Noch erhält man problemlos Tickets für einen Besuch des neuen Frida-Kahlo-Museums Casa Roja für denselben Tag. Aber vielleicht ändert sich dies bald, wenn die Bekanntheit dieser jüngsten Kahlo-Pilgerstätte im etwas außerhalb von Mexiko-Stadt gelegenen Viertel Coyoacán größer wird. Das "Rote Haus" befindet sich nur drei Häuserblocks entfernt von der Casa Azul, dem "Blauen Haus", das bereits 1958 als ehemaliges Wohnhaus der berühmten Malerin Frida Kahlo (1907-1954) und ihrem Partner, dem Maler Diego Rivera (1886-1957), für die Öffentlichkeit geöffnet wurde. Und wenn man diese Institution sehen möchte, braucht es eine Reservierung Wochen im Voraus.
Frida Kahlo verbrachte ihr gesamtes Leben in Coyoacán, sowohl im blauen Haus, ihrem Geburts- und Sterbehaus, aber auch in der Casa Roja, dessen Farbe das Herz und die Seele der Kahlo-Familie symbolisiert und daher so genannt wurde. Das einstöckige traditionell gebaute mexikanische Gebäude in dem leicht pink angehauchten Rot wird von der Straße aus durch einen Durchgang betreten, von dem man in einen ruhigen Patio gelangt. Es wurde von den Eltern Frida Kahlos, Matilde Calderón und Guillermo Kahlo, 1930 gekauft und von diesen anfangs selbst bewohnt. Die Mutter starb bereits 1932, und Frida zog 1947, kurz nach dem Tod ihres Vaters, ebenfalls dort ein. Später schenkte sie das Haus ihrer jüngeren Schwester Cristina, die es mit ihren zwei Kindern, Isolda und Antonio, teilte.
Die im vergangenen Herbst eröffnete Casa Roja
Die Casa Roja ist in erster Linie dem familiären Umfeld der Künstlerin gewidmet – und gibt Einblick in ein Leben voller fürsorglicher und intimer Momente, die sie mit ihrer Ursprungsfamilie, ihren Schwestern, ihren Eltern und ihrer Nichte und dem Neffen teilte. Diesen Eindruck erwecken zumindest die vielen persönlichen Exponate in den knapp ein Dutzend adaptierten Räumen, die zumeist aus dem familiären Privatbesitz stammen: Briefe, Notizbücher, Zeichnungen und Fotografien.
Fokus auf die deutsche Herkunft von Fridas Vater
Der Rundgang bewegt sich chronologisch entlang bisher wenig bekannte Aspekte in Kahlos Leben; ihre ansonsten so aufsehenerregenden biografischen Daten wie ihre Poliokrankheit als Kind oder ihr schwerer Unfall als Jugendliche sind hier lediglich Randthemen. Hingegen spielt die enge Beziehung zu Fridas Vater Guillermo, inklusive dessen deutscher Herkunft, eine besondere Rolle und wird durch einen eigenen Raum mit Fotografien, Zeichnungen und originalen Objekten, wie seinen zahlreichen Kameras dokumentiert.
Guillermo wurde 1871 als Wilhelm Kahlo in Pforzheim geboren und emigrierte 18-jährig nach dem Tod seiner Mutter nach Mexiko, wo er eine Berufspraxis als Fotograf begann und schon bald als innovativer Porträt- und Architekturfotograf bekannt wurde. Er machte Karriere unter dem mexikanischen Langzeitpräsidenten Porfirio Díaz und erstellte für diesen Fotoalben mit über 2000 Aufnahmen der wichtigsten historischen Gebäude im ganzen Land. Karikaturen und Tierzeichnungen von ihm zeigen ihn auch als einen erfinderischen und spielerischen Vater.
Frida, die heute nicht nur als Malerin symbolisch-exzentrischer Selbstporträts gilt, sondern auch als intellektuelle und politische Aktivistin, richtete ihm später ein eigenes Fotolabor mit Dunkelkammer im Haus ein. Dieses passiert man beim Rundgang – und kann sich dort in einer selbstbewussten Kahlo-Pose mit Selbstauslöser in Szene setzen. Zahlreiche weitere immersive Ausstellungselemente in dem vom Architekturbüro Rockwell Group umgestalteten Haus machen den Besuch zu einem poetisch-sinnlichen Erlebnis: die Wanne im originalen Badezimmer sprudelt voller Schmetterlinge und Blumen, die Kahlo ebenso liebte wie Affen, Katzen oder Kolibris, die sie in ihre Porträts integrierte.
