Catherine Opie in Trondheim

Haut in Blau

Drei Wochen verbrachte Catherine Opie in den Fjorden und Bergen Norwegens. Im Museum Pomo in Trondheim zeigt die Fotografin nun Variationen in Blau – eine überraschende Wende, die sich als konsequente Fortsetzung ihres Werks erweist

Nicht nur für die queere Community ist Catherine Opie eine der wichtigsten lebenden Fotografinnen der USA. Viele ihrer Bilder sind ikonisch geworden: Auf ihnen stillt sie nackt ihren Sohn; lässt sich ein queeres Familienleben in den Rücken ritzen; posiert mit BDSM-Maske und nacktem Oberkörper, auf dem "Pervert" in Blut geschrieben steht – inszeniert wie ein Renaissance-Porträt. Auch ihre seit gut 30 Jahren kontinuierlich fortgeführten Porträtserien, etwa über die Person Pig Pen (Stosh Fila), erweitern den Blick auf nicht-heterosexuelle Identitäten. Nun also Berge, Blau, Wasser, Fels, Fjorde, Schnee, Mond, Morgensonne über den Gipfeln. Hier wirkt auf den ersten Blick nichts mehr edgy.

Wir sehen schwere, romantische und in ihrer Naturgewalt auch gefährliche Schönheit in der Ausstellung "Mountains Don’t Know Their Names" in Trondheim. Es sind sechs Räume im obersten Stock des vor 18 Monaten eröffneten privaten Museums Pomo, für das der Bau der alten Post von 1911 komplett umgestaltet wurde, ohne den Materialien Stein und Holz untreu zu werden. Auf dem ehemaligen Parkplatz daneben steht ein neu gebautes Musical-Theater. Beides gehört der Familie Reitan, die ein Unternehmen für Einzelhandel, Immobilien und Finanzdienstleistungen führt. Odd Reitan ist der zweitreichste Mann Norwegens. Es ist alles perfekt, alles höchster Standard – außer der dauernde Nieselregen, der den hitzegeplagten Mitteleuropäern bei ihrem Besuch aber gelegen kommt.

Opie zeigt die oft dunkel gehaltenen Berge auf Prints, die mit ihren 180 Zentimetern so hoch sind wie viele ihrer lebensgroßen Porträts von Menschen, es gibt aber auch mittlere und kleine. Ein Raum mit drei großen Bildern hat die Umrisse einer kleinen Kapelle und bietet auf einer Holzbank Platz zum Sitzen. Dort meditiert man vor goldenen Gipfeln, denn es sind die einzigen Bilder mit Sonnenlicht. Den Rest der Fotos hat Opie in mal tieferes, mal helleres Dunkelblau getunkt. In einem weiteren Raum zeigt sie Fjord-Bilder und auch Fjord-Keramiken, die sie zur Vorbereitung getöpfert hat, um in Stimmung zu kommen. Außerdem sei das gut für ihre Arthritis gewesen, wie sie vor Ort sagt.

Hallo an Richter und Munch

Die ausnehmend "schöne", ruhige Show eröffnet drei Verständnistüren, durch die man gehen kann. Wie immer bei Opie, lässt sich erstens über die Geschichte der Malerei nachdenken. Einige der unmanipulierten Bilder rufen das Yves-Klein-Blau auf, man kann in diesen hyperkonkreten Fotografien gleichzeitig die Abstraktion fühlen. Die leicht helleren Töne erinnern aber auch an den Gerhard Richter der 1960er-Jahre. Und ja, es gebe ganz klar ein Nicken Richtung Richter, sagt Opie im Gespräch – "a nod to Rickter!". Und in den verrückten Verläufen des Gebirgshimmels hat Opie auch Edvard Munch entdeckt.
 

"Catherine Opie – Mountains Don’t Know Their Names", Ausstellungsnsicht, PoMo, Trondheim, 2026
Foto: Uli Holz / Pomo, Trondheim; © Catherine Opie

"Catherine Opie – Mountains Don’t Know Their Names", Ausstellungsansicht, Pomo, Trondheim, 2026


Und Opie geht sogar noch weiter. Sie widmet einen Raum der norwegischen Umgangssprache oder besser: den Bildern, die sich ein Land von sich selbst macht. Es sind eher kleinformatige Bilder von bunten Häusern, mit denen Opie dem Klischee etwas hinzufügen will und dem Land vielleicht etwas zurückgeben kann, so "wie es der Schweizer Robert Frank mit 'The Americans' für die USA" geschafft habe. Das ist eine ebenso kluge wie freundliche Geste, die in der Ausstellung aber nicht weit führt. Die Tiefe liegt in den anderen Bildern.

