Fotos aus dem Bahn-Bordrestaurant

Rasender Stillstand

Das Bordrestaurant in ICE-Zügen ist ein demokratischer Ort der kulinarischen Unvernunft. Paul Niedermayer fängt ihn in entrückten Stillleben ein, die nun in Freiburg zu sehen sind. Eine diskrete Hommage an das "Eisenbahnfieber" der Moderne

"Genuss auf ganzer Strecke" – so wirbt die Deutsche Bahn für ihre Bordbistros und Bordrestaurants. Doch was soll das bedeuten? Im Lexikon wird "Genuss" als "angenehme Empfindung" definiert, die bei der "Befriedigung eines materiellen oder geistigen Bedürfnisses" auftritt. "Lust", "Glück" und "Freude" gelten als naheliegende, irgendwie verwandte Begriffe. 

Seltsam, beim Nachdenken über die Gastronomie der Deutschen Bahn wandern die eigenen Gedanken woanders hin. Da erscheint das Zugrestaurant zuallererst als Ort des Trostes, weil man in einem ausgebuchten Intercity-Express so doch noch einen Platz bekommen hat; als Quelle der kurzen Abwechslung von der Langeweile einer mehrstündigen Reise auf der Schiene oder auch als Moment der kulinarischen Unvernunft, wo wider besseres Wissen Dinge bestellt werden, die man woanders schlichtweg ablehnen würde. Stichwort: warmes Schinken-Käse-Baguette. Und weil hier nicht zwischen erster und zweiter Klasse unterschieden wird, besitzen Bordbistros und -restaurants trotz des Konsum-Imperativs innerhalb der hierarchisch-räumlichen Gliederung eines Zuges nicht zuletzt auch eine Art Scharnierfunktion - und den Nimbus eines demokratischen Treffpunkts.

"DB" lautet der Titel einer aus 30 Bildern bestehende Serie, die die Berliner Künstlerin Paul Niedermayer in ICE-Bordrestaurants fotografiert hat. Bei den Bildern, die aktuell im Kunstverein Freiburg in Niedermayers erster institutioneller Einzelausstellung gezeigt werden, handelt es sich ausschließlich um Stillleben, die Kaffeetassen und Biergläser ins Zentrum der Komposition stellen. 

Ab und zu gesellen sich weitere Attribute des zeitgenössischen Bahnreisens hinzu, die beim Betrachten eine unmittelbare haptische Erinnerung aktivieren: ein Airpod-Schächtelchen mit seiner typischen Form eines Handschmeichlers, ein auf dem Bauch liegendes iPhone, die blättrigen Restkrümel eines Croissants auf einer Papierserviette.

Kosmischer Glitter für den Nicht-Ort

Dazu passt, dass hin und wieder Hände abgebildet werden, die eine Tasse oder den schmalen Hals eines Weißbierglases umfassen oder gestikulieren. Ihr Thema fand die 1989 in Münster geborene Künstlerin sozusagen auf dem Weg zur Arbeit: Niedermayer wohnt in Berlin und hat einen Job als künstlerische Mitarbeiterin für Fotografie an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Sie pendelt also regelmäßig mit den Zügen der Deutschen Bahn.

Die Mehrheit der Bilder erscheint durch eine eigentümliche Unschärfe verbunden, so als seien hier Objekte in Bewegung eingefangen worden. Untertassen ziehen Lichtschweife hinter sich her, die direkt aus der Effektkiste des Sci-Fi-Kinos zu stammen scheinen. Die Reizarmut und das Funktionsdesign eines Nicht-Ortes werden mit einem kosmischen Glitter konfrontiert. 

Aus dieser Spannung entspringt die seltsame Anziehungskraft dieser Bilder. Um diesen Verfremdungseffekt zu erreichen, schraubte Niedermayer einen Lichtfilter vor das Objektiv ihrer Digitalkamera. Auf diese Weise erreichte sie die Verwischung von Konturen und einen Effekt von Bewegungsunschärfe. So wird es möglich, einen vertrauten und übersehenen Ort noch einmal aus einer eigentümlichen Distanz wahrzunehmen. In der knapp formulierten Pressemitteilung wird lapidar festgestellt: "Every picture was taken at a speed of 200 km/h" – jedes Bild wurde bei einer Geschwindigkeit von 200 km/h aufgenommen. Das mag von außen betrachtet stimmen, doch innerhalb des Bezugssystems Speisewagen bewegt sich natürlich nichts in diesem Tempo.

Eine Mobilität, die es zu verteidigen gilt

"Rain, Steam and Speed" lautet der Titel eines der berühmtesten Bahnbilder, gemalt 1843 von William Turner, das heute in der National Gallery in London bewundert werden kann. Der Künstler soll dafür seinen Kopf aus dem Fenster einer über ein Viadukt rasenden Eisenbahn gesteckt haben. Im neuen Fortbewegungsmittel ließ sich damals der erste Geschwindigkeitsrausch des Industriezeitalters genießen. 

In den heutigen Zügen, die mit einer vielfach höheren Geschwindigkeit die Städte verbinden, lassen sich keine Fenster mehr öffnen. England, das Geburtsland der modernen Eisenbahn, begeht in diesem Jahr das 200-jährige Jubiläum des Verkehrsmittels mit landesweiten Feierlichkeiten. Deutschland zieht dann 2035 mit dem 200. Jahrestag der ersten Strecke zwischen Nürnberg und Fürth nach. 

"Eisenbahnfieber" nannte man in den 1830er-Jahren den Eifer, mit dem die ersten Strecken gebaut wurden. Heute muss wohl eher von "Bahngejammer" die Rede sein. Es stimmt ja: Aktuell steckt die Deutsche Bahn in einer schweren Krise. Ob die neue Chefin Evelyn Palla die Wende für den Konzern bringt? Ein möglicher Aspekt der Freiburger Ausstellung von Paul Niedermayer ist das Festhalten an dem Verkehrsmittel, trotz aller Mängel. In der Ambivalenz ihrer Bilder scheint trotz der Krise auch etwas Utopisches auf. Die Mobilität, die durch die Bahn erreicht wurde, ist etwas, das es zu verteidigen und auszubauen gilt.