Calder Gardens in Philadelphia

Ein Garten für eine Künstler-Dynastie

2026 feiern die USA ihren 250. Geburtstag, und auch Philadelphia hübscht sich auf. Ein künstlerisches Highlight ist jetzt schon zu entdecken: die Calder Gardens, eine blühende Hommage an die berühmteste Bildhauer-Familie der Stadt 

Als ich Ende der 1990er für ein Jahr nach Philadelphia zog, um am Moore College of Art and Design Kunstgeschichte zu studieren, traf ich auf eine Stadt im langsamen Wandel. Philadelphia, von 1790 bis 1800 Hauptstadt der USA und auch danach lange ein bedeutendes Wirtschaftszentrum, hatte seit den 1920er-Jahren an kultureller Bedeutung stark eingebüßt. Das einst großzügige Mäzenatentum hatte sich längst nach New York verlagert und die wohlhabende Gesellschaft in die Vororte. 

Geografisch etwas eingeklemmt zwischen Washington, D.C. und dem Big Apple wirkt Philadelphia heute eher wie eine beschauliche mittelgroße Stadt, die zwar reich an Geschichte ist, aber (abgesehen vom erfolgreichen Footballteam) selten im Rampenlicht steht. Manchen ist vielleicht noch Rocky Balboas Sprint über die Treppen des Philadelphia Museum of Art (PMA) ein Begriff. Dass sich aber am Ende ebendieser Stufen eine der bedeutendsten Kunstsammlungen des Landes verbirgt, wissen die wenigsten. 

Trotzdem, in den letzten Jahren tut sich wieder etwas in der Stadt - und nicht erst seit dem Zuzug von jungen Familien aus Brooklyn während der Covid-Pandemie. Besonders der Benjamin Franklin Parkway, die grüne Schlagader, die das Zentrum mit dem PMA verbindet, hat wieder einiges an Innovation zu bieten.

Kulturzentrum mit Grünoase

Den Anfang machte die Wiedereröffnung des Rodin Museums 2012, gefolgt von der weltbekannten, 1922 gegründeten Barnes Foundation, die sich über Proteste hinwegsetze, ihre bedeutende Sammlung einpackte und vom Vorort Merion übersiedelte. Seit 2017 ist sie eines der meistbesuchten Museen der Stadt. 

Nur wenige Monate, bevor die Vereinigten Staaten den 250. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit zelebrieren werden, jenes historische Ereignis, das 1776 in der fußläufig gelegenen Independence Hall seinen Anfang nahm, gibt es nun einen weiteren Grund zu feiern: die Eröffnung der Calder Gardens. Diese sollen weniger ein traditionelles Museum als ein Kulturzentrum mit Grünoase sein - und dabei dennoch als Hommage an Alexander Calder und seine Familie fungieren.

In einer regelmäßigen Rotation sollen hier Werke des Künstlers zur Schau gestellt werden, immer anders, immer neu. Denn Calder ist nicht nur einer der beliebtesten Bildhauer des 20. Jahrhunderts, sondern auch ein Sohn der Stadt. 1898 in Lawnton bei Philadelphia geboren, wuchs er in einer lokal verwurzelten Künstlerfamilie auf: Seine Mutter Nanette Lederer Calder war Malerin, sein Vater Alexander Stirling Calder und sein Großvater Alexander Milne Calder verewigten sich beide als Bildhauer.

Drei Generationen von Bildhauern auf einer Achse

Die männlichen Vorfahren sind zudem in unmittelbarer Nähe der Calder Gardens mit eigenen Arbeiten vertreten: Stirling Calder schuf den beliebten Swann Memorial Brunnen am Beginn des Parkway, und Alexander Milne Calder gestaltete die Statue von William Penn, Gründer der Kolonie Pennsylvania, die bis heute auf dem Rathaus steht. So vereinen sich heute in wohl einzigartiger Weise drei Generationen von Bildhauern entlang einer Achse.

Gute Gründe für das Projekt gab es also genug; doch machte es wohl der nahende US-Jubiläumstermin möglich, dass das ambitionierte Vorhaben nach jahrelanger Planung noch in diesem Herbst abgeschlossen wurde. Denn 2026 wird Philadelphia nicht nur zahlreiche Feierlichkeiten zur Unabhängigkeitserklärung ausrichten, sondern auch Spiele der Fußballweltmeisterschaft. In seiner Eröffnungsrede wies der demokratische Gouverneur Josh Shapiro ausdrücklich auf diese besondere Konstellation hin und betonte, dass das knapp 100 Millionen Dollar teure Projekt nur dank der engen Zusammenarbeit von Stadt, dem Staat Pennsylvania und privaten Sponsoren verwirklicht werden konnte.

Den Auftrag für den Bau selbst erhielt kurz vor Ausbruch der Covid-Pandemie das omnipräsente Architekturbüro Herzog & de Meuron, das zuletzt 2010 mit dem Parrish Art Museum auf Long Island eine Kunstinstitution in den USA eröffnet hatte. Während der Pressekonferenz beschrieb Jacques Herzog, wie alles mit unzähligen spontanen Skizzen begann. Es waren Annäherung an die Frage, wie sich dieser besonders herausfordernde und von mehreren Hauptstraßen umschlossene Abschnitt der Stadt am besten neu erfinden ließe. 

