Eine Barrikade aus Fotografien in der Mitte der Galerie bildet den Kern von Cansu Yıldırans neuer Installation "Chorus". Ausschnitte von Frauen in traditioneller Alltagskleidung sind auf der zerstückelten Collage zu sehen – Teppiche, Pflanzen oder Einfamilienhäuser in der Abenddämmerung. Die Heimatkulisse zerfällt in ein Mosaik, dessen Splitter an einem Holzstab hängen, der in einem Betonfuß steckt.
Was ist Heimat? Zu welchem Ort gehöre ich? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk Yıldırans. Die Ausstellung in der Düsseldorfer Dependance der Istanbuler Galerie Anna Laudel ist der jüngste Höhepunkt einer zehnjährigen Beschäftigung mit Identität und Zugehörigkeit, Enteignung und Widerstand.
Die Reise beginnt in der Nähe der nordtürkischen Küstenstadt Trabzon, in Çaykara am Schwarzen Meer und auf dem Kuşmer-Plateau, wo die Familie seit Generationen lebt. Yıldırans Großmutter und Mutter wurden in der patriarchal geprägten Region Landbesitz verweigert. Eine Verweigerung, die sich in eine längere Geschichte von Enteignung und Vertreibung in der Region einschreibt – bis hin zum Genozid an den Pontosgriechen zwischen 1914 und 1923.
Cansu Yıldıran "Always Returning Home. Wild Ducks Flying Against The Current", Installationsansicht, Galerie Anna Laudel, Düsseldorf
"The Dispossessed" nannte Yıldıran die Serie von Bildern, die mit 17 Jahren mit einer Kamera begann, gekauft mit der gestohlenen Kreditkarte der Mutter. Mit ihr transformierte Yıldıran die Liebe zu dem Landstrich, der wie kein anderer für den Sommer der Jugend stand: "Mir wurde klar, dass es bei meiner Arbeit darum ging, wie es ist, ein Leben lang Gast zu sein. Über den Wunsch, zu einem Ort zu gehören, aber von ihm abgelehnt zu werden." Der rassistische und ökonomische Druck zwang die Familie mehrmals, umzuziehen.
Sichtbarkeit der Pontosgriechen
Die "Disposessed"-Bilder erzählen von der stillen, "unzähmbaren Kraft" der Frauen der Karadeniz-Region am Schwarzen Meer, so Yıldıran, ihrem Zusammenhalt im Alltag und ihrer Verbindung zur Natur: zu den Pflanzen und Tieren. In der späteren Serie "My Lost Motherland Pontos" spürt Yıldıran den ausgetilgten Spuren der versunkenen Zivilisation nach. In einem der Bilder posiert Yıldırans Mutter Ayşe mit einem Maschinengewehr in der Rolle der legendären Pontos-Guerillera Eleni Çavuş, die bis 1924 in den Bergen um Samsun kämpfte. "Über das, was mit dem Pontos-Volk passiert ist, wird selten gesprochen. Es ist eine wirklich dunkle Geschichte", sagt Yıldıran. "Es ist nicht Teil der öffentlichen Diskussion, und das kotzt mich an."
Cansu Yıldıran aus der Serie "The Dispossessed", 2025
Derselbe Wille, die Erfahrung von Entfremdung und Entrechtung produktiv zu wenden, treibt die Fotoserie "Shelter" an. Nach Istanbul zurückgekehrt, porträtiert diese in einer an Nan Goldin oder Wolfgang Tillmans erinnernden Ästhetik marginalisierte Gruppen und die queere Community, der sich Yıldıran zugehörig fühlt: den punkig geschorenen Kopf einer Transperson; tätowierte Arme, die sich ineinander verschlingen; eine rauchende Dragqueen.
Märchenhafte Lichtungen
Den dokumentarischen Modus der fotografischen Anfänge weitet Yıldıran im Laufe der Zeit: Langzeitbelichtung, Überblendung und verwischte Konturen überführen die Realität mitunter ins Symbolische und Geisterhafte. Oder ins Fantastische. Mit befreundeten queeren Künstler:innen posiert Yıldıran in der Serie "Fathom", die während einer Residenz in der Marmara-Region entstand, tief im Wald als magische, verwunschene Gestalt in pastellfarbenem Gegenlicht: Home is a fairytale.
Dieses außerordentliche Werk ist ein Beweis für die ungebrochene Resilienz der jüngsten Gegenwartskunst in der Türkei unter immer repressiveren politischen Bedingungen. Yıldıran steht für eine Karriere außerhalb des etablierten Kunstfeldes und verkörpert einen markanten Generationenwechsel: "Ich will das Entstehen und die Veränderung der Generation Y mit ihrer Struktur fluider Identitäten erzählen."
Cansu Yıldıran aus der Serie "The Dispossessed", 2025
Mit den Methoden der Klassischen Moderne oder der in der türkischen Kunst ab den 1990er-Jahren beliebten Konzeptkunst verbindet Yıldıran wenig. Das Politische und Kritische wächst hier stattdessen aus einer zutiefst persönlichen Erfahrung. So erklärt sich auch die Wahl des Mediums: "Die Fotografie erinnert mich daran, wer ich bin: meine eigene Perspektive, meinen eigenen Standpunkt. So überlebe ich", sagt Yıldıran.
Kein Wunder, dass die besondere Mischung, den sozialen Kontext im Individuellen, Intimen aufzuspüren, das Beharren auf der Abweichung mit formalem Avancement zu verbinden, Yıldıran – nach dem Masterstudium in Basel nun zwischen Istanbul und der Schweizer Kunstmetropole arbeitend – wachsende internationale Aufmerksamkeit einträgt.
Vielfach ausgezeichnet
Yıldırans Werke waren im Fotografiemuseum Amsterdam (Foam), der Pinakothek der Moderne in München und im Istanbul Modern zu sehen. Vor zwei Jahren zum Foam-Talent gewählt und 2021 in der Kategorie "Resistance" mit dem All Out Photo Award ausgezeichnet, stellt Yıldıran aktuell auf der Shanghai Biennale aus.
Dass Yıldıran die Bilder der Serien, wie jetzt in Düsseldorf, zerschneidet, ist keine formalistische Marotte. Die Arbeit lädt dazu ein, die unterbrochene Beziehung zwischen Landschaft, Eigentum und Erinnerung zu untersuchen. In der Reflexion darüber scheint die Möglichkeit einer Landschaft auf, die sich womöglich "Home" nennen ließe.