Graffiti im Museum? An den gesprühten Schriftzug in der Eingangshalle des Museion in Bozen muss sich das Auge erst einen Moment lang gewöhnen. Doch für den in New York lebenden Künstler und Archivar Ned Vena, der neben Leonie Radine die Ausstellung kuratiert hat, ist Graffiti eine sehr persönliche Betrachtung urbaner Landschaften – und zu diesem Zugang sollen auch die Besuchenden finden. Wie wurde die Farbe aus der Dose eingesetzt, bevor sie mit Straßenkunst assoziiert wurde? Und wie seitdem? "Graffiti" untersucht die Verbindung des writings mit bildender Kunst über einen Zeitraum von 75 Jahren.
Die Werkschau beginnt mit Arbeiten aus den 1950er-Jahren, kurz nach der Erfindung der Sprühfarbe. Es folgen Werke aus der frühen New Yorker Szene von Futura 2000 oder Chris Daze Ellis. Eingefangen auf Leinwänden, sind sie konserviert – anders als die ersten Arbeiten auf New Yorker U-Bahn-Zügen, die so schnell übermalt waren, wie sie aufgesprüht wurden. Das generelle Risiko dieser Gattung: Es ist oftmals Kunst auf Zeit.
Umso wichtiger ist es, seine Botschaften zu verstehen und ihnen nachzugehen. Das passiert auch im angrenzenden Raum, in dem Graffiti- und zeitgenössische Künstler direkt aufeinandertreffen. Etwa in der Zusammenarbeit von Jenny Holzer und Lady Pink von 1983/84. Die Fragilität und Aussagekraft der Sprühkunst intensiviert sich, findet sich in einem Gemälde Christopher Wools wieder, in dem gesprayte Linien unter breiten Pinselstrichen verschwinden. Graffiti als sanfter Widerstand aus Sprühnebel: nicht als Subkultur, sondern als Teil der Geschichte – so können die transdisziplinären Arbeiten der mehr als 50 Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung wahrgenommen werden.
Das Medium wird dreidimensional
Gegenwärtige Graffiti-Kunst wie die Skulpturen des Künstlerduos Kaya, bestehend aus Kerstin Brätsch und Debo Eilers, begleiten den Besucher auf dem Weg in die nächste Etage. Das Medium wird dreidimensional, seine Grenzen geweitet. Und dann findet man sich in einer tatsächlichen Stadtlandschaft wieder, in der ein Miniaturzug der Künstlerin Josephine Pryde durch besprühte Stromkästen und Mülleimer fährt.
Hat man die beiden Stockwerke durchlaufen, ist die Harmonie im Kopf wieder hergestellt. Die Schnittstelle zwischen Graffiti und zeitgenössischer Kunst ist gefunden.