Neuer Bildband

Am Pool mit Marilyn

Bevor Marilyn Monroe zum Filmstar aufstieg, machte sie Karriere als Fotomodell. Kurz vor ihrem Tod posierte sie noch einmal nackt vor der Kamera. In einem neuen Bildband erinnert sich der frühere Fotojournalist Lawrence Schiller an seine Begegnungen mit der Sexgöttin auf Abruf

Die Filmkamera ist eine Waffe, die laut Jean-Luc Godard 24 Mal pro Sekunde Wahrheit produziere  – wie "das Maschinengewehr des Vietkong  24 Mal pro Sekunde schießt". Marilyn Monroe war nicht die einzige Schauspielerin, die eine Heidenangst vor jener Apparatur hatte, die jede Bewegung, jedes Augenzucken gnadenlos festhält.

1944 wurde Norma Jeane Dougherty von einem Armeefotografen in einer Rüstungsfabrik entdeckt, in der sie arbeitete. Bevor sie in den frühen 1950ern zum Filmstar aufstieg, machte sie Karriere als Fotomodell. Fotografiert zu werden, machte Marilyn Monroe nie etwas aus. "So selbstsicher Marilyn vor einer Fotokamera war, so sehr brachte eine Filmkamera sie aus der Fassung", bringt es Lawrence Schiller auf den Punkt. Schiller, heute 85, der bereits 1973 gemeinsam mit dem Schriftsteller Norman Mailer eine Monroe-Biografie veröffentlichte, lernte die Schauspielerin im April 1960 kennen und traf sie noch am Morgen vor ihrem Tod am 4. August 1962.

In "Marilyn & ich" erinnert sich der frühere Fotojournalist (und spätere Filmproduzent, Regisseur und Herausgeber) an seine Begegnungen mit der Sexgöttin auf Abruf. Monroe hatte sich bei 20th Century Fox wegen ihrer ständigen Krankmeldungen und notorisch verpatzter Takes unbeliebt gemacht. Bei den Dreharbeiten zu "Something’s Got to Give" wurde es den Studiobossen zu bunt und der Star wurde gefeuert.

Swimmingpool-Fotos ließen Monroes Aktien wieder steigen

Im Zentrum des Buchs stehen die Fotos, die Schiller von Monroe während des Drehs einer Swimmingpool-Szene schoss. Die Bilder, für die sich die Schauspielerin zwei Jahrzehnte nach ihrer Modelkarriere vor der Kamera erstmals wieder nackt zeigte, ließen Schillers und Marilyn Monroes Aktien mächtig steigen. Der Fox blieb nichts übrig, als bei ihr wieder anzuklopfen, um den Film fertigzustellen, zumal ihr Co-Star Dean Martin sich weigerte, mit einem Marilyn-Ersatz weiterzudrehen. Nach dem plötzlichen Tod der Diva an einer Überdosis Barbiturat wurde das Filmprojekt auf Eis gelegt und ein Jahr später mit Doris Day und James Garner ("Eine zuviel im Bett") realisiert.

Eine Woche nach ihrem legendären Auftritt auf einer Spendenparty für die Demokraten in New York ("Happy Birthday, Mr. President") springt Marilyn also in das 30 Grad warme Wasser des Pools, die Kameras laufen und auch Schillers Verschluss klickt im Sekundentakt. "Insgesamt verschoss ich 16 Filmrollen mit je 36 Aufnahmen in Schwarz-Weiß und drei Farbfilme, wobei ich ständig die Kamera wechselte, Blende und Belichtungszeit änderte und mich so hinstellte, dass das Licht die richtigen Glanzpunkte auf ihren Körper setzte", erinnert sich der Fotograf.

Seine Bilder konservieren eine wasserstoffblonde 35-Jährige, die sorgenfrei im Pool herumplanscht, verführerisch ihr rechtes Bein auf dem Beckenrand ruhen lässt, wie eine Schaumgeborene dem Wasser entsteigt und schließlich zufrieden lächelnd in einen blauen Bademantel schlüpft. Später wird Marilyn die Fotos mit geübtem Blick begutachten und einzelne Kameraschüsse entweder auf dem Kontaktbogen durchstreichen oder – im Fall von Originaldias – mit einer Zickzack-Nähschere zerschneiden.

"Es geht immer noch nur um Nacktheit"

Am Ende ist Schiller mit der Bild-Ausbeute aber mehr als zufrieden. Er kann – oder muss – es sich sogar leisten, mit einem zweiten im Studio anwesenden Fotografen einen Deal abzuschließen. Schiller überredet den zweiten Freiberufler Billy Woodfield dazu, beide Bildsätze zusammenzulegen und unter beider Namen und Copyrights zu verkaufen. Für einen dritten Fotografen, der beim Studio angestellt ist, berappen die Kollegen noch 10000 Dollar – die Pool-Bilder des Set-Fotografen Jimmy Mitchell sollen auf Drängen von Schiller und Woodfield vernichtet worden sein.

Während Schillers Fotos auch abseits der Studiokulisse kaum mehr als die Glanzseite Hollywoods zeigen, gewährt uns der Autor einen Blick hinter die Kulissen, auf die Gier der Männer und des Marktes. Marilyn Monroe selbst wusste ihren Körper als Kapital einzusetzen, aber natürlich haderte sie auch damit. Sie wollte andere Rollen als die der naiven Sexbombe spielen – und konnte das Vorhaben eigentlich nur in John Hustons "Mitsfits – Nicht gesellschaftsfähig" umsetzen, ihrem letzten vollendeten Film. Die Ehe mit dem "Misfits"-Drehbuchautor Arthur Miller zerbrach während der Dreharbeiten.

"Es geht immer noch nur um Nacktheit", zitiert Lawrence Schiller aus seinem letzten Wortwechsel mit dem Star, "bin ich zu nichts anderem gut?" Ein letztes Mal hatte der Fotograf versucht, sein Modell zu einem Fotoshooting für den "Playboy" zu gewinnen. Am nächsten Tag war Marilyn Monroe tot. Schiller bekommt das Angebot, die Tote in der Leichenhalle zu fotografieren – und schlägt es aus: "Ich war mir sicher, dass irgendjemand dieses Bild aufnehmen würde, und ich war mir ebenso sicher, dass es ein hässliches Bild sein würde." Kurze Zeit darauf druckt das Magazin "Life" ein Porträt von Marilyn auf der Titelseite, das von Schiller stammte, "das Bild, auf dem sie die goldfarbene Pelzkappe mit dem dazu passenden Pelzkragen trug, auf dem sie ein wenig nach Luft zu ringen schien, den ätherischen Schnappschuss, auf dem sie einem Engel glich."