Frauendarstellungen im Bode Museum

Bitte nochmal hinschauen

Wieso wurde eine einflussreiche Salondame als halbnackte Venus dargestellt, und wuchs Jesus in einer Patchworkfamilie auf? Im Berliner Bode Museum werden alte Bilder in der Reihe "zweiter Blick" neu angeschaut

In den 1980er-Jahren fragten die Guerrilla Girls provokativ, ob Frauen nackt sein müssten, um ins Museum zu kommen. Wer das Berliner Bode Museum auf der Museumsinsel betritt, dem bestätigt sich dieser Eindruck: Eine zentrale Position im imposanten Kuppelsaal des Gebäudes nimmt das Reiterstandbild von Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg ein. Tatsächlich gibt es auch Frauendarstellungen in der repräsentativen Eingangshalle: Hoch oben im Gewölbe blicken nackte Musen auf die Besucherinnen und Besucher herab. Ein nahezu ironischer Kontrast zwischen dem heroischen Großen Kurfürsten und den barbusigen Schutzgöttinnen der Künste. Die Ausstellungsreihe "Der zweite Blick" widmet sich nun den zahlreichen Frauendarstellungen, deren Bedeutung und Biografie häufig erst beim erneuten Hinsehen sichtbar werden.

Das Team um Kuratorin María López-Fanjul y Díez del Corral hat es sich zum Ziel gesetzt, neue Perspektiven auf die verschiedenen Werke der Sammlung zu ermöglichen. Wie werden sie gezeigt und warum? Welche Geschichten erzählen die Darstellungen? Bereits 2019 startete die in die Dauerausstellung integrierte Reihe "Der zweite Blick". Nach dem ersten Teil der Serie, der sich "Spielarten der Liebe" nannte, führen nun sechs neue Routen durch das Museum und werfen einen dezidierten Blick auf Frauen. Sie laden dazu ein, ein zweites Mal – und dieses Mal etwas genauer – hinzusehen.

Eine Route legt den Fokus auf Frauen aus der griechisch-römischen Mythologie, eine weitere auf christliche und biblische Erzählungen. Auch jene, die aktiv die europäische Geschichte mitgestaltet haben, werden bedacht. Explizit wird auf das Fehlen von Künstlerinnen aufmerksam gemacht: Obwohl das Bode-Museum unter anderem das Museum für Byzantinische Kunst und die Skulpturensammlung beherbergt, konnte bisher kein einziges Werk einer konkreten Künstlerin zugeschrieben werden. Insgesamt 68 Objekte sind mit Stickern gekennzeichnet, die auf zusätzliche Informationen verweisen. In Kästen unter den Werken befindet sich allerhand Lesestoff, per QR-Code sind die Details aber auch online abrufbar.

Maria: Jungfrau, Mutter, Autorität

Das Ziel von López-Fanjul y Díez del Corral ist es, weibliche Biografien aufzuarbeiten und zu kontextualisieren. Etwa die von Maria: Eine Route führt vorbei an Donatellos berühmter "Pazzi Madonna" (um 1420). Fürsorge, Gutherzigkeit und Aufopferungsbereitschaft stehen in den Darstellungen der Gottesmutter häufig an erster Stelle. Maria gilt im Christentum als absolute Übermutter, aufgrund ihrer angeblich unbefleckten Empfängnis aber auch als Idealbild der Unschuld und Reinheit. Jennifer Moldenhauer, die als wissenschaftliche Museumsassistentin an dem Projekt mitgewirkt hat, stellt fest: "Die Bibel ist aus patriarchalen Strukturen entstanden, sämtliche Überlieferungen sind also von einer dominant männlichen Perspektive geprägt."

Die Apokryphen sind Überlieferungen, die aus keinem biblischen Kanon stammen. Sie zeichnen ein deutlich komplexeres Bild von Maria: Demnach war sie eine liturgische Autorität, leitete das Gebet an, heilte und verschaffte sich Gehör. Es sind Perspektiven, die im Laufe der Zeit an Bedeutung verloren haben. Die widersprüchlichen Ideale "reiner" und "unreiner" Frauen hatten jedoch gravierende Folgen, insbesondere für Christinnen, denen Maria als Vorbild dienen sollte. Je mehr wir uns an bestimmte Blickweisen gewöhnen – Maria mit Baby im Arm, Maria beweint ihren toten Sohn – desto mehr gehen die vielschichtigen Bedeutungsebenen der jahrhundertealten Erzählungen verloren.

Wie werden Frauen dargestellt – und warum?

Im ersten Stock blickt eine junge Frau schüchtern zu Boden und bedeckt ihren nackten Oberkörper mit einem dünnen Tuch. Das gelingt ihr jedoch nur geringfügig: Wer um die kleine Terrakottabüste herumläuft, entdeckt ihren blanken Busen. Dass die Dargestellte im Paris des 19. Jahrhunderts eine politisch und gesellschaftlich einflussreiche Person gewesen ist, erfahren die Betrachterinnen und Betrachter erst, wenn sie sich genauer mit ihr beschäftigen.

