Anika Meier

Post-Cyberfeminismus

Brauchen wir noch einen Hype in der Kunst?

03/05/2019 - 11:56

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In den 90ern hofften die Cyberfeministinnen auf das Internet als einen Ort der Befreiung. Doch es kam anders. Ein Label für die Nachfolge-Generation ist indes schon gefunden: Post-Cyberfeminismus

Das Internet hat nicht die große Freiheit, sondern die große Abhängigkeit gebracht. Das war die Erkenntnis der Cyberfeministinnen der frühen 1990er-Jahre. Jetzt wäre es unfair zu sagen, die Bewegung sei gescheitert. Ihre Protagonistinnen hatten sich nur einfach zu viel vorgenommen, waren zu euphorisch, als plötzlich das Internet da war, und es schien, online könnten alle Grenzen überwunden werden: Geschlecht, Herkunft, Hierarchie, Patriarchat, Sorgen von gestern, die Technologie sollte es lösen. 

Eine genaue Definition, was der Cyberfeminismus ist, gibt es nicht. Im September 1997 kam es unter dem Titel "First Cyberfeminist International" zur ersten Zusammenkunft im Rahmen der Documenta X. 37 Frauen aus 12 Ländern trafen sich in Kassel. Das Old Boys Network hatte eingeladen, das im selben Jahr in Berlin von einer kleinen Gruppe von Frauen gegründet worden war, darunter Cornelia Sollfrank. Die Bewegung wollte sich so offen wie möglich präsentieren und hielt deshalb in 100 Anti-Thesen  fest, was der Cyberfeminismus nicht ist:  

17. cyberfeminism ist keine kunst
18. cyberfeminism is not an ism
19. cyberfeminism is not anti-male

      (…) 

33. cyberfeminism is not on sale
34. cyberfeminism is nor for sale
35. cyberfeminismus ist nicht gut
36. cyberfeminismus ist nicht schlecht
37. cyberfeminismus ist nicht modern
38. cyberfeminismus ist nicht post-modern

Der Cyberfeminismus war also alles und nichts, was es den Protagonistinnen schwermachte, konkrete Handlungsanweisungen abzuleiten. 

20 Jahre später wurde in London dieser ersten großen Zusammenkunft gedacht. Der Titel jetzt: "Post-Cyber Feminist International". Und noch einmal zwei Jahre später versucht eine Ausstellung, wenn man so will, beide Bewegungen aufzuarbeiten. 

Die Gruppenausstellung "Producing Futures - An Exhibition on Post-Cyber-Feminism" im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich ist aktuell, ohne einen Anspruch auf Tagesaktualität zu haben. Und historisch soll hier auch nicht so recht etwas aufbereitet werden. Der Besucher wird nämlich erst einmal in die düstere Gegenwart geworfen. Einst versprach die Zukunft Hoffnung, heute ist sie Anlass zur Sorge. In der Gegenwart wirkt dieses Wissen um gescheiterte Utopien, die sich in ihr Gegenteil verkehrt haben, erdrückend. 

Die Künstlerinnen in der Ausstellung, darunter Wu Tsang, Cao Fei und Tabita Rezaire, schauen unter Oberflächen oder stellen diese bewusst aus. Die Ausstellung derweil wirft die Besucher von Werk zu Werk, von Thema zu Thema und erwartet, dass sie das mit sich machen lassen. Wer keine Lust hat mitzuspielen, der ist schnell raus. Die Videos sind lang, die Wandtexte kurz, das muss man mögen. Und: Man muss sich die Ausstellung erarbeiten wollen. 