Wenn man das Blau zum Beispiel an den Maler und Filmemacher Derek Jarman und seinen letzten Film vor seinem Aids-Tod, "Blue" von 1993, koppelt, wandert der Blick durch die zweite Verständnistür. Denn Transzendenz oder die Sehnsucht danach ist die bestimmende Kraft dieser Ausstellung. Sie bleibt zum einen an jedem Pixel haften, zum anderen wird sie ständig verhüllt, das ist der magische Trick der Show. Denn natürlich rühren die Berge und das Wasser, wie sie Opie porträtiert, an übersinnlichen Gefühlen. Was denn Transzendenz für sie bedeute, fragt die Filmemacherin Kate Kunath in ihrer knapp halbstündigen Doku zur Arbeit auf sechs Bildschirmen in einem eigenen Raum zu sehen ist. Opie steht im halbdunklen Schnee, überlegt eine Weile, und sagt: "taking time". Sich Zeit zu nehmen für die Dinge, das ist Grenzüberschreitung. Aber gleichzeitig legt "taking time" auf Englisch wie auf Deutsch auch nahe, dass Zeit weggenommen werden kann, mit anderen Worten: dass die Zeit endet, dass sie einem jemand nimmt. Das ist das verhüllte Zentrum dieser Schönheit, die wie jedes Vanitas-Bild Verfall und Tod in sich trägt. Tatsächlich handelt dieser dreiwöchige Trip in die Berge auch vom Ende einer langen Ehe und vom Beginn körperlicher Beschwerden, sogar von der Angst vorm Erblinden, wie Opie im Film sagt.

Veränderliche Oberflächen

Die dritte Tür zeigt sich erst, wenn man näher an die Bilder herantritt. Denn insbesondere die felsigen Gipfel offenbaren eine feine Oberflächenstruktur, die wie uralte Haut wirkt. Und die Haut als ständig bearbeitete Grenze zur Umwelt ist ein Leitmotiv in Opies Werk. Ritzen, tätowieren, die Haut umgestalten, Zeit darstellen: Ob das ihre berühmten Bilder aus den 1990er-Jahren sind oder die Berge mit ihren Falten, Spalten und scharfen Gipfelgraten, Opie macht da keine Unterschiede. Im Grunde sind es Träger von Informationen, die wir noch immer Mühe haben zu lesen. Ob Haut oder Fels, ob schnellere oder langsamere Veränderungen: Es fällt den Menschen schwer, sie zu verstehen. Taking time: länger hinschauen.

Blau in der Kunst, die Transzendenz als Sehnsucht nach Spiritualität und Zeichen des Todes, der Berg als geritzte, sehr alte Haut: Mit diesen Brillen lassen sich viele Assoziationen und auch Widersprüche erfahren, vom Jubilieren eines morgendlichen Gipfels bis zum Eingeständnis und tiefen Gefühl der eigenen Endlichkeit. Aber es gibt noch etwas Letztes, das sich erst erschließt, wenn man Catherine Opie sprechen hört.

Aufgewachsen ist sie in Sandusky im nördlichen Ohio, am Lake Erie, zwei Stunden von Detroit entfernt. Für eine Künstlerin von ihrem Format setzt sie sich in Trondheim sehr lange an die Tische der anwesenden Journalisten, trinkt, redet, fragt immer empathisch zurück und erzählt freimütig aus ihrem Leben. Wenn sie die tätowierten Arme vor der Brust verschränkt und ihren Gesprächspartner mit den Augen hinter den dicken Brillengläsern in Beschlag nimmt, hat sie dabei beinahe den Akzent eines Lkw-Fahrers aus dem Mittleren Westen und klingt so gar nicht wie eine Linke von den beiden Küsten, die an den besten Kunstschulen unterrichtet hat, an der University of California in Los Angeles und in Yale. Sie klingt wie ein netter, geduldiger, gesellig an Gesprächen interessierter American Dude, was für eine Butch-Lesbe wie Opie natürlich wieder stimmig wirkt. Auch wenn alles feiner ist bei Opie und die Geschlechterkonstruktion immer wieder ein Thema sein kann – nicht muss.

Dieser volksnahe Sound aus dem Mittleren Westen erzählt etwas, das die Wende in ihrem Werk vielleicht verständlicher macht oder vielmehr die Kontinuität betont statt den Kontrast. Wir hören den Sound von jemandem, der gerne hinschaut, jemandem, der Berge und Menschen mit der gleichen Neugier betrachtet. Hier spricht eine, die staunen kann. Es sind nicht nur die angereisten Medienleute, die das Privileg hatten, die Stimme, den Blick und die Geselligkeit der Künstlerin zu erfahren. Man hört und sieht Opie eben auch in der Filmarbeit von Kate Kunath, die man auf keinen Fall auslassen sollte, nachdem man die Ausstellung gesehen hat.