Nachtleben-Fotos von Chris Noltekuhlmann

Bernd und Hilla Becher im Berghain

Der Fotograf Chris Noltekuhlmann porträtierte zwei Jahre lang Berliner Raver kurz nach dem Clubbesuch in seinem Studio. Dabei trifft die formale Strenge der Bilder auf die Kreativität einer besonderen Szene

Wenn der Fotograf Chris Noltekuhlmann von Los Angeles nach Berlin pendelt, bewegt er sich jedes Mal zwischen zwei nächtlichen Welten. Die eine, US-amerikanische schließt um zwei Uhr morgens und ist geprägt von Profitdenken und improvisierten Warehouse-Partys. Die andere hingegen scheint in ihrer Freiheit grenzenlos: die deutsche Hauptstadt, wo Clubs im besten Fall zu safe spaces werden, Zeit sich auflöst und Subkulturen zu Hause sind. Aus genau diesem Kontrast entstand ein Projekt, das sich zur umfassenden Dokumentation einer Szene entwickelt hat.

Die Idee zu "After Night Glow" kam dem Fotografen nach einer Nacht im Berghain. Noltekuhlmann, der sowohl Werbejobs als auch freie Projekte realisiert, erkannte plötzlich, wie besonders die Berliner Clubkultur ist – so anders als alles, was er aus Los Angeles gewohnt war. In ihm regte sich der Wunsch, eine "Zeitkapsel" dieses Kosmos zu schaffen, und so begann er, Clubgängerinnen und -gänger nach ihren Nächten auf der Tanzfläche zu porträtieren.

Chris Noltekuhlmann erzählt, dass er bewusst darauf verzichtet, vor Clubs zu fotografieren, um diesen geschützten Raum nicht zu verletzen. Für die Aufnahmen kamen die Menschen deshalb in sein Studio nach Moabit; nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Respekt. