BMW-Jubiläumsausstellung

Warhol war schneller als das Fernsehen

In München feiert BMW seine Art Cars mit einer großen Jubiläumsschau. Auf den glänzenden Eröffnungsabend folgte allerdings eine düstere Nachricht: Der Autobauer will bis Ende 2027 bis zu 8000 Stellen abbauen

Andy Warhol brauchte keine halbe Stunde. Als der Pop-Art-Star 1979 in einer Lackierwerkstatt bei München zum Pinsel griff, war sein BMW M1 nach nur 28 Minuten fertig, noch bevor die bestellten Fernsehteams eintrafen. Die Anekdote bringt die Ausstellung "BMW Art Cars – 20 Artists, 50 Years of Innovation. Reunited at BMW Welt" auf den Punkt: Kunst trifft auf PS, große Namen auf perfekte Markeninszenierung – und ausgerechnet die Medien verpassen den entscheidenden Live-Moment.

Erstmals sing alle 20 BMW Art Cars vereint. Die Schau bildet den Abschluss einer Jubiläumstour durch mehr als 30 Länder, die laut BMW rund zwei Millionen Menschen gesehen haben. Noch bis zum 31. August ist sie täglich bei freiem Eintritt zugänglich. Der Rundgang beginnt bei Julie Mehretus BMW M Hybrid V8 von 2024 und John Baldessaris demonstrativ beschriftetem Rennwagen, bevor er rückwärts bis zum Ursprung der Serie führt: Alexander Calders BMW 3.0 CSL von 1975.

Damals brachten der Rennfahrer und Auktionator Hervé Poulain sowie BMW-Motorsportchef Jochen Neerpasch Kunst und Le Mans zusammen. Aus der einmaligen Aktion wurde eine Dauerliaison zwischen Kunst und Markenkommunikation. Frank Stella legte ein technisches Raster über die Karosserie, Roy Lichtenstein verwandelte das 24-Stunden-Rennen in ein poppiges Sunset-Panorama, Esther Mahlangu übertrug die geometrische Bildsprache der südafrikanischen Ndebele auf eine deutsche Limousine. Jenny Holzers "Truisms"-Leuchtsätze wie "Protect me from what I want" glommen nachts grün auf dem Flitzer.

Und dann war da noch Andy Warhol. Er bemalte 1979 seinen M1 eigenhändig, zog Farbe über die Karosserie zog, kratzte mit den Borsten über den Lack und unterschrieb schließlich am Heck. Als die deutschen TV-Teams endlich in Walter Maurers Werkstatt in Hebertshausen eintrafen, war die Show längst vorbei. Der Pop-Art-König bot prompt eine Zugabe an. In der Werkstatt stand ein gerade gekaufter weißer BMW von Maurer. Den könne er vor laufenden Kameras doch ebenfalls bemalen? Maurers Antwort: "Nur über meine Leiche. Das ist mein Auto."

Der private BMW blieb weiß. Maurer, der später ehrfürchtig-flapsig als "Rembrandt der Lackierer" bezeichnet wurde, habe seine Absage später bereut, so Thomas Girst, Leiter des BMW-Kulturengagements. Und das vermutlich sehr. Während Warhols Werke heute für astronomische Summen gehandelt werden, blieb ihm aber immerhin die vielleicht beste Geschichte über ein Kunstwerk, das nie entstand.

Erstaunlich viel Kunstgeschichte für wenig Blech

Üppig war Warhols Honorar nicht, er erhielt ein Auto. Der US-Amerikaner besaß allerdings keinen Führerschein; ob er den BMW jemals nutzte, ist nicht dokumentiert. David Hockney bekam für sein Art Car ebenfalls einen BMW 850 CSi und ließ ihn hundegerecht ausstatten: Seine Dackel sollten erhöht sitzen, aus dem Fenster schauen und dank eines extra eingebauten Systems unterwegs trinken können. Jeff Koons handelte zwei Autos aus, eines für sich und eines für seine Frau; deren Gegenwert spendete er laut Girst an seine Stiftung, die Kinderprojekte unterstützt. BMW erhielt für vergleichsweise wenig Blech erstaunlich viel Kunstgeschichte.

