Kennedy ist eine beharrliche Träumerin, von denen es nur wenige gibt. Mit ihrem Auto cruist sie tagein, tagaus durch den flimmernden Großraum Los Angeles: über Highways und Boulevards, an Brachen und Verfallenem vorbei, haltmachend an Waschanlagen oder auf verlassenen Parkplätzen. Manchmal nimmt sie Leute mit, Schauspielerinnen, Künstler, andere Träumer. Doch der Austausch mit ihnen ist immer nur kurzfristig und provisorisch.
Unterdessen streckt sich die Zeit wie ein Kaugummi, und in all dieser Weite und Einsamkeit wird Kennedy bisweilen von Obsessionen heimgesucht. Was ist es, das eine kreisartige Anordnung von leeren Klappstühlen so auratisch aussehen lässt? Kommunizieren Objekte und die Wünsche, die sich in ihnen sedimentieren, im Geheimen? Wie findet echte Veränderung statt? Muss man brennen, um sie zu erleben? Und warum will eigentlich niemand auf den Klappstühlen Platz nehmen, die Kennedy in ihrer Suche nach sozialem Tiefsinn in Seitenstraßen aufstellt? Kennedy hat ein großes Herz, doch suchen ihre Träume eine Heimat. Oder anders: Sie haben noch nicht das Medium gefunden, durch das sie sich mit der Wirklichkeit verkoppeln können.
Kennedy, das ist die suchende, von Leilah Weinraub dargestellte Protagonistin aus der Video-Serie "Theater" des Künstlerduos Calla Henkel und Max Pitegoff. 2024 waren die ersten drei Episoden im Rahmen der Berlin Art Week im Fluentum zu sehen. Nun hat die Serie zwei Episoden hinzugewonnen und wird erstmals in Gänze in der Galerie Isabella Bortolozzi gezeigt.
Künstlerische Untersuchung des Theaters
Den sozialen Raum, den die Künstler auf Grundlage von Kennedys Sehnsucht nach Verbindung und Verwandlung einer Studie unterziehen, ist – der Titel sagt es – das Theater. Nach einem Autounfall – Kennedy hatte sich in Privattheorien über die Kunst des tieferen Eintauchens in den Fahr-Flow mit geschlossenen Augen verloren – fällt ihr im Moment größter Gefahr das Rettende zu. Sie erhält Schmerzensgeld, kauft sich ein leer stehendes Theater auf der Ecke eines Boulevards und zieht dort ein. Die Wendung des Schicksals, ein kurzes Aufflackern. Man muss sie zu ergreifen wissen.
Kennedy ist nicht einfach die Protagonistin einer fiktionalen Serie. Sie ist, wie das Künstlerduo sagt, eine "hazy" Version ihrer selbst. Wie das Theater für das Potenzial von Effekten des Unwirklichen auf das Wirkliche steht, so beginnt mit Kennedys Einzug ein Grenzgang zwischen Fiktion und Realität. Das Black‑Box‑Theater mit 49 Plätzen auf dem Santa Monica Boulevard in Hollywood, der heimliche Protagonist der Filminstallation, wurde Anfang 2024 tatsächlich von Henkel und Pitegoff erworben. Sie veranstalten dort genreübergreifende, häufig kollaborative Performanceprojekte. Gleichzeitig sind sie nicht einfach Theatermacher, sondern der reflexiven Metaebene verhaftet. Mit einem forschenden Blick von Videokünstlern erkunden sie das Verhältnis von Performance und Präsenz, Inszenierung und Realität, Bühne und Backstage, des Probens und des Vorläufigen.
Calla Henkel und Max Pitegoff "THEATER (Episode 4)", 2025
Die Arbeit fügt sich konsequent in die Kunstpraxis von Pitegoff und Henkel, die auch die Berliner Kunst- und Projektszene seit den 2010er-Jahren prägen. Sie betrieben die Neuköllner Times Bar (2011-12), das New Theater in Berlin (2013-15), das Kollaborationen von befreundeten Schriftstellern, Musikerinnen und Künstlerinnen ermöglichte, bespielten den Grünen Salon in der Volksbühne (2017-18) mit einem Theater im Theater, sowie die TV Bar (2019-22) als Hybrid zwischen Bar und Kunstraum, in dem die Kamera stets mitlief. In der Verschränkung von Kunst und Leben erkundet das Duo gesellschaftliche Gegen- und Zwischenräume und ihr subversives Potenzial.
In Kennedys Theater mieten sich von Zeit zu Zeit Künstlergruppen, Performerinnen oder Musiker ein. Sie sind ähnlich wie Kennedy Suchende, von einer schillernden, etwas verlorenen Schönheit, mit einem Hang zum Abdriften in die Obsession. Ein Dichter kommt, der – statt zu dichten – die ganze Blackbox mit an Schnüren befestigten Pappkartons zuhängt, zwei Musiker proben Fred Neils "The Dolphins" in einer Version, in der noch mehr melancholisches Delay wummert als im Original, eine Performerin verrenkt sich, macht absurde Dehnübungen und Grimassen. In dem Film sind sie – aus ökonomischer Notwendigkeit – Untermieter Kennedys. Doch sind das alles Aufnahmen von Künstlern, die real im New Theater gearbeitet haben – und nun mit Kennedys Geschichte verknüpft und neu fiktionalisiert werden.
Der Blick auf den Alltag
Das klingt nach künstlerischer Nabelschau, doch bei aller Selbstreflexivität durchmischen Henkel & Pitegoff ihre Filme mit Beobachtungen des täglichen Lebens am Santa Monica Boulevard zwischen Obdachlosigkeit und dem Abriss von Kinos, dem großen Hollywood-Streik und der letzten kalifornischen Feuersbrunst: Was ist aus dem kalifornischen, aus dem US-amerikanischen Traum geworden?
Vielleicht ist der letzte Vorhang schon gefallen. Doch während die lakonischen Untertitel der Stummfilme die Geschichte durchkreuzen, die Nostalgie poetisieren oder ironisieren, darf man "Theater" doch auch als Auflehnung gegen eine Verkümmerung des Sozialen und Plädoyer für das emanzipatorische Potential der Performance lesen. Auch für Träumer wie Kennedy gilt schließlich die alte Existenzialisten-Weisheit: Wieder scheitern, besser scheitern.