Die zierliche Terrakottabüste des französischen Bildhauers Joseph Chinard zeigt die ehemalige Salonnière Julie Récamier. Um 1800 war sie in Frankreich so bekannt, dass sogar ein Liegemöbel nach ihr benannt wurde: Die Récamiere, auf der sie 1800 von Jacques-Louis David porträtiert wurde. Frisur und Mode der Dargestellten sind typisch für die Zeit des französischen Empire, in der Chinards Plastik entstanden ist. Der Bildhauer hat die Gestik der jungen Dame dem Typus der so genannten "Venus pudica" nachempfunden. Indem er die Salondame an Darstellungen der griechischen Göttin angelehnt hat, war es ihm möglich, Julie Récamier halbnackt zu porträtieren. Das Publikum des 19. Jahrhunderts war hingerissen.

Chinards Büste zeigt eindrucksvoll, wie gesellschaftliche und künstlerische Projektionen unseren Blick auf Kunstwerke verzerren können. Während Récamier als schönste Frau Europas gehandelt wurde, wurde Napoleon ihr politischer Einfluss gefährlich: Er ließ ihren Salon schließen und schickte sie ins Exil. Obwohl das Leben Récamiers von politischer Mitbestimmung und gesellschaftlicher Teilhabe geprägt war, bleibt sie dem Kunst-Publikum heute als Venus nach antikem Vorbild in Erinnerung.

Moderne Familienmodelle und Sexarbeit

Auch Abbildungen von Männern, die nicht den gängigen Rollenklischees entsprechen oder einen Beitrag zur Gleichberechtigung geleistet haben, werden auf einer der Routen thematisiert. Einer von ihnen ist Joseph, der im Gegensatz zu Maria häufig keine nennenswerte Rolle spielt. Viele Darstellungen zeigen ihn passiv oder im Hintergrund. In der Holzarbeit "Geburt Christi" (um 1420) scheint es sogar, als würde er die Geburt Jesus verschlafen. Historisch interessant ist der Fakt, dass der Zimmermann zu seiner Ehefrau gehalten hat, obwohl sie ein uneheliches Kind bekam. Ob man hier vom einem Patchwork-Familienmodell sprechen kann?

Neben Heiligen und Personen aus der christlichen Kunstgeschichte werden aber auch die Darstellungen von Doktorinnen, Heldinnen, Göttinnen und Königinnen in den Mittelpunkt der Sammlungspräsentation gerückt. Etwa Dr. Dorothea von Rodde-Schlözer, die als erste Frau in Deutschland den Doktortitel für Philosophie erwarb. Oder Delila, die den langhaarigen Krieger Samson austrickste und fortan als Prostituierte und Verräterin bezeichnet wurde.

Besonders spannend ist die Frage, was diese Frauen mit den Berlinerinnen von heute verbindet. Einige Objekte werden von kurzen Videos begleitet, in denen sich Frauen, die die Berliner Gesellschaft prägen, äußern. Darunter sind Rabbinerin Gesa Shira Ederberg, Unternehmerin und Model Sara Nuru, Professorin Mira Sievers oder Choreographin Sasha Waltz. Auch Heidi Kasten, Aufsichtsleiterin im Bode-Museum, ist zu sehen. Begeistert erzählt sie von der Bronzeplastik der italienischen Heeresführerin und Adligen Mathilde von Canossa: „Sie wurde in einer Zeit geboren, in der Frauen nicht gleichberechtigt waren. Es ist erstaunenswert, was für eine starke Frau sie war und dass sie sich nicht hat unterkriegen lassen."

Wider dem "male gaze"

Einen starken Perspektivwechsel erhält das Projekt auch durch die Kooperation mit dem Frauentreff Olga, einer Anlauf- und Beratungsstelle für drogenkonsumierende Frauen, Trans*Frauen und Sexarbeiter*innen in Berlin. In einer Kabinettausstellung präsentieren einige Personen, die den Frauentreff regelmäßig aufsuchen, Fotografien aus ihrem Leben. Die Bilder sind mit persönlichen Geschichten und Anekdoten untermalt. Spätestens hier zeigt sich, dass Frauen im Bode-Museum nicht nur andächtig betrachtet werden, sondern auch endlich selbst zu Wort kommen sollen.

„Der zweite Blick“ tut dem Bode-Museum einen großen Gefallen. Es ist nicht nur ein erneutes Hinsehen, sondern eine wichtige Kontraposition zum „male gaze“, einer lange überlieferten männlichen Perspektive, die hier gefördert wird. Die neue Art der Kontextualisierung erzeugt Achtsamkeit und kritisches Denken. Sie ist heute nicht nur ein nettes Gimmick, sondern ein notwendiges Element in Sammlungen mit jahrhundertealter Tradition. Es bleibt zu hoffen, dass derartige Konzepte auch in weiteren Häusern Teil der ständigen Sammlung werden.
 

Die Autorin hat als Studentin am Seminar "Der zweite Blick: Bilder von Frauen und
Frauenbilder im Bode-Museum" der Technischen Universität Berlin teilgenommen und sich in dem Zusammenhang mit der Büste der Julie Récamier beschäftigt.