Weit weg vom White Cube

Dabei verfolgte er bewusst eine "no architecture"-Philosophie, um die individuelle Vielfalt von Calders Kunstwerken stets hervorzuheben. Weit entfernt vom White-Cube-Gedanken, soll in den Gardens die Kunst noch intensiver wirken können und erfahrbar werden.

Das Ergebnis ist ein relativ minimalistisch gehaltenes Gebäude mit einer Fläche von rund 1670 Quadratmetern auf einem insgesamt gut viermal so großen Gelände. Das Areal lag lange Zeit brach und wurde lediglich als Park- und Lagerplatz genutzt. Das neue Ensemble erhebt sich weniger als eigenständiger Baukörper, sondern fügt sich in einen hügeligen Garten ein, entworfen vom niederländischen Landschaftsarchitekten Piet Oudolf. Insgesamt sind es mehr als 37.000 Stauden und 250 Pflanzenarten, die auch hier für ständige Veränderung sorgen sollen. 

Ergänzt wird die Anlage durch einen versenkten Garten im Osten sowie einen langgestreckten, unregelmäßigen Vestige Garden im Westen, welcher als natürliche Lichtquelle für die unteren Galerien dient. Denkt man an Oudolfs wohl bekannteste Projekte, die High Line und den Battery Park in New York, so lässt sich leicht erahnen, wie auch hier in Philadelphia alles anwachsen und sich mit den Jahreszeiten verwandeln wird.

Wie eine schwebende Raumzeichnung

Noch sticht die Architektur stark hervor: die metallische, leicht reflektierende Nordseite und die dunkel gefärbte Holzfassade im Süden. Letztere soll an Calders eigenes Haus in Connecticut erinnern, das er Anfang der 1930er-Jahre erwarb. Zum Eingang führt ein Weg den Hügel hinauf, davor steht "The Cock’s Comb" (1960), eine der massiven, schwarzen Stahlskulpturen des Künstlers, die vom New Yorker Whitney Museum of American Art ausgeliehen wurde. 

Durch schwere Holztüren gelangt man in das Gebäude und findet sich rasch in einem Raum der Stille wieder. Der stete Straßenlärm scheint nun fern, das Licht ist angenehm gedämpft. Das große Panoramafenster im Eingangsbereich ist so positioniert, dass es weniger das städtische Treiben zeigt, sondern vielmehr den Blick auf die Baumkronen des Parkway lenkt.

Auch wenn sich bereits hier eine schwebende Arbeit von Calder befindet, wirkt der Zugang wie ein Vorspiel, ein Ort des Sammelns. Man steigt mehrere Treppen hinab, biegt um eine Ecke und gelangt schließlich in einen dunklen Gang mit unebenen Wänden. Man denkt an eine Tropfsteinhöhle oder an Frederick Kieslers "Endless House", das Calder in seiner Pariser Zeit häufig diskutierte. In einer Nische hängt "Tentacles" (1947), ein filigranes weißes Mobile, das sich vor dem dunklen Hintergrund wie eine schwebende Raumzeichnung abhebt.

Kunst ohne Text entdecken

Diese Annäherung an den eigentlichen Ausstellungsort hat etwas zugleich Festliches und Dramatisches. Unten in der Open Plan Gallery angekommen, begegnet man mehreren Werken, darunter dem imposanten "Jerusalem Stabile II" von 1976, dem Jahr, in dem Alexander Calder starb. Die Skulpturen scheinen fast zu leuchten, zum einen durch das große Panoramafenster zum Vestige Garden, zum anderen durch den Kontrast zum dunklen, engen Gang davor. 

Zwei gekrümmte Wände formen unterdessen die kleinere Apse Gallery. Dieser Bereich wirkt nahezu vollständig von der Außenwelt abgeschirmt und wird für kleinere Arbeiten genutzt, etwa Gemälde und Wandobjekte, aber auch für eine intime Präsentation von Werken von Alexander Stirling Calder und Alexander Milne Calder. Generell gibt es keine Wandtexte oder Angaben, die die Konzentration auf die Werke und das unmittelbare Erleben stören könnten. Wer dennoch Informationen sucht, kann sie teilweise in den Arbeiten selbst entdecken, da Calder der Jüngere seine Bilder häufig datierte.

Man taucht also unmittelbar in das Schaffen eines Künstlers ein, der selbst darauf verzichtete, seine Werke zu erklären. Eckdaten seiner Biografie erfährt man durch eigene Recherche, entweder vor oder nach dem Besuch. Zum Beispiel, dass Calder zunächst ein Ingenieurstudium begann, bevor er zur Kunst fand. Oder dass er anfangs, wie viele Künstler seiner Generation, noch als Illustrator arbeitete, unter anderem für die "National Police Gazette". 

