Anika Meier

Kunst in sozialen Medien

Da hängt ein Pferd an der Decke

11/28/2018 - 12:31

Im Kunstbetrieb reichen die Provokationen des italienischen Superstarkünstlers Maurizio Cattelan oft nur noch für ein müdes Schulterzucken. Auf Instagram sorgt sein totes Pferd an einer Museumsdecke für helle Aufregung. Was sagt das über die Wirkung von Kunst in sozialen Medien?  

Es passiert ja selten, dass ein Posting auf Instagram durch die Decke geht. Vor allem einem selbst nicht, also, mir zumindest nicht. Bisher jedenfalls nicht. Die Likes sammeln sonst die anderen ein, die schwangere Beyoncé beispielsweise, der verliebte Justin Bieber und die verliebte Heidi Klum. Happy Knutscherei vor Sonnenuntergangskitsch das ist schön, klar, da wird einem bei Heidi und Tom, bei Justin und Hailey ganz warm ums Herz. Das habe ich mit einem Posting gerade auch geschafft. Nur andersrum. Und schön war das auch nicht. 

Zuerst war es natürlich schon schön. Der Besuch im Castello de Rivoli, einem Museum für zeitgenössische Kunst auf einer Anhöhe in der Nähe von Turin in Italien nämlich. Die barocke Schlossanlage ist von außen imposant und von innen prächtig. Drinnen hängt in einem der oberen Stockwerke ein ausgestopftes Pferd an der Decke. Maurizio Cattelan halt, italienischer Superstarkünstler und notorischer Satiriker. Hitler, der Papst, sein Galerist, Marina Abramovic, niemand ist ihm heilig, kein Witz ist ihm zu schlecht, um ihn nicht für eine Provokation zu nutzen. 

Wenn man das weiß, entlockt einem das tote Pferd an der Decke nicht einmal ein müdes Schulterzucken. Wenn man das weiß, stellt man sich in einem Raum mit einem toten Pferd an der Decke offenbar ganz andere Fragen. Wie sieht so ein Pferd eigentlich von unten aus? Auf die Idee, dass ich mir diese Frage stellen könnte, kam ich nicht selbst. Zwei Personen, die mit mir im Raum waren, standen plötzlich unter dem Pferd und fotografierten nach oben. Weil draußen der Bus bereits abfahrbereit war und sich mir diese Frage noch immer nicht stellte, lief ich schnell in eine Ecke des Raumes, um das Pferd irgendwie gut im Bild zu haben. Für Instagram. 

 

Bei Monopol auf Instagram lief das Foto überdurchschnittlich gut. Wie gesagt, die barocke Schlossanlage wirkt von innen prächtig, das tut sie auch auf einem Foto. Viel Weiß, ein bisschen Gold, mittendrin ein totes Pferd. Das Kunstpublikum verstört der Anblick mittlerweile nicht weiter, dafür sind die ausgestopften Pferde von Cattelan, mal mit, mal ohne Kopf an einer Decke oder Wand in einem Museum oder einem Ausstellungshaus zu bekannt und weit gereist. In den Kommentaren lautete die erste Frage: "Ist das Kunst, oder kann das weg?" Cattelan würde sich freuen. Weiter ging es mit: Daumen hoch. "Eine tolle Idee." "Love it!" Applaus. Gelächter. Ein Mal Kritik: Nicht cool, weil respektlos und unethisch. Ein Mal Unsicherheit: Das Pferd, das wisse man jetzt auch nicht, der Raum jedenfalls sei atemberaubend. 

Bei mir auf Instagram: Huch?! Likes und Kommentare prasseln seit knapp vier Wochen auf das Posting ein. Gut, es ist nicht so schlimm, wie wenn Heidi Klum durchblicken lässt, dass sie mit einem sehr viel jüngeren Mann zusammen ist. Tumultig ist es trotzdem. Ab und an lese ich immer noch rein, um zu schauen, ob sich die Kommentatoren schon die Köpfe eingeschlagen haben. Einige beschimpfen sich gegenseitig, einige beschimpfen mich, einige rufen nach PETA. Also, nach der Tierschutzorganisation People for the Ethical Treatment of Animals. Das sah dann so aus:
@peta 

@peta

@peta

@peta 

usw. 

usf.

