Die Monopol-Redaktion

Filmfestival Venedig

In der Endlosschleife

09/06/2018 - 13:20

Monopol-Redakteur Jens Hinrichsen reiht sich in venezianische Kinoschlangen ein, grummelt angesichts von Überlängen und lobt einen unterschätzten Massenchoreographen

Der beste Regisseur dieser Mostra ist zweifellos Umberto. Cecil B. DeMille würde keine überzeugenderen Massenszenen hinbekommen. Umberto heißt er wahrscheinlich gar nicht. Den Namen habe ich mir ausgedacht, aber wie Umberto wirklich heißt, ist ja egal: Dieser Mann hat Format, Größe, er ist ein Künstler. Fantastisch, wie Umberto mit natürlicher Autorität und kräftiger Stimme die Journalistenmenge vor dem Sala Grande dirigiert. Ohne Umberto würde das Chaos ausbrechen. Dank ihm wissen wir, in welche Schlange wir uns einreihen müssen. Er schickt die Fachbesucher mit roten, blauen oder grünen Marken in verschiedene Warteschlangen. Und er sorgt dafür, dass die Schlangen sich wirklich schlängeln, weil neben dem größten Kino am Lido nur beschränkt Platz ist. Ohne Umberto wäre für Passanten kein Durchkommen.

Die Schlangen sind besonders lang in dieser Festivalsaison. Venedig ist im Aufwind, seit das Festival in Toronto der Mostra nicht mehr die ganzen Premieren wegschnappt, seit die Kanadier nicht mehr darauf bestehen, grundsätzlich Weltpremieren zu zeigen, obwohl Toronto ohne Wettbewerb abläuft. Venedig macht inzwischen den Anheizer für die Oscars – siehe den 2017er Löwengewinner "The Shape of Water", der später vier Oscars bekam.

Das Ansehen steigt, und mit ihm die Besucherzahlen. Das erklärt die langen Schlangen, aber erklärt es auch die langen Filme? Unter zweieinhalb Stunden machen sie's scheinbar nicht, Umbertos Kollegen, die für die große Leinwand inszenieren. Oft sieht man es ein: Alfonso Cuaróns mexikanisches Gesellschaftspanorama "Roma" braucht die vergleichsweise knappen 135 Minuten einfach, damit die Story aufblüht. Ein deutscher Regisseur mit großem Oscar-Hunger, adeliger Herkunft und einem irre langen Namen benötigt ebenso nachvollziehbar die 188 Minuten für "Werk ohne Autor", damit nach 30 Jahren inklusive NS-, DDR- und BRD-Geschichte die liebe Künstlerseele Ruh' hat.

Ob der filmemachende Graf gekonnt oder eher ungeschickt die plot points auf dem weite Feld seiner Künstlerbiografie auslegt, darüber streiten wir uns jetzt mal nicht. Mir war sein Film zu lang. Ich muss mich außerdem schon genug mit den Impressionen einiger Bekannten und Verwandten in Sachen Gegenwartskunst auseinandersetzen, insofern finde ich FHvDs recht spöttische Blicke auf Günther Uecker und Konrad Lueg alias Konrad Fischer und des Filmemachers Missverständnisse gegenüber Joseph Beuys und Gerhard Richter durchaus verzichtbar. Am Schluss diktiert das Drehbuch dem Helden ein combine painting, da ist er dann halt Rauschenberg. Das Bild enthüllt eine Wahrheit, indem es Täter und Opfer zusammenbringt. Anders als Antonionis "Blow Up", bei dem das (fotografische) Bild die Mordthese nicht bestätigt. In Donnersmarcks Film ergibt alles einen höheren Sinn, alles ist Botschaft, alles letztlich gut und richtig, womöglich sogar der Krieg. Das muss man erstmal schaffen, so erhaben über der Geschichte drüberzustehen. Sogar Beuys würde seinen Hut ziehen. Chapeau!

Gut, dass es Umberto gibt, denn ohne ihn hätte ich manchmal das Gefühl, aus der Schlange nie mehr herauszukommen. Der Mann gibt mir Vertrauen. Dienstag abend lief Carlos Reygadas' Wettbewerbsfilm "Nuestro tiempo" ("Unsere Zeit") in der Pressevorführung. Der Regisseur spielt seine Hauptfigur, einen Dichter, der mit seiner Frau eine Stierfarm in Mexiko betreibt, selber. Wie sich das Drama einer offenen Zweierbeziehung, die nicht wirklich funktioniert, aus scheinbar nebensächlichen Beobachtungen vom Landleben, Kinderstimmen, amoklaufenden Stieren oder einem Sinfoniekonzert herausschält, ist meisterhaft erzählt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mir die 173 Filmminuten noch einmal anschauen würde. Vielleicht war es eine Frage der Tagesform: Du hast abends schon drei bis vier Filme hinter dir. Irgendwann ging es mir ähnlich wie der von Natalia López gespielten Ehefrau, die eine vom Gatten akzeptierte Affäre hat, aber trotzdem seinen geballten Unmut zu spüren bekommt: Sie fühlt sich wie im Knast. Auf einmal überkam mich die Vision eines Echtzeitfilms, einer Art "Big-Brother"-Übertragung, die mich Stunde um Stunde, Tag um Tag an den Kinosessel fesseln würde.

Es ist tröstlich, aber auch traurig, dass jedes Filmfestival nach rund 60 Kinostunden plus Nahrungsaufnahme und Wasserbusfahrten einmal endet. Darüber ist Umberto sicherlich froh.