Art Basel Cities startet in Buenos Aires

Eine brüchige Stadt

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Buenos Aires war schon häufig pleite und hat sich wieder aufgerappelt. Man liebt den Fußball, das Theater, die Psychoanalyse (und den Tango, klar). Jetzt soll Argentiniens Haupt­stadt auch ein internationales  Kunstzentrum werden – mithilfe der Art Basel

An der Wand hängt das vertraute Logo der Art Basel, der mächtigsten Kunstmesse der Welt. Davor steht Marc Spiegler, ihr Direktor, und begrüßt die Gäste mit entspannter Eloquenz. Internationale Sammler, Kuratoren und Kunstleute, man kennt sich aus dem VIP-Programm. Doch der holzgetäfelte Belle-Époque-Saal, in dem es gleich an die Häppchen geht, befindet sich nicht in Basel und nicht in Miami, sondern in Buenos Aires.

Die argentinische Hauptstadt ist die erste Metropole, an der die Art Basel ein neues Geschäftsmodell ausprobiert: Art Basel Cities. "Seitdem wir international agieren, kommen regelmäßig Städte auf uns zu und fragen, ob wir bei ihnen auch eine Messe veranstalten können", erklärt Spiegler im Interview. "Aber wir sehen in der näheren Zukunft keine Möglichkeit für eine vierte Art Basel Messe. Stattdessen haben wir Art Basel Cities entwickelt. Wir schaffen damit nicht nur einen Marktplatz, wir arbeiten am gesamten Ökosystem der Kunst."

Bei ihrem Cities-Programm agiert die Art Basel ähnlich wie eine Unternehmensberatung: In engem Austausch mit den Vertretern von Kunstmarkt und Kunstinstitutionen vor Ort entwickelt sie ein mehrjähriges Programm, um die lokale Kunstszene zu stärken, organisiert Workshops und Ausstellungen und bringt internationales Publikum in die Stadt.

Foto: Mani GattoFoto: Mani Gatto
Art-Basel-Direktor Marc Spiegler (rechts) im Gespräch mit Alec Oxenford, Direktor der ArteBA Foundation, die lokale Messen für zeitgenössische Kunst veranstaltet

Im September, direkt nach der Eröffnung der Biennale von São Paulo in Brasilien, eröffnet eine große Ausstellung im öffentlichen Raum, kuratiert von der Italienerin Cecilia Alemani, die mit der High Line, dem Park auf der ehemaligen Hochbahn in Chelsea, auch den Lieblingstrampelpfad der New Yorker bespielt. Dazu schicken die Basler Künstler und Kuratoren mit Stipendien ins Ausland, beraten Institutionen zu Finanzierung und Crowdfunding, stellen Kontakte her und schleppen Sammler und Kuratoren an: Wenn die Art Basel etwas kann, dann die richtigen Leute herbeizubringen, grinst Spiegler.

"Patrons of the Art" heißt das auf Englisch, was im Deutschen mit "Kunstgönner" nur sehr tantig übersetzt werden kann. Wie viel Buenos Aires für all das lockermacht, wird nicht verraten. Allerdings wird das Geld keiner Kunstinstitution abgeknapst, wie Spiegler beteuert. Es stammt nicht aus dem Kulturetat der Stadt, sondern aus der Tourismus- und Wirtschaftsförderung.

Drinnen in der Villa, die jetzt Art Basel Cities House heißt, gehen die Talks los, auf Englisch und Spanisch. Wer will, kann von Zimmer zu Zimmer spazieren und Diskussions-Tinder spielen. Die Themen könnte man sich auch gleich als Leitfragen für den gesamten Besuch in Buenos Aires auf den Handrücken kritzeln: Warum werden lateinamerikanische Künstler eigentlich immer erst dann bekannt, wenn sie Lateinamerika verlassen? Wie kann die Kunst in Buenos Aires ein größeres Publikum erreichen? Aber auch: Sehen Museen in aller Welt mittlerweile gleich aus? Übersetzt auf die lokale Situation: Wie kann man die Kunstszene von Buenos Aires internationaler machen, ohne ihre Besonderheiten zu zerstören?