Während der Lektüre der Begleittexte schiebt sich immer deutlicher die Frage in den Vordergrund, was das Erkennungszeichen des Post-Cyberfeminismus in der Kunst ist. Warum sind außerdem keine Künstlerinnen in der Ausstellung, die intensiv mit den sozialen Medien arbeiten und genau dort Diskussionsräume für Frauen schaffen, nach denen der Post-Cyberfeminismus verlangt? Signe Pierce, Leah Schrager und Nadja Buttendorf  beispielsweise. Und warum scheut die Ausstellung Tagesaktualität? Arvida Byström verwandelte sich für ihre Solo-Show in Stockholm jüngst in einen Cyborg, wie ihn sich die Kulturwissenschaftlerin Donna Haraway einst vorstellte. Haraway als eine der Stichwortgeberinnen des Cyberfeminismus schrieb in ihrem Essay "A Cyborg Manifesto": "Ich wäre lieber ein Cyborg als eine Göttin."

In den Wandtexten wird etwa erwähnt, dass der Begriff des Feminismus als Schlagwort erneut in die Populärkultur eingeführt wurde und dass Frauen trotzdem im Alltag immer wieder von geschlechterbasierter Ungerechtigkeit betroffen sind. Die Werke von Anicka Yi würden daran erinnern, dass das vernetzende Potential des Internets und die Möglichkeiten, den Einfluss von Frauen zu vergrößern, noch nicht ausgeschöpft seien. Die Skulpturen von Anna Uddenberg, sich lasziv in enger Sportbekleidung räkelnde Frauen in überdehnten Posen, werden als "schonungsloser Ausdruck des neoliberalen Frauenbildes des 21. Jahrhunderts" beschrieben. Das Weibliche werde heute unter anderem durch die allgegenwärtigen Bilder von Influencern in den sozialen Medien definiert. Bei Cécile B. Evans, das kann im Wandtext nachgelesen werden, ist die Betonung der Körperlichkeit und die Idealisierung des Körpers ein direkter Verweis auf Stereotypen von Weiblichkeit und das gesellschaftliche Rollenbild der Frau. Frances Stark befasst sich mit Dating im digitalen Zeitalter, Guan Xioa mit der ständigen Verfügbarkeit von Konsumgütern und ihrer Darstellung im Internet und Shana Moulton mit der geschönten Überinszenierung eines gesunden Lifestyles, der in den sozialen Medien allgegenwärtig ist. 

Kurz: In der Ausstellung, das glaubt man nach dem Rundgang verstanden zu haben, geht es um das Leben im digitalen Zeitalter und um die unauflösbare Verschränkung von online und offline. 

Cornelia Sollfrank, eine der Protagonistinnen des Cyberfeminismus, sagte kürzlich im Interview mit der Zeitung "taz": "Ich finde den Begriff 'Post-Cyberfeminismus' schrecklich und die Auseinandersetzung mit dem Thema in Form von Ausstellungen oft zu oberflächlich. Aber ja, es gibt einen neuen Hype, diesmal mit der Vorsilbe 'post'; ein typisches Phänomen des Kunstbetriebs."

Ein typisches Phänomen ist auch der Drang, Kunst ein Label anheften zu wollen. Im Buch "Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert", das Sollfrank gerade herausgegeben hat, findet sich ein Beitrag von Christina Grammatikopoulou über "Virale Gender-Performances", also etwa die Performance "Excellences & Perfections" von Amalia Ulman auf Instagram. Darin fasst sie auch zusammen, was in den letzten Jahren mit Blick auf den Feminismus passiert ist. Die vierte Welle des Feminismus unterscheidet von der dritten Welle nicht die politische Ausrichtung, sondern das Medium, in dem die Kämpfe heute stattfinden. Sie schreibt: "Wie ein Vergrößerungsglas hat das Internet bestehende Ungleichheiten sichtbar gemacht und gleichzeitig die Aktionsfelder des Feminismus vervielfacht. (...) Inzwischen ist dieser erweiterte Raum ganz selbstverständlich der Ort, an dem Gemeinschaften entstehen und feministische Kampagnen stattfinden". 

#MeToo, #Aufschrei oder aktuell #VonHier, Debatten werden ganz selbstverständlich in den sozialen Medien geführt, häufig sind Frauen die Stichwortgeberinnen und Wortführerinnen. Warum also noch das Label Post-Cyberfeminismus führen? Die Ausstellung jedenfalls vermag diese Frage nicht zu beantworten.