Während ich diese Zeilen tippe, sitze ich in einem Café. Aber nicht in irgendeinem. Es ist keine Filiale einer Kette, keine seelenlose Notlösung am Bahnhof, in die ich nur gehe, um Wartezeiten zu überbrücken. Es ist auch keine Zufallsbekanntschaft, in die man im Urlaub neugierig hineinschlendert. Es ist – ich werde ein wenig aufgeregt – mein neues Berliner Lieblingscafé. Ich habe lange danach gesucht. Über Google-Bewertungen oder "Mit Vergnügen"-Ratgeber findet man nette Läden, das schon, aber eben keine Herzensorte. Die müssen sich anders auftun, zufälliger.
Mich hat eine Neueröffnung gerettet: Zehn Minuten Laufdistanz von meiner Wohnung, der Kaffee ist gut, der Innenraum klein und persönlich, das WLAN-Passwort klebt an einem Küchenschrank. Es ist noch frisch mit uns, aber es ist perfekt, von morgens um 10 bis nachmittags um 16 Uhr. Doch ich gehe nicht nur in Cafés, um auf mein tägliches Koffein-Level zu kommen, sondern, um dort nachzudenken, Menschen zu treffen oder zu lesen. Vor allem liebe ich sie als Arbeitsorte. Während manche sich dort nur schlecht konzentrieren können – zu viele Nebengeräusche, Unterhaltungen, das Zischen der Kaffeemaschine – komme ich dort innerlich zur Ruhe, finde meinen Fokus.
Der Aufbruch dorthin geht für mich meist mit einem klaren Ziel einher: einer Aufgabe, bei der ein Ortswechsel hilft, der Suche nach einem kreativen Einfall, oder schlicht der äußere Anreiz, ungeliebte To-dos abzuarbeiten. Das Getränk neben mir, heiß im Winter, kalt im Sommer, wird dabei zu meinem Zeitbarometer, das mir zeigt, wie gut ich vorankomme. Zum Nachdenken kann ich den Blick schweifen lassen, die Menschen um mich herum beobachten. Manchmal hilft das, einen Gedanken zu fassen.
Unsere Autorin beim Arbeiten in ihrem Stamm-Schreibcafé
Cafés fühlen sich an wie mein natürliches Habitat, ein sicherer Zufluchtsort. Das war schon als Jugendliche so. Wenige Gehminuten von meinem Zuhause entfernt, lag mein erstes Stammcafé. Ich kam dorthin, um Hausaufgaben zu machen, für Klausuren zu lernen oder Freunde zu treffen. Mit den Stempelkarten arbeitete ich mich regelmäßig hoch zum zehnten Kaffee, den man dann umsonst bekam. Viele Läden haben ein solches System, doch ich lehne die Papprechtecke heute fast immer ab. Sie anzunehmen und jeden Tag in meinem Portemonnaie herumzutragen, ist ein commitment. Bei meinem neuen Lieblingscafé habe ich die Treuekarte eingesteckt.
Mit meiner Vernarrtheit, dem unbedingten Wunsch nach einem vertrauten Stammlokal, bin ich natürlich nicht allein. Eigentlich ist es ein ziemliches Klischee: als freiberufliche Journalistin im Café rumhängen, den Flat White oder Matcha mit Hafermilch neben dem Mac. Im Trubel Texte tippen, gedankenversunken aus dem Fenster starren, diese romantischen Bilder gibt es zuhauf – und sie sind keineswegs neu.
Schon lange, bevor wir zwischen Chai Latte, Golden Milk oder Strawberry-Bubble-Tea wählen konnten, WLAN-QR-Codes auf kleine Schildern gedruckt wurden und es "no cash, please" hieß, waren Cafés beliebte Orte für Journalistinnen, Autoren, Künstlerinnen; also eigentlich für alle, die denkend und kreativ arbeiteten. Die Kulturgeschichte ist voll von Erzählungen, Bildern und Mythen über Gastronomie als Raum der Imagination und des Austauschs, als erweitertes Arbeitszimmer und öffentliche Debatten-Arena.
Grantige Kellner und große Gedanken
In keine Stadt ist diese Tradition so eingeschrieben wie in Wien. Die Metropole ist berühmt für ihre Kaffeehäuser, mit grantigen Kellnern in gestärkten Hemden, Melange und Käsetoast, der auf jeder Karte das günstigste Gericht ist und mit einem Schälchen Ketchup serviert wird. 2011 wurde die Wiener Kaffeehauskultur sogar zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt. Als ich vor zwei Jahren für drei Monate dort lebte, verbrachte ich die meiste freie Zeit ebenfalls in diesen heiligen Hallen.