Foto: Jorge MiñoFoto: Jorge Miño
Die Lobby des städtischen Museo de Arte Moderno de Buenos Aires (MAMBA), das in einer umgebauten Tabakfabrik im historischen Stadtteil San Telmo residiert

Noch ist die Stadt weit davon entfernt, ein Teil des globalisierten Zirkus zu sein – das wird beim Trip durch die Galerien und Ausstellungshäuser schnell deutlich. Das klassische Galerienviertel sitzt im alten Zentrum Recoleta, wo die Prachtbauten der Jahrhundertwende von einer Zeit erzählen, als Buenos Aires so reich war wie New York. Hier sind die Boutiquen teuer und die Straßen oft so seltsam leer wie in den totrenovierten Innenstädten der europäischen Metropolen. In der Galerie Henrique Faria sind gerade einige Klassiker der konzeptuellen Kunst Argentiniens in einer Gruppenausstellung versammelt: der 2016 verstorbene Nicolás García Uriburu, Vorreiter der Verbindung von Ökologie und Kunst, der bereits 1968 zur Venedig-Biennale den Canal Grande grün einfärbte. Oder Leandro Katz, der in den 70er-Jahren Worte nach dem Zufallsprinzip zu Gedichten kombinierte. Auf Henrique Farias Künstlerliste steht auch Marta Minujín, die mit ihrem "Partenón de libros", einem der Wahrzeichen der Documenta 14 in Kassel, ursprünglich 1983 das Ende der grausamen Militärherrschaft in Argentinien und ihrer Zensurpolitik gefeiert hatte.

Das Trauma der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 prägte die argentinische Kunst der 70er- und 80er-Jahre, die zwischen Rückzug und Revolte schwankte, kleinformatig, in Hinterzimmern her- und ausstellbar. Aber die Diktatur war nicht der einzige Bruch. Die regelmäßig über das Land hereinbrechenden Wirtschaftskrisen trieben auch Generationen von Galerien in die Pleite. Die 1965 gegründete Galerie Ruth Benzacar, heute von der Tochter der im Jahr 2000 verstorbenen Galeristin weitergeführt, ist die einzige übrig gebliebene Traditionsgalerie der Stadt – bei ihr sind die wenigen international bekannten Künstler Argentiniens im Programm, allen voran der Maler Guillermo Kuitca.

Die meisten Galerien, die heute die Szene prägen, gibt es erst seit ein paar Jahren, egal ob sie Argentiniens Kunstgeschichte vertreten wie Henrique Faria oder ob sie ganz auf das Zeitgenössische setzen wie die Zmud Gallery. Larisa Zmud gehört zu den cool kids der Szene, die sich gerade im alternativen Stadtteil Villa Crespo ausbreitet. Sie zeigt Nachwuchskünstler, und zwar ausschließlich aus Argentinien. In Buenos Aires ist Kunst fast immer Marke Eigenbau. Wobei die Ästhetik der jungen Künstler absolut anschlussfähig an die internationale Szene ist: eklektischer Materialmix, viele Installationen, ortsspezifische Arbeitsweise, oft politische Inhalte.

Foto: Jorge MiñoFoto: Jorge Miño
Larisa Zmud vor ­ihrer Galerie

Die Galería Isla Flotante in La Boca könnte auch in der Lower East Side sein, so genau trifft sie die internationalen Hipness-Codes. In La Boca bauten sich früher die armen Hafenarbeiter Hütten aus Wellblech und malten sie bunt an, heute zählen die pittoresken Straßen mit Live-Tango zum Touristenmenü. Auch der legendärste Fußballklub dieser fußballverrückten Stadt ist hier zu Hause, überall werden Pappmaschee-Maradonas zu Geld gemacht. Doch nur ein paar Schritte von der Souvenirhölle entfernt, in einem alten Haus direkt am Hafen, öffnet sich eine unscheinbare Tür zu einem genau im richtigen Maße abgeranzten Galerieraum, in dem Mäuse ironisch auf den groben Eisenträgern unter der Decke sitzen. Angefangen hat Isla Flotante als Projektraum einer Künstlerinitiative, mittlerweile ist man Galerie und reist auch auf die Art Basel/Miami Beach. Das Haus gehört wiederum der Familie Benzacar, die hier und nebenan ein regelrechtes Kunstzentrum errichten möchte, in dem mehrere Galerien Platz haben.

Das neue Galerienhaus liegt in Sichtweite einer der wichtigsten privaten Institutionen für zeitgenössische Kunst in der Stadt. Die Fundación Proa, finanziert von der Kulturstiftung des global agierenden Stahl-und-Öl-Konzerns Techint, hat sich am Hafen von La Boca bereits 2008 schicke neue Ausstellungsräume in ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert hineingebaut.

Foto: Jorge MiñoFoto: Jorge Miño
Ai Weiwei installierte eine monumentale Skulptur aus Fahrrädern vor der Fundación Proa

La Boca ist von der Stadtverwaltung offiziell zum Kunstquartier erklärt worden, das entsprechende Stadtmarketing-Label steht an jeder zweiten Straßenlaterne.  Immobilienbesitzer, die an Galerien oder Künstler vermieten, zahlen hier keine Steuern – die konservative Stadtregierung will die Kunstszene bewusst zur Revitalisierung des immer noch recht ärmlichen Viertels einsetzen.

Ein Konzept, das nicht alle überzeugt. "Warum bekommen die Künstler die Unterstützung nicht direkt? So profitieren einfach die Immobilienbesitzer von der Wertsteigerung", meint die Kuratorin Alejandra Aguado. Sie ist Mitbegründerin von Móvil, einem Non-Profit-Kunstzentrum, das sich als eine Art Produktionslabor versteht. "Wir geben Künstlern, die den Einstieg in den Betrieb schon geschafft haben, die Möglichkeit, eine aufwendige neue Produktion zu realisieren, denn so etwas fehlt hier sonst völlig", erklärt Aguado.

Dass Móvil existiert, ist ebenfalls das Resultat eines Immobiliendeals. Es liegt in einer alten Fabrik im eher kunstfernen Viertel Parque Patricios, die der Medienkünstler Fabián Wagmister während der großen Wirtschaftskrise 2001 gekauft hat. Wagmister, Typ grau-zauseliger Hippie mit dicken Brillengläsern, verdient sein Geld als Professor für audiovisuelle Kunst an der University of California in Los Angeles. 2001, als Argentinien von Rezession und Bankenkrise gebeutelt wurde, wollte er in seiner Heimat Buenos Aires ein Kunstzentrum gründen. "Ich kam mit 160 000 US-Dollar hier an", berichtet er. "Ein paar Tage später war der Staat bankrott, die Bindung des Peso an den Dollar wurde aufgehoben, die argentinische Währung war plötzlich nur noch einen Bruchteil wert. Und ich konnte mit meinem Geld das gesamte Gelände hier kaufen und noch einen Teil der Renovierung finanzieren." Neben dem Kunstraum Móvil beherbergt Wagmisters Kulturzentrum CheLa kollektive Werkstätten, es gibt Residenzen für Künstler und experimentelles Theater, und irgendjemand bastelt immer an irgendetwas Hochtechnologischem.

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Alejandra Aguado (links) und Solana Molina Viamonte (rechts) unterstützen mit ihrem Non-Profit-Kunstzentrum Móvil aufwendige Neuproduktionen von jungen Künstlern: Hier ist ein Film der Argentinierin Elena Dahn (neben Aguado) zu sehen

Auch Móvil hat bislang nur argentinischen Künstlern ein Forum gegeben. Genau wie das städtische Museo de Arte Moderno de Buenos Aires (MAMBA), in einer alten Fabrik im beliebten Altstadtviertel San Telmo gelegen, häufig argentinische Künstler zeigt. Doch  die heutige Künstlergeneration dringt kaum international durch. Der 1977 geborene Eduardo Basualdo ist einer der wenigen Künstler, die das geschafft haben, er besuchte die Rijksakademie in Amsterdam und hat Galerien in Berlin und São Paulo. "Die Szene ist sehr lebendig, es gibt viele gute junge Künstler hier", erzählt er. "Aber man muss einfach raus, wenn man etwas erreichen will."

In die Türschwelle zu der alten Fabriketage, in der Basualdo und einige andere Künstler, unterstützt vom Hausbesitzer, großzügige Ateliers beziehen konnten, sind Eisenstangen eingelassen, damit Obdachlose sich nicht niederlassen. "Nachts ist das keine so gute Gegend hier", sagt Basualdo. Dafür ist einiges los: "Hier im Viertel gibt es bestimmt 100 Off-Theater – Theater ist die eigentliche Leidenschaft von Buenos Aires, viel mehr als Kunst."

Auch Basualdos Installationen haben eine gewisse Theatralität, sie nutzen Raum, um ­extrem kondensierte Geschichten zu erzählen. Im Atelier steht eine Art Schrank, aus dem Klopfzeichen dröhnen – das Unheimliche pocht an. Was an die zweite berühmte Passion der Bewohner von Buenos Aires erinnert, die Psychoanalyse. "Hier legt sich jeder auf die Couch", weiß Basualdo. Dass Sprache heilen kann, faszinierte ihn so, dass er Sprachspiele in seine Installation einführte. Neben seinem Schreibtisch steht ein Gitter, dessen Stäbe so verbogen sind, dass sie Wörter bilden. Ein vielsagendes Beispiel: "Nosotros, das heißt 'wir'. Aber wenn man den Anfang abtrennt, steht dort otros, also 'die anderen'. Das ist das Spannungsfeld der Gesellschaft", erzählt Basualdo.

Foto: Jorge MiñoFoto: Jorge Miño
Eduardo Basualdo in seinem Atelier

Wir? Die anderen? Argentinien ist ein Kolonialstaat, gegründet in einem Akt brutaler Landnahme. Und kaum irgendwo in Südamerika sind die Weißen im Straßenbild so in der Überzahl. "Die indigene Bevölkerung wurde hier im 18. Jahrhundert noch gnadenloser ausgemerzt als anderswo, auch die von den Spaniern ins Land geholten afrikanischen Sklaven wurden wieder eliminiert – man hat sie in Gettos gesperrt und hilflos an Krankheiten sterben lassen." Der das erzählt, ist selbst Spanier: Agustín Pérez Rubio, künstlerischer Direktor des Museu de Arte Latinoamericano de Buenos Aires (Malba), des größten Privatmuseums der Stadt, das der Sammler Eduardo Costantini gebaut hat.  In der neuen Sammlungspräsentation ist Rubio wichtig, dass die Kunst auch die Kolonialgeschichte des Landes reflektiert, indigene und schwarze Künstler mit einbezieht. Lygia Clark, Roberto Matta sind neben vielen anderen vertreten, auch Uriburus grün gefärbter Canal Grande ist wieder dabei.

"Ich glaube, für jede Lygia Clark gab es noch sechs andere, genauso gute Künstler, die wir noch nicht kennen", murmelt Marc Spiegler beim Gang durch die Ausstellung. Einige von ihnen waren kürzlich im Frankfurter MMK sehen, bei der Ausstellung "A Tale of Two Worlds", die gemeinsam mit dem MAMBA in Buenos Aires entstanden ist und die Parallelen zwischen den Avantgarden in Europa und Südamerika nachzeichnet.

Verbindungen wollen gerade alle knüpfen: der westliche Kunstmarkt, weil er neues Material sucht. Die westlichen Museen, weil sie ihren eurozentrischen Kanon überwinden müssen. Und die Künstler und Kuratoren aus Argentinien, die endlich mehr Anschluss wollen an das, was im Rest der Welt passiert.

Zurück geht es ins Art Basel Cities House; der Lunch für die "international Patrons" steht an. Wo sind eigentlich die Gentrifizierungsgegner, die in anderen Metropolen sofort mit Protestplakaten bereitstünden, wenn das internationale Kapital vorbeikommt? Auf die Frage, ob schon jemand hier das Programm der Art Basel Cities als Kunstfranchise kritisiert habe, kommt Marc Spiegler in Fahrt. "Bei McDonald’s gibt es überall die gleichen Hamburger. Das ist hier nicht der Fall! Bei Art Basel Cities wird jedes Programm individuell gemeinsam mit den Partnern entwickelt und genau auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten."

Nun, nach McDonald’s schmeckt es sowieso nicht hier in Buenos Aires. Eher nach großen Batzen gegrilltem Fleisch, ein bisschen nach Autoabgasen. Eine brüchige Stadt ist das, die Biografien haben Lücken wie die Wellblechdächer in den Vororten. Keine schlechten Voraussetzungen für die Kunst. 

Dieser Artikel ist zuerst in einer längeren Fassung in Monopol 01/2018 erschienen

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