Sah, weil ich gelöscht habe. Das machte mir dann doch ein wenig Angst. Der Ton war schon rau genug in den Kommentaren. "Omg that horrible wtf u need to just go to hell.“ Rechtschreibung klappt nicht immer, Beschimpfung dafür sehr gut. "This is not okay! Leave that animal alone you abusive ass." -  "What the actual fuck is wrong with the person who made this art." Kunst in Anführungszeichen. 

Ab und an wurde tatsächlich die Frage gestellt, ob das Kunst sei und warum. "Okay so what's going on? Is this art?", "Eh...why? Like why would you do this, it's weird." Diese Frage haben sich auch Kunstkritiker gestellt. Rose-Maria Gropp war in der FAZ, damals, als im Jahr 2013 fünf Pferdeleiber an einer Wand in der Fondation Beyeler hingen, auch genervt und irritiert, freilich war sie dabei sehr viel wortgewandter. Sie schrieb: "Cattelan ist nichts so wenig wie ein Scharlatan; das hieße, ihn maßlos zu überschätzen; nicht einmal zynisch ist er. (...) Wie lange er noch eine Gelddruckmaschine im Keller stehen hat, wird vom Bedürfnis des hochdrehenden Betriebs nach Blödeleien abhängen." Auf Instagram macht man es sich leichter: "Animal abuse is not an art!!!!", "This is disgusting not art!", "This is shit!!", "Fuck that shit!!! That's sick!", "That's so mean to the poor donkey".  

Als es losging und mich die erste Person fragte, wie ich auf die Idee gekommen sei, einem Tier so etwas anzutun, dachte ich, es sei eine gute Idee zu antworten. Ich versuchte zu erklären, dass es sich um die Arbeit eines Künstlers namens Maurizio Cattelan handele. Es wurde nachgefragt, ob es also kein echtes Tier sei. Jemand eilte mir zu Hilfe und erklärte, es handele sich um ein Pferd, dass vermutlich eines natürlichen Todes gestorben sei, irgendwie sehe es alt aus, dann sei es ausgestopft worden. Das sagte auch Cattelan einst: Rennpferd, natürlicher Tod. Das waren der Fragenden genug Antworten, sie kommentierte: "but anyway that's not art for me, it’s cruel!" Meine mir unbekannte neue Assistentin wiederum wollte das so nicht stehen lassen: "doesn’t hurt him if he’s already dead lol. i think the whole purpose of the piece is to evoke emotion and trigger sympathy for the animal so if that’s how you’re feeling than it’s doing its job." Sollte ich einmal einen Community Manager für meinen Account brauchen, sie hat den Job. 

Das Posting hat mittlerweile 5550 Likes. Über 1000 Mal wurde das Foto hinter den Kulissen verschickt, wiederum 1000 Leute haben es sich abgelegt. Die Reichweite: 301 031. Und 97 Prozent der Accounts, die erreicht wurden, folgten mir nicht. Sie tun es auch heute noch nicht, knapp 500 neue Follower brachte der Beitrag. 

Das alles wäre nicht weiter bemerkenswert, wenn nicht eine Sache deutlich werden würde: Wenn man Menschen auf Instagram mit Kunst dort konfrontiert, wo sie nicht damit rechnen, und es nicht eindeutig als Kunst erkennbar ist, erreicht sie noch etwas. Sie irritiert, sie verstört, sie regt auf und zum Nachdenken an, sie führt zu Gesprächen und Austausch. Und dann fragt man sich, wann endlich Social-Media- oder Post-Social-Media-Künstler, wie man sie auch nennen mag, aktiv werden, die sich nicht mehr nur mit männlichen und weiblichen Rollenklischees befassen. Denn das haben wir jetzt verstanden: In den sozialen Medien geht es um Selbstdarstellung, die oft absurde und vor allem die immer gleichen Züge annimmt. Aber da geht noch mehr, oder?