mittlerweile, das kann man tragen, während man auf einem Esel in den Sonnenuntergang reitet und einem Obdachlosen Papiergeld in die Hand drückt, weil man was Gutes tun will und will, dass alle es sehen. Ok, falsch abgebogen, Entschuldigung, macht einen ganz dusselig die Landluft hier.

Ich bin beflügelt von meinem Ausflug und will jetzt auch was Gutes tun, deshalb setze ich mich zu den beiden Bauarbeitern in den Hof und trinke ein Bier mit ihnen. Echte Menschen. Endlich. Ich mag die Bauarbeiter. Vielleicht, weil sie keine Künstler sind, aber trotzdem schon nachmittags Bier trinken, so wie ich. Die Bauarbeiter erzählen mir, dass sie schon lang hier wohnen und dass das wirklich auch gut ist, auch mit dem Schloss, dass da was passiert hier, sonst wäre alles schon ganz tot.

Nur die Partys, na ja, da sagt halt niemand was, weil ins Gerede will man ja auch nicht kommen. Sie erzählen mir von den Windrädern, als ich frage, und sagen, dass das eigentlich bayerische Windräder sind, dass die aber jetzt hier stehen, weil in Bayern niemand will, dass die da rumstehen, obwohl es in Bayern mehr Wind gibt als hier, machen ja die Landschaft kaputt, aber hier, hier geht's, weil hier interessiert's halt keinen. Der eine Bauarbeiter ist von hier, der andere ist Rumäne, wurde irgendwann über die Grenze geschmuggelt in den 80ern, in einer Decke unter der Motorhaube eingerollt, jetzt kann er hier arbeiten. Als er davon erzählt, hat er Tränen in den Augen. Vielleicht nur vom zu lange Draußensitzen. Ist froh, dass er hier arbeiten darf, hat kein Kindergeld angenommen all die Jahre, weil er zu stolz ist, sagt er, nicht so wie die anderen, die hierherkommen jetzt, die nur kommen, um zu schmarotzen, die bekommen alles in den Hintern geschoben, sagt er. Jaja, sagt der andere, hier haben die Leute nämlich keine Arbeit, und die Rentner, die deutschen Rentner, die von hier, die verrecken, weil sie zu wenig Rente bekommen, aber die Ausländer, die bekommen alles jetzt umsonst sozusagen, er lacht immer wieder, dann schaut er wieder ganz ernst.

Ich versuche zu widersprechen, hab ja gute Argumente, aber das klappt nicht so gut. So eine Meinung, wenn man die mal hat, dann bleibt die erstmal da, wie Kaugummi am Gaumen, bleibt einfach kleben da, die Meinung, da helfen auch keine Argumente mehr. Dann lieber Kunst statt Argumente, politische Kunst, ja, wobei Kunst, ist die nicht immer politisch, egal, zumindest bewegt sie was, also ab ins Museum mit den Leuten mit den Klebstoff-Meinungen. Weil, wenn man Kunst sieht, dann tut sich was in einem drin, und dann passiert ganz automatisch was im Kopf. Dann verstehen die Menschen auf einmal, dass sie ihre Meinung ändern müssen. Aber dazu muss man die Kunst verstehen lernen, Transparenz sozusagen, Transparenz im Kopf, und die Transparenz, die lernt man da, wo man die Argumente lernt, aber ein Museum gibt's hier ja jetzt auch gar nicht in der Nähe, und reinwollen muss man da ja auch, ins Museum. Ah, doch, Künstlerschloss, gibt's ja hier, bald alles voller Kunst, alle dürfen rein da, sich die Kunst anschauen, freies Feld, alles wird gut.

Der Schlossherr kommt dazu und trinkt jetzt auch Bier mit uns, erzählt von der Armut hier und der Sinnlosigkeit und der Arbeitslosigkeit und wie vertrackt das alles ist und von den Leuten, die alle ganz stabil sind, die Leute, wirklich, außer ein paar Irre, die gibt's ja immer, und von der Landflucht und von dem Bürokratie-Apparat, dass der nichts mit dem echten Leben hier zu tun hat. Dann sagt er, dass er Trump gut findet, stabiler Typ auch, weil der mal allen die Meinung sagt und alles auseinandernimmt und Steine wirft, also metaphorisch jetzt, und sie aus ihren Glasschlössern holt, die Leute. Dann lachen alle und der Rumäne sagt, dass er auch gern im Glasschloss leben würde wie Cinderella (das stimmt ja gar nicht, denke ich, das Schloss war ja nicht aus Glas sondern die Kutsche, die mit dem Kürbis, aber egal, eh alles durcheinander hier). Dann sagt der Schlossherr, dass er doch mitmachen kann beim Künstlerschloss, der rumänische Bauarbeiter, ob er nicht Glasbläser-Künstler werden will, und der andere, der hier vom Dorf sagt dann, dass man als Künstler viel Geld verdienen kann, sogar in Amerika, da kann man Millionen mit verdienen, wenn man ein paar Bonbons auf einen Haufen legt und dann sagt, dass das Kunst sei. Der Schlossherr lacht dann und sagt: "Na, dann mach doch!", und dann lachen alle, weil sie ja wissen, dass das im echten Leben gar nicht geht.

 

Ich werfe meinen Zigarettenstummel in den Schnee und schaue die drei an, wie sie da sitzen und lachen. Sie lachen und ich lache auch, hatte ich gar nicht gemerkt, dass ich auch gelacht habe. Dann denke ich, dass wir vielleicht nicht genug leiden an den Umständen hier, wenn wir so lachen, gerade hier, wo man doch leiden sollte, weil das ja das echte Leid ist, das aus dem Fernsehen. Aber die Sonne geht unter, geht schon wieder unter, und ich bin schon angesoffen von dem Bier und dem Baustellengeruch und denke, dass ich ja noch eine Woche habe, mich richtig reinzufühlen in das echte Leben und das Leid hier, das ich durch mein Fenster sehen kann.

Aber vielleicht hab ich auch keine Ahnung von dem Leid hier, weil ich ja auch mit keinem Menschen gesprochen hab, außer mit den Bauarbeitern, und die sahen gar nicht so leidend aus wie die Leute aus dem Fernsehen. Vielleicht lieber über mein Leid schreiben, Künstlerleid, Leid an Welt, Leid an der Kunst, daraus lässt sich was machen, das schreib ich mir aufs T-Shirt und dann reite ich zurück nach Berlin auf meinem Esel und erzähl den Leuten, denen, die schon gläsern sind im Kopf von der ganzen Transparenz, wie verrückt es da war im Künstlerschloss, und dass wir unser Leben ändern müssen, da schreib ich einen Elevator Pitch und mach ein Moodboard, eins mit Windrädern und Künstlern, die von Kronleuchtern hängen, das kauft bestimmt einer, nur zynisch darf man nicht werden dabei, das mögen die Leute nicht so.