Das Badezimmer im "Casa Roja"
Die Casa Roja zeigt aber auch einige frühe originale Werke der in den letzten Jahren mehr und mehr zur Kunstikone avancierten Künstlerin: darunter eine kleine Webarbeit mit einem Haus und einem Baum, die Kahlo als fünfjähriges Kind anfertigte oder eine Ölskizze mit einer Christus-Darstellung. Obwohl sie nicht religiös war, interessierte sie sich für den Volksglauben, und eine Wand mit Ex-Voto-Darstellungen, die sie sammelte, sind Zeugnis davon. Ihre farbigen Kleidungsstücke mit präkolumbischen Mustern oder ihr Schmuck, den sie teilweise aus Knochen und Steinen selbst herstellte und andere mexikanische Gegenstände, die sie trug, sind ebenfalls Teil einer neuen Persönlichkeit, zu der sie erst im Laufe ihres Lebens wurde.
"The decision, to be myself", ein Satz, den sie in ihr Tagebuch notierte, steht auch als eine bewusste Entscheidung, sich mit den reichen Traditionen Mexikos auseinanderzusetzen und deren Handwerkstechniken in ihre Kunst zu integrieren. In der Küche, wo man Kochbücher des Hauses mit Tischdekorationen und Sitzordnungen von Cristina studieren kann, findet sich auch das einzige erhaltene Mural von Kahlo – stilisierte Blumenzweige und Vögel. Und im angrenzenden Esszimmer verbreitet eine Stickerei mit deutschem Sinnspruch Schwarzwälder Gemütlichkeit aus der Vergangenheit der Familie: "Den Gästen vom Besten".
Eingebunden war dieses Leben in den mexikanischen Alltag, der selbst in einer Großstadt wie Mexiko-Stadt immer voller magischer Überraschungen ist. Man weiß nie, was oder wer im nächsten Moment um die Ecke biegt: mal ein Auto mit aufgeschraubtem Megaphon auf dem Dach, aus dem Mariachi-Musik oder schräge Drehorgelleier klingt, ein Kind, das einem kleine Souvenirskelette anbietet oder auch ein Straßenhändler, der seine bunten Früchtecocktails verkauft.
Im Schatten des Ehemannes Diego Rivera
Frida Kahlos Schwester Cristina, die ihr ganzes Leben in der Casa Roja verbrachte, war alleinerziehend und baute gegen Ende ihres Lebens eine Organisation zur Unterstützung von Familien von Alleinerziehenden auf. Diesen Aktivitäten, an denen auch Frida teilnahm, ist das Untergeschoß gewidmet, das neu ausgebaut wurde und erdbebensicher gefestigt ist. Das vielfältige soziale Leben der Familie wird hier mit Filmen, in denen auch Fridas Unterrichtstätigkeit für die lokalen Jugendlichen eine Rolle spielte, unterstrichen.
Lange stand Frida Kahlo im Schatten ihres Ehemannes Diego Rivera, aber heute scheint sie ihn im Ruhm zu überholen. In gleich mehreren Museen Mexikos werden Arbeiten von ihr und über sie gezeigt – auch in Riveras Geburtshaus in der zentralmexikanischen Stadt Guanajuato, das ebenfalls Ziel von Kahlo-Fans ist. Zu Lebzeiten fand nur eine einzige Ausstellung ihrer Werke statt, zu der die Künstlerin wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes im Bett getragen werden musste.
Zurzeit zeigt das Museo de Arte Moderno in Mexiko-Stadt eine Ausstellung des Sammlerpaares Jacques und Natasha Gelman mit zahlreichen lange nicht gesehen Bildern von Frida Kahlo, darunter das emblematische Autorretrato con Trenza / Selbstbildnis mit Zopf (1941) oder ein anderes, Selbstbildnis mit Affen (1943). Abgesehen davon wurde Kahlos Werk "El Sueño (La Cama)" letztes Jahr für 54,7 Millionen Dollar bei einer Auktion bei Sotheby’s verkauft – damit ist sie die Künstlerin mit dem teuersten bei einer Kunstauktion versteigerten Werk. Und ab Juni wird es auch in Europa Gelegenheit zu einem Kahlo-Update geben, wenn in der Tate Modern "The Making Of an Icon" gezeigt wird – eine Hommage an die mexikanische Künstlerin und ihre Entwicklung zur globalen Kunstikone.