Die Spannung vor der Eröffnung einer Documenta kann nervenzerreißend sein. Bei der Pressekonferenz hocken hunderte Pressevertreterinnen und -vertreter dicht aufeinander und warten darauf, endlich die Ausstellungsorte in Augenschein nehmen zu können. 2012, zum Auftakt der D13 unter der künstlerischen Leitung von Carolyn Christov-Bakargiev, passierte aber zuerst etwas anderes. Eine blonde Frau ganz in Schwarz erklomm die Bühne, stellte sich vors Mikrofon - und begann, Fingernägel zu kauen. Jeder Biss transportierte sich geräuschvoll knackend durch die Lautsprecher in der Kasseler Stadthalle. Die "Nail Biting Performance" von Ceal Floyer brachte die Spannung im Raum auf den Punkt - und zeigte gleichzeitig, wie klein und alltäglich eine Geste sein kann, die im richtigen Rahmen zum Konzert und zu Kunst wird.
Floyer, 1968 im pakistanischen Karatschi geboren und in England aufgewachsen, war eine Meisterin der minimalen, aber äußerst wirkungsvollen Eingriffe. Nun ist sie im Alter von nur 57 Jahren gestorben, "nach einem langen Kampf mit ihrer Krankheit", wie ihre Galerie Esther Schipper mitteilte.
Auf der Documenta 13 war sie noch mit einem zweiten Werk präsent. Im Fridericianum, durch das der Windhauch von Ryan Gander wehte, erklang in einem Nebenraum ihre Soundarbeit "’Til I Get It Right", die auf dem gleichnamigen Countrysong von Tammy Wynette basiert. Floyer bearbeitete dafür eine Zeile aus dem Lied, die in Endlosschleife immer und immer wieder erklang, als hätte eine alte Vinylplatte einen Sprung: "So I'll just keep on, til' I get it right". Ein ephemeres, zärtliches Monument des Weitermachens und Wiederprobierens, das wohl keiner D13-Besucherin jemals wieder aus dem Kopf gehen wird.
Floyers konzeptuelle Arbeiten konnten ihre Ambitionen geschickt tarnen. So kann man sehr lange über den Hintergrund ihres Werks "Monochrome Till Receipt (White) Swiss Version" grübeln, einem an die Wand gepinnten Kassenzettel der Schweizer Supermarktkette Coop. Vielleicht bleibt das Ganze einfach ein Zeugnis unspektakulärer Einkäufe, oder aber es fällt einem irgendwann auf, dass alle Dinge auf der Liste weiß sind. Das dazugehörige Bild, die Gedankenmalerei, entsteht im eigenen Kopf.
Der feine Humor von Ceal Floyers Kunst konnte ab und zu ins Cartoonhafte kippen. So besteht ihre Installation "Saw" von 2015 aus einem auf den Galerieboden gemalten Kreis. Aus dem Parkett ragt die Spitze einer Säge hervor, sodass sich sofort das Bild von Comic-Schurken aufdrängt, die sich per beherzter Handwerkerarbeit Zutritt zur Kunst verschaffen wollen. Oder doch anders? Könnte der Boden, auf dem ihr Werk steht, jederzeit in die Tiefe stürzen und das Publikum gleich mit? Hinter dem visuellen Understatement von Floyers Werk verbargen sich oft existenzielle Fragen zu Kreativität und der Beschaffenheit des Kulturbetriebs.
Gespür für verborgene Potenziale
Die Künstlerin studierte am Goldsmiths College in London, siedelte aber in den späten 1990er-Jahren nach Berlin um. Dort bekam sie 2007 den renommierten Preis der Neuen Nationalgalerie. Im Hamburger Bahnhof zeigte sie ihre Installation "Scale" aus 24 Lautsprechern, die die Illusion einer Treppe im Raum ergaben. Die Jury lobte damals ihr Gespür für "verborgene Potenziale, für das nicht Sichtbare". Danach war sie auf allen Großevents der Kunst vertreten: der Biennale in Venedig (2009), der Documenta 13 (2012) und der Manifesta 11 in Zürich (2016).
2001 führte sie ihre Documenta-Nägelkau-Performance zum ersten Mal in der Symphony Hall in Birmingham auf. In diesem Werk steckt eine Lust an "schlechten Manieren", die man Menschen in der Öffentlichkeit normalerweise austreiben will. Und gleichzeitig steht die Aktion für alles, was eine darstellende Künstlerin auf einer Bühne so empfinden kann: Nervosität, Scham, aber auch die Lust daran, jede Regung ihres Körpers vor Publikum zum Ereignis zu machen. Ceal Floyer war eine Virtuosin dieses Balanceakts. She got it right.