Chanels Couture-Show in Paris

Ein Vergnügungspark für das modische Auge

Erneut hat das Modehaus Chanel bei seiner Couture-Schau in Paris mit Xavier Veilhan zusammengearbeitet. Der französische Künstler hat in einer Reitschule einen Spielplatz für Erwachsene gebaut

Für die Frühlings-Couture spazierte ein Pferd mit Charlotte Casiraghi auf dem Rücken durchs Publikum, diese Saison ist die Location eine Reitschule. Für Chanels zwei zuletzt gezeigte Haute-Couture-Schauen arbeitete das Modehaus mit dem Installationskünstler Xavier Veilhan zusammen, der – Karl Lagerfeld getreu – das Set zu einem gewichtigen Nebenspieler der gezeigten Mode formte.

Chanels Couture-Show für den Herbst-Winter-2022/23 begann mit einem digitalen Schlagzeug-Solo des Musikers Pharrell – in Tweed-Jacke und Sonnenbrille –, das an eine der Wände des Etrier de Paris projiziert wurde. Dann flimmerten abstrakte, monochrome Formen darüber, der ganze Raum war mit grafischen, das Auge täuschenden Mustern bemalt, graue und blaue Falten und Streifen, in welche die überdimensional breite Treppe fast nahtlose überging.

Diese Treppe schritt nun der erste und komplett grüne Look herunter, aus, wie sollte es anders sein, Tweed. Kantige Schultern, breiter Kragen und zwei aufgesetzte Taschen versprühten zusammen mit den schwarzen, delikaten Cowboy-Boots einen leichten Wild-West-Vibe – passend zum Veranstaltungsort. Es folgte ein Tweed-Schlapphut mit Capri-Hose, das unverkennbare Chanelkostüm in einer lässigen Variante mit langem Rock und in gefühlt unendlich vielen weiteren Versionen. Ein nie enden wollender Klassiker.

Landschaft aus Bögen, Mobiles und aufblasbaren Kuben

Die Route der Models war durch aufblasbare Skulpturen skizziert, die wie Elemente einer schaumstoffenen Ritterburg den Laufsteg säumten. Von der Decke hing ein Mobile aus silbernen Kugeln, Platten und Stangen – Veilhans Werk. Der französische Künstler hat unter anderem an der Hochschule der Künste Berlin unter Georg Baselitz studiert. Seine Arbeit ist inspiriert vom formalen Klassizismus wie auch von der Spitzentechnologie und breitet sich aus über verschiedene Medien wie Skulptur, Malerei, Installation, Performance, Video und Fotografie. Veilhans Ausstellungen schaffen oft einen sich entwickelnden, unsteten Raum, in dem das Publikum mit zum Akteur wird.

So auch bei Chanel: Nicht nur performten die Kleider in der von ihm designten Szenerie, im Außenstadion des Reitsportzentrums hatte der Künstler eine Landschaft aus Bögen, Zielscheiben, Mobiles und aufblasbaren Kuben gebaut. Ein Spielplatz für Erwachsene, ein Vergnügungspark für das modische Auge und zum davor Posieren natürlich auch ungeheuer gut geeignet.

Außerdem hatte Xavier Veilhan den Kampagnenfilm zur Show gestaltet, in dem er mit Chanel-Botschafterin Charlotte Casiraghi, dem Model Vivienne Rohner und dem Musiker Sebastian Tellier dem spielerischen Thema folgte. Auf einem Hai reitend, in einem Oldtimer und einem Jet bewegen sich die vier, begleitet von zwei kleinen Hunden, durch die schwarze Peripherie. Veilhan trägt einen mit schwarzen Kreisen verzierten Taucheranzug und Tellier spielt eine überlebensgroße Gitarre – was man so macht, im Chanel-Universe. Letzterer war auch an dem Soundtrack der Show beteiligt, mit einem Song mit Titel 'Haute Couture' – und damit zurück zum Thema.

Inspirationsquelle Vergangenheit

Virginie Viard, seit 2019 Creative Director, versinkt nicht in den Fußstapfen ihres Vorgängers Karl Lagerfeld, sondern ließ sich von Mademoiselle Chanel selbst inspirieren und deren Kollektionen der 1930er- und 1960er-Jahre. Anders als Jogginghose-Hasser Karl macht sie nicht aus jedem Look ein Statement, sondern lässt vielerlei Inspirationsquellen aus der Vergangenheit Raum, die sie sanfter und lässiger in unterschiedlichen Stärkegraden präsentiert. "Ich mag es, wenn eine Show auf etwas zurückgreift, das wir bei Chanel bereits gemacht haben", sagte Viard, "ich mag diese Resonanzen."

Auf das Tweed-Meer folgten unifarbene Ensembles, immer wieder ein intensives Grün und Pink. Schleifen thronten auf den Köpfen einiger Models, Schwarz mischte sich mit Silber, perlenbestrickte Tüllträume wechselten sich mit Chiffon und Pailletten ab, Fransen mit Streifen im Tromp-l’oeil-Effekt. Die Stoffe flossen um die Körper der Models und transportierten all das Können der treuen Chanel-Näherinnen, die jede Skizze zu deuten und zu einer mühelosen erscheinenden Kostbarkeit verwandeln wissen.

Den Abschluss machte ein für das Maison recht schlicht gehaltenes Brautkleid, mit Front-Taschen und einem blumenbestickten, fransigen Umhang. Ein fransiger Umhang? Dass der nicht trashig sondern nonchalant wirkte, kann nur durch wirklich hohe Schneiderkunst erreicht werden.