Casa Batlló in Barcelona

Ein Wahrzeichen erneuert sich

United Visual Artists "Hidden Order" am Casa Batlló, 2026
Foto: Eric Yanguas

United Visual Artists "Hidden Order", an der Fassade des Casa Batlló, 2026

Zum 100. Todestag von Architekt Antoni Gaudí gönnt sich Barcelonas Casa Batlló eine immersive Licht- und Sound-Show – und einen neuen Raum für zeitgenössische Kunst

Eigentlich bedarf die luxuriöse Einkaufsmeile Passeig de Gràcia dank ihrer architektonischen Gaudí-Magnete nicht wirklich weiterer Attraktionen. Allein seine ikonisches Casa Batlló besuchen jährlich fast zwei Millionen Menschen. Damit das in Zeiten des chronischen digitalen Bilderrauschs so bleibt, ist offenbar kein Aufwand zu groß. Unzählige Augmented-Reality-Geräte und Mikro-Bewegungssensoren erlauben in dem bis zur Dachspitze begehbaren Gebäude das interaktive Studium der Jugendstil-Innenräume, die eine Obsession für Naturformen und innovative Technik verraten.

Bereits zum fünften Mal punktete die Casa Batlló kürzlich publikumswirksam auch mit ihrer kostenlos im Außenraum zugänglichen Mapping-Projektion, die die Fassade für zwei Abende einer Metamorphose unterzog. Schon frühere Auftragsarbeiten von Refik Anadol, Sofia Crespo und Quayola interpretierten sie mithilfe digitaler Verfahren neu. Die herbeigeströmten Massen erlebten diesmal das Projekt "Hidden Order", ein lautes Licht- und Klangspektakel von Matt Clark, Mitgründer des in London ansässigen Studios United Visual Artists.

Gemeinsam mit der Tanzkünstlerin und Choreografin Fukiko Takase erarbeitete Clark Bewegungsabläufe, die er mit der Motion-Capture-Technologie zu einem psychedelischen Strom aus geometrischen Elementen und schwebenden Körpern verdichtete. So entstand der Eindruck einer organischen Architektur in ständiger Transformation, angepeitscht von einem scheinbaren Chaos, hinter dem sich tiefer liegende Strukturen verbergen. Der Titel spielt auf das offizielle Motto des Gaudí-Jahres 2026 an, das die Fähigkeit des Katalanen feiern möchte, wissenschaftliche Beobachtungen der Natur mit blühender Vorstellungskraft zu koppeln.

Zum ersten Mal lässt sich die Überwältigungserfahrung nach der Projektion in einem neuen Kunstraum im zweiten Stock fortsetzen, der bisher nicht zugänglich war. Er befindet sich in Räumlichkeiten, die als Wohnungen und später als Werkstatt für Restaurierung dienten. Jährlich sollen hier zwei Ausstellungen gezeigt werden, die Gaudís Vision durch unkonventionelle Denkansätze erkunden. Die aktuelle Ausstellung "Beyond the Façade" zeichnet die Rhythmen von Tag und Nacht, Ordnung und Unordnung effektvoll mit bewegungsbasierten Projektionen und kinetischen Skulpturen nach. Als Referenz hat sich Clark Ramon Llull ausgesucht, einen mallorquinischen Philosophen des 13. Jahrhunderts, dessen diagrammatische Systeme die verborgene Ordnung der Welt mithilfe von Logik und Geometrie zu enthüllen versuchten.

Das Projekt ist Teil von Casa Batlló Contemporary, einem fortlaufenden Programm, das sich der Förderung neuer Werke im Dialog mit Gaudís Erbe widmet. "Sein Ansatz war interdisziplinär. Das wollten wir fortsetzen und der jüngeren Generation auf eine Art vermitteln, die ihren medialen Gewohnheiten entspricht", sagt Maria Bernat, Direktorin von Casa Batlló Contemporary. "Die Künstler und Künstlerinnen, darunter auch Musiker, die wir in einem langen Prozess auswählen, haben oft eine disruptive Vision. Wir bieten ihnen Zugang zu den Archiven und zu unserem großen technischen Team. Für den neu geschaffenen Ausstellungsraum erforderte es auch Eingriffe, die zwar die Gegenwart einbeziehen, aber gleichzeitig das Erbe des Unesco-Gebäudes respektieren sollten".

Das lokale Architekturbüro Mesura hat in diesem Sinne eine wellenförmige, metallische Decke, inspiriert von einem Wassertropfen, eingefügt. Sie verweist auf das Mittelmeer und spiegelt die geschwungenen Linien wider, die für Gaudís naturinspirierte Geometrie prägend sind. Ein weiteres neues Element ist der Mikrozementboden, der nach seiner Fertigstellung im Mai 2026 grün sein wird. In diesem Ambiente gelingt der technologisch hochgerüstete Tauchgang in eine von Gaudí inspirierte Rückzugsinsel natürlich mühelos und es ist anzunehmen, dass dieses raffinierte Hightech-Marketing sein Ziel der Besuchergenerierung nicht verfehlen wird. 

Aber wieder einmal lässt sich auch unfreiwillig studieren, wie sehr die quirlige Gratwanderung zwischen Unterhaltung und Kunst dem Objekt der digitalen Hommagen unterlegen ist. Kaum verlässt man die Etage, verpufft der Rausch und bleibt ohne Nebenwirkungen. Dafür erstrahlen die geschwungenen Wände und der blau gekachelte Innenhof umso mehr in ihrer maritimen Pracht. Man glaubt sich in einer Muschel zu befinden, ein von Gaudí gewolltes Gefühl, das ganz ohne Flimmerbombast auskommt.