Dass sich die Künstler nicht einfach vor den Konzernkarren spannen lassen, zeigte Julie Mehretu. Sie sagte mehrmals ab. Erst Girsts Beharrlichkeit und ein Foto der internationalen Jury brachten die Wende: Darauf entdeckte Mehretu den 2019 verstorbenen Kurator Okwui Enwezor, der sie für das Projekt vorgeschlagen hatte. Sein Bild habe sie ermutigt, das für sie unbekannte Terrain doch zu betreten. Aus der Zusage wurde weit mehr als ein gestalteter Rennwagen. Mehretu verband ihr Art Car mit einem afrikanischen Film- und Medienprojekt sowie Workshops, Seminaren und Panels auf dem gesamten Kontinent. Gemeinsam mit Mehret Mandefro gründete sie das African Film and Media Arts Collective; dessen erste große Ausstellung eröffnet im Dezember im Zeitz MOCAA in Kapstadt.

Mehretu nennt ihren Wagen keine "rollende Skulptur", sondern ein "performatives Gemälde". Die Idee entstand, als ein weißes Modell des BMW M Hybrid V8 in ihrem Atelier vor dem Gemälde "Everywhen" stand. Die gewaltige Front wirkte auf sie, als würde das Auto das Bild einatmen. Neben ihrer Signatur versteckte die in Äthiopien geborene Künstlerin eine kleine Flagge ihres Heimatlandes. Für sie war das Werk erst vollendet, nachdem auch das Rennen beendet war – inklusive der sichtbaren Blessuren nach einem Unfall.

Auch John Baldessaris roter Punkt auf dem Dach seines BMW M6 GTLM hatte weniger mit kunsthistorischer Symbolik als mit Fernsehbildern zu tun. Manche sahen darin eine japanische Flagge oder einen politischen Kommentar. Tatsächlich aber war der damals 85-Jährige zu gebrechlich, um zum 24-Stunden-Rennen von Daytona zu reisen, und verfolgte es stattdessen zu Hause in Santa Monica im Fernsehen. Weil der BMW blitzschnell durchs Bild schoss und gleich wieder verschwand, setzte Baldessari den roten Punkt aufs Dach. Sobald er aufblitzte, wusste der Künstler: Das ist meiner. Konzeptkunst kann so praktisch sein.

Es wird immer ein BMW Art Car geben

Vor der Eröffnung diskutierten Göksu Kunak, Robin Rhode und Yilmaz Dziewior beim Talk "Body, Machine, Public Space" über die kulturelle Last des Autos. Kunak, die in Berlin lebt und für ihre Performance "Remains" beim vergangenen Gallery Weekend einen BMW als Leinwand nutzte, beschrieb den Wagen als urbanes Monument, Körperverlängerung und Speicher von Migrationsgeschichten. Der Südafrikaner Robin Rhode sprach über das Auto als Statussymbol und private Kapsel; für ein früheres BMW-Projekt ließ er einen Z4 wie einen Pinsel über eine Fläche driften. Dziewior, Direktor des Museum Ludwig in Köln und Jurymitglied für das 20. BMW Art Car, lenkte den Blick auf Mehretus rasende Abstraktion.

Der Publikumsmagnet der Jubiläumsausstellung steht draußen: Olafur Eliassons "BMW H2R Project" sorgt für willkommene Abkühlung von der Sommerhitze. In einer begehbaren Kühlkammer steckt ein Wasserstoff-Prototyp, dessen Karosserie durch ein Metallgeflecht ersetzt und mit gefrorenem Wasser überzogen wurde. Rund zwei Tonnen wiegt die von innen beleuchtete Eisskulptur. Seit ihrer Premiere 2007 ist sie erst zum vierten Mal als Gesamtinstallation zu sehen. Nachhaltigkeit erscheint hier als frostiges Spektakel – wobei die Kühlung, wie BMW betont, mit erneuerbarer Energie betrieben wird.

Ob Jeff Koons' Hochglanz-Feuerwerk, Esther Mahlangus indigene Muster, Jenny Holzers Leuchtsätze oder Cao Feis Augmented Reality: Diese Autos sind mehr als Luxusmodelle mit Künstlerdekor. Sie erzählen vom Auto als Freiheitsversprechen, Fetisch, Rennmaschine und Klimaproblem. Die stärksten Arbeiten machen diese Widersprüche sichtbar, ohne sie aufzulösen.

Und wie geht es weiter? Auf die Frage, wann das nächste BMW Art Car komme, antwortete Girst mit der Souveränität eines Managers, der weiß, dass erfolgreiche Serien selten abgesetzt werden: "Es wird immer ein BMW Art Car geben." Am Morgen danach bekam dieser Satz allerdings einen bitteren Beigeschmack. Da wurde bekannt, dass der Automobilkonzern bis Ende 2027 bis zu 8000 Stellen abbauen will.