Wie eine poetische Vorahnung

Er skizzierte Sportereignisse und den Zirkus, insbesondere die weltberühmten Ringling Bros. und Barnum & Bailey. Aus diesen Beobachtungen entstand zwischen 1926 und 1931 sein legendärer Miniaturzirkus "Cirque Calder", der heute ebenfalls im New Yorker Whitney Museum zu den Hauptattraktionen zählt. Halb Performance, halb Skulptur, eröffnete dieses Werk einen Mikrokosmos, der bis heute wie eine poetische Vorahnung seiner späteren Mobiles und Stabiles wirkt.

Zwischen den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren pendelte Calder zwischen Paris und den Vereinigten Staaten, führte seinen Zirkus in Paris auf und knüpfte zahlreiche Kontakte. Ein Besuch in Piet Mondrians Atelier im Jahr 1930 sowie seine Freundschaft mit Joan Miró beeinflussten ihn besonders stark, woraufhin er sich zunehmend der Abstraktion zuwandte. In den fünf Jahrzehnten seines Schaffens blieb er stets experimentierfreudig; so entstanden Gemälde, Gouachen, Drahtzeichnungen im Raum, aber auch Schmuck, Bühnenbilder und Kostüme. Er arbeitete genauso klein wie monumental. Es bietet sich daher an, dass in den Calder Gardens immer wieder neue Installationen inszeniert werden sollen. 

Diese werden ausschließlich durch Leihgaben bestückt, wobei der größte Teil von der Calder Foundation garantiert wird. Bereits in den Anfängen der Konzeption war beschlossen worden, dass der Erwerb einer eigenen Sammlung weder erstrebenswert noch dynamisch genug wäre. Stattdessen soll der Raum, so Alexander S. C. Rower, Präsident der Calder Foundation und Enkel des Künstlers, stets in Bewegung bleiben und sich immer wieder neu erfinden.

Kunst mit heilender Wirkung

Das zukünftige Programm unter der Leitung von Juana Berrío, der Marsha Perelman Senior Programmdirektorin, soll ebenfalls bewusst und nachhaltig gestaltet werden. Den Auftakt bildete bereits eine Parade lokaler Künstler, konzipiert vom Musiker Arto Lindsay unter dem Titel "Chaos and Kisses". Später sind Konzerte, Vorlesungen, Performances, Filmvorführungen sowie gemeinnützige Veranstaltungen geplant. Anstelle eines herkömmlichen Audioguides werden Besucher eine kuratierte Zusammenstellung von Musikstücken und Gedichten erhalten, teils inspiriert von den Skulpturen oder dem Gebäude selbst. 

Es sei, so Rower und Berrío, ein zentrales Anliegen, dass Besucherinnen und Besucher den Raum durch Calders Werk neu erfahren, sich mit ihm auseinandersetzen und ihre Wahrnehmung reflektieren können. "Es geht darum, präsent zu sein und den Augenblick als wandelbar zu erleben." Joseph Neubauer, einer der maßgeblichen privaten Förderer des Projekts, der bereits bei der Wiedereröffnung der Barnes Foundation eine entscheidende Rolle spielte, begründet sein Engagement so: "Wie oft hat man als Privatperson schon die Möglichkeit, ein so überdauerndes Projekt in einer Stadt zu unterstützen, wie wir es hier haben? In einer Zeit globaler Unsicherheit ist Calder Gardens ein Ort, an dem Kunst und Natur eine heilsame Wirkung entfalten können." 

Thom Collins, Direktor und Präsident der Barnes Foundation, die als operativer Partner der neuen Institution eingesetzt ist, versteht das Projekt als eine Art Weiterführung: "Es ist eine Destination, ein Ort der Reflexion." Gouverneur Shapiro formuliert es noch konkreter: In einer von Zerrissenheit geprägten Welt, in der Unterschiede uns allzu oft trennen, sei Kunst, neben dem Sport, eine der wenigen Brücken, die Menschen zusammenführen und eine Verständigung ermöglichen könnten.

Ein Geschenk für die Einwohner

So sollen die Calder Gardens sowohl ein Ort der individuellen Erfahrung und der Ruhe sein als auch ein Raum des friedlichen Miteinanders. Die Stadt selbst versteht das Zentrum als Geschenk für ihre Einwohner, jedoch mit einer Ausstrahlung weit über Philadelphias Grenzen hinaus. 

Denkt man an die 1971 eröffnete Rothko Chapel in Houston, gegründet von John und Dominique de Menil und seitdem eine interkulturelle Austauschstätte, wird das Potenzial der Calder Gardens deutlich. Die Hoffnung ist, dass Calders Kunst, das Gebäude und der Garten als Magnet für Menschen aller gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen wirken wird. Ein Ort, an dem wieder aktiv geschaut und erlebt wird, allein und gemeinsam, im Raum und nicht über den Bildschirm. 

Calders Mobiles spiegeln dies allegorisch wider: Sie verkörpern Veränderung durch Bewegung und die dadurch entstehenden Licht- und Schattenspiele. Es sind Arbeiten, die durch einen steten Perspektivwechsel gewinnen - und unter denen Begegnungen aller Art möglich sind.