Es ist ein wenig im Sommerloch untergegangen: Wolfram Weimer wünscht sich eine deutsche National Portrait Gallery nach britischem Vorbild. Er möchte damit "die großen Traditionslinien Deutschlands wieder stärker erzählen", sagte er der "Welt"; gemeint sind damit "unsere jüdisch-christlichen Wurzeln, die Aufklärung, die Reformation, Deutschland als Wissensnation und als europäisches Gehäuse".
Storytelling funktioniert über Namen und Persönlichkeiten, das weiß der Medienmann Weimer, der etwa als damaliger Chef des "Cicero"-Magazins Debattenkultur anhand eines Intellektuellen-Rankings abbilden wollte. Eine Ausstellung des Historikers Christopher Clark und der Kunsthistorikerin Julia Voss im Deutschen Historischen Museum in Berlin soll 2028 eine Art Testlauf für eine deutsche National Portrait Gallery werden: "Sie soll anhand prägender Persönlichkeiten zeigen, wie vielfältig die Geschichte Deutschlands ist", sagt der Kulturstaatsminister. Und die "Welt" freut sich in einem weiteren Artikel schon auf "ein aufgeklärtes, differenziertes, positives deutsches Nationalbewusstsein", das sich nicht in "routiniertem Schuldkult ergeht" (was dann wohl auch die besten Porträts von Deutschlands besten Porträtisten Gerhard Richter, Georg Baselitz und Sigmar Polke ausschließt).
Mit seinem Bezug auf die Londoner National Portrait Gallery (NPG) entzieht sich Weimer zunächst der besonderen deutschen Gemengenlage: dem Nationalismus, seinen kriegerischen und genozidalen Folgen sowie der historischen Erfahrung mit nationalsozialistischem und sozialistischem Personenkult. Die NPG wurde 1856 als weltweit erste ausschließlich dem Porträt gewidmete Nationalgalerie in einer Monarchie und ausgeprägten Klassengesellschaft gegründet, als das Bürgertum im Zuge kolonialer Expansion und industrieller Revolution zu größerer Macht kam und sich mit diesem neuen Stolz – wie zuvor Adel und Kirchenelite – in herrschaftlichen Porträts spiegeln wollte. Die Treuhänder einigten sich damals darauf, "die Berühmtheit der dargestellten Person eher zu betrachten als das Verdienst des Künstlers". Es ging also zunächst darum – wie jetzt auch von Weimer gewünscht –, etwas über bedeutende Individuen als Gestalter von Geschichte und Nation zu erzählen.
Wo bleibt die Frage nach der Kunstform Porträt?
Heute definiert die NPG ihre Aufgabe allerdings kaum anders als jedes öffentliche Kunstmuseum: Sie widmet sich der Pflege, Bewahrung und Erweiterung der Sammlung und der Ausstellung der Werke. Ihr Bestand umfasst mittlerweile mehr als 220.000 Werke – Gemälde, Zeichnungen, Stiche, Fotografien, Karikaturen, Skulpturen und Miniaturen – vom 8. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Und die NPG versteht sich als Zentrum für die Erforschung der Porträtmalerei. Es geht also tatsächlich um Kunst.
Zu Porträts als Kunstform hört man jedoch von Weimer jedoch bislang gar nichts. Dabei könnte für eine Porträtgalerie in Deutschland, die nach Weimers Worten ein "selbstbewusstes demokratisches Narrativ" transportieren soll, die Frage nach der Kunstform Porträt ein geeigneter Anfang sein. Ist doch gerade die Frage der Repräsentation von Macht und Einfluss interessant. Wer wird vom wem dargestellt – und wer fehlt? Was macht die Darstellung mit der dargestellten Person? Was wird weggelassen, was hinzugefügt, hervorgehoben, verschönert, parodiert, karikiert? Welche Gruppe wiederum repräsentiert das jeweilige Bildnis einer Einzelfigur?
Dafür müsste man sich für den Zusammenhang von Identität und Politik interessieren. Das tut der Kulturstaatsminister aber nicht. Im selben Interview, in dem er eine Deutschland-NPG herbeisehnt, geißelt Weimer paradoxerweise wieder einmal "Identitätsfragen", "Identitätspolitik" und "Identität als politisches Konfliktfeld". Aber kann man sich für Porträts begeistern, ohne Identität zu denken? Für Weimer wird Geschichte offenbar nicht von gesellschaftlichen Bewegungen, von Gruppen, Klassen oder dem Kapital gemacht, sondern von starken Persönlichkeiten, die sich – na klar – allein aus sich heraus über die Verhältnisse erheben, Entscheidungen treffen, das Richtige tun. Doch wie würde man solche Personen, wenn es sie denn gäbe, darstellen? Als Sonnenkönige, die ihre Macht und Herrlichkeit von Gott geschenkt bekommen haben.
Renaissance des Porträts dank Identitätsfragen
Dabei erlebten die längst totgesagte Kunstform des Porträts und mit ihr die National Portrait Galleries dieser Welt erst im Zuge emanzipatorischer Identitätspolitik in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Renaissance, auch auf dem Kunstmarkt. Plötzlich war mit der Darstellung bislang nicht als bildwürdig befundener Personen eine neue Freiheit möglich, die immer wieder neue Fragen, Herausforderungen und eben auch Schönheit hervorbrachte.
Amy Sheralds "Trans Forming Liberty" – die Darstellung einer Schwarzen Transperson als Freiheitsstatue – markierte 2025 den Höhepunkt und das vorläufige Ende des größten Porträtbooms seit aristokratischen Zeiten: Die Künstlerin sagte eine Ausstellung in der Smithsonian National Portrait Gallery in Washington ab, nachdem das Museum das Gemälde aus einer geplanten Retrospektive entfernen oder nur mit ergänzenden Videos zeigen wollte, um Kritik der Trump-Administration zu vermeiden.
Von einer Einflussnahme der Politik auf Museen, wie sie Trump auf die Smithsonian-Häuser ausübt, sind wir in Deutschland noch entfernt. Das macht die Idee einer Nationalgalerie für Porträts derzeit noch bestechend – solange es dabei um Kunst geht. Die größte Ermutigung für eine solche Einrichtung liefert gerade die lebhafte Diskussion und die Ausstellung des offiziellen Porträts von Angela Merkel, die dem Berliner Bode-Museum einen regelrechten Hype beschert hat: Im ersten Monat sind bereits 85 Prozent mehr Menschen in das Haus gekommen. Das "selbstbewusste demokratische Narrativ" entsteht hier erst mit der Kunst: In der Betrachtung, in der Ablehnung, in der Feier der Repräsentation von komplexer Wirklichkeit.