Als ich in der Stadt ankam, erklärten mir viele Einheimische, die Wiener würden dort alles machen, es seien die Wohnzimmer der Stadt. Dieser Eindruck bestätigte sich schnell. Ich verbrachte Stunde um Stunde dort, schrieb und las Romane und Zeitungen, beobachtete junge Menschen, die mit großen Kopfhörern an ihren Laptops Musik mixten, Tagebuch schrieben oder Meetings abhielten. Besonders kleinere, unbekanntere Kaffeehäuser strahlten gemütliche Gelassenheit aus, die Menschen blieben sitzen, es waren keine praktischen Zwischenstationen, sondern Orte zum Verweilen.
Viele Wiener Kaffeetempel rühmen sich ihrer Besucherhistorie. Das Café Landtmann etwa, in unmittelbarer Nähe zur Universität Wien, zum Burgtheater, Rathaus und Bundeskanzleramt, war seit seiner Eröffnung Ende des 19. Jahrhunderts ein Ort des Sehens und Gesehenwerdens und schmückt sich mit Gästen wie Oskar Kokoschka, Romy Schneider, Marlene Dietrich, Gustav Mahler oder Thomas Mann.
Öffentliche Erweiterung des Schaffensraums
Im Café Museum trafen sich passenderweise besonders gern bildende Künstler, darunter Gustav Klimt, Egon Schiele und Robert Musil, im Café Central gingen Arthur Schnitzler, Sigmund Freud und Leo Trotzki ein und aus. Namen, die die Betriebe gern zur Werbung nutzen, auch wenn sie aufgrund ihrer Bekanntheit heute kaum noch dazu einladen, ohne Eile stundenlang in Lektüre, Gespräche oder eigene Arbeit zu versinken.
Dabei ist es genau diese Idee des Cafés als öffentliche Erweiterung des Schaffensraums, die die Orte so besonders macht. Sie verheißt einen Treffpunkt, der Kreative zusammenbringt und den Esprit von Freigeistern versprüht. Manche Interieurs lassen die Vorstellung zu, der Geist der Berühmtheiten hinge noch zwischen den Polstermöbeln und bringe bis heute Inspiration.
Doch nicht nur in Wien, auch in der Kulturmetropole Paris spielen Cafés eine bedeutende Rolle, insbesondere für die Bohème. Das Café de Flore im Stadtteil Saint-Germain-des-Prés zum Beispiel wurde zum Symbol. Hier trafen sich die Künstler Picasso, Giacometti und Jean Cocteau, der Designer Karl Lagerfeld soll Stammgast gewesen sein, Schriftstellerinnen wie Simone de Beauvoir waren dort häufig anzutreffen. James Baldwin soll im Café de Flore seinen Debütroman geschrieben haben – und Jean-Paul Sartre hielt dort seine berühmte Pressekonferenz zum Ausschlagen des Literatur-Nobelpreises ab.
Zu Gast im Café Größenwahn
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Café des Westens ein zentraler Treffpunkt der Berliner Kunstszene und übernahm die Funktion eines literarischen Salons. Wegen seiner Gäste aus der Avantgarde, die dort ihre Visionen und gesellschaftlichen Aufbruchsphantasien diskutierten und den literarischen Expressionismus prägten, erhielt es im Volksmund den Beinamen Café Größenwahn.
Zu den Stammgästen zählten Maler wie Max Liebermann, Schreibende wie Frank Wedekind und Else Lasker-Schüler, sowie der Regisseur und Intendant des Deutschen Theaters Max Reinhardt. In den 1920er-Jahren sollen auch zunehmend Frauen dort verkehrt haben, die nach und nach Teil des öffentlichen Lebens wurden. Außerdem soll hier die Idee für eines der berühmtesten Stücke von Bertolt Brecht, die "Dreigroschenoper", entstanden sein.
Heute ist der Ort bloße Erinnerung: Im Krieg wurden die Gebäude zerstört, die Institution zog mehrfach um. An einem früheren Standort am Kurfürstendamm, wo später auch das Café Kranzler einzog, befindet sich nur noch eine Filiale der Kaffee-Kette The Barn.
Cafés in der Kunst
Cafés tauchten auch in der Kunst selbst immer wieder auf – allerdings weniger als Stätte des trubeligen Zusammenkommens oder der laut dargebotenen Ideen. Sondern als Orte, in denen das süßliche bis schaurige Gefühl, unter Menschen allein zu sein, besonders sichtbar wird.
Van Gogh malte 1888 die "Caféterrasse am Abend" im südfranzösischen Arles. Das Bild zeigt eine abendliche Straßenszenerie mit größtenteils unbelegten Tischen, über der der typische Van-Gogh-Sternenhimmel hängt. Édouard Manet malte nur wenige Jahre früher "Chez Tortoni", das einen in einem Lokal sitzenden, schreibenden Mann zeigt, der ein Journalist sein soll. Der Titel des Gemäldes bezieht sich auf das Pariser Lokal Tortoni, einen beliebten Künstler-Treffpunkt des 19. Jahrhunderts. Es ist Teil einer Werkreihe, in der der Künstler Menschen in Pariser Lokalen porträtierte und damit das moderne öffentliche Leben einfing.
Doch keine Café-Szene aus der Kunst ist so berühmt wie Edward Hoppers "Nighthawks". Die Malerei entstand 1942 in New York und zeigt eine unvergleichlich melancholische Version eines Diners. Im Kunstlicht sitzen, voneinander isoliert, drei Gäste, ein Kellner steht hinter der Theke. Diese Einsamkeit im Miteinander behält ihre Aktualität. Die Hopper-Szenerie zeigt das Café als Zwischenort: Die Figuren teilen sich zwar den physischen Raum, sind aber trotzdem allein. Oder wärmen sie sich gegenseitig doch ein bisschen?
Kein Coworking-Space
Für mich sind Cafés auch Trostorte. Sie bieten die Möglichkeit, der Einsamkeit, die sich für viele einschleicht, die sonst von zu Hause aus arbeiten, zumindest die Anwesenheit anderer Menschen entgegenzusetzen. Das kann Gesellschaft bedeuten, ohne aktiv in Kontakt treten zu müssen.
Doch dass ich diese beim Arbeiten einem Café finden kann, ist in Berlin mittlerweile eher die Ausnahme. Immer häufiger verhängen Betreiber Laptop-Verbote. Die Befürchtung: Gäste blockieren stundenlang Tische, ohne viel zu konsumieren, was für die Besitzer wenig rentabel ist.
Einige Lokale suchen daher nach Kompromissen. Etwa durch das Abrechnen nach verbrachter Zeit, nicht nach den Bestellungen. Andere markieren einzelne Tische als Laptop-Zonen oder erlauben die Arbeit dort nur unter der Woche. Ich bemühe mich, nicht bei einem Espresso zu bleiben, um die Gastfreundschaft nicht überzustrapazieren. Denn weiterhin arbeite ich am liebsten hier – und fände es traurig, wenn diese Möglichkeit verschwände und alle in hochglanzpolierte Coworking-Spaces mit Kaffee-Vollautomaten und weitgehender Anonymität abwandern müssten.
Heimweh nach dem Lieblingscafé
Den Reiz daran, Laptop und Notizbuch in einem Café aufzuklappen, macht nicht nur die Flexibilität aus, die diese Orte bieten, sondern liegt vor allem darin, dass dort nicht alle mit Arbeit beschäftigt sind. Dass man dort nicht extra leise sein muss wie in einer Bibliothek, sondern Gesprächsfetzen aufschnappen kann. Dass da um mich herum Alltagsleben ist.
Beendet habe ich diesen Text übrigens auch in einem Café, weit entfernt von meinem Lieblingsladen in Berlin, in Bangkok. Die Getränke, die ich bestellt habe, heißen "Yuzu Coffee" und "Mocha Boy", extrem hip. Im Hintergrund laufen Billie Eilish und Chappell Roan, ein paar Meter weiter spielen zwei Mannschaften Fußball gegeneinander.
Ich sitze draußen, im Innenraum hat eine Gruppe junger Einheimischer Platz genommen. Ich fühle mich wohl, sicher in meinem Terrain, konzentriert. Und trotzdem: Wenn ich an meine Rückkehr nach Berlin denke, dann wandern meine Gedanken zu meinem neuen Stammcafé. Ich freue mich auf die Plätze, an denen ich am besten nachdenken kann. Und vielleicht wird mir dann die erste frühherbstliche Kaffee-Kreation zum Probieren angeboten.
Mehr als Kaffee- oder Matcha-Versorger: Im Café denkt unsere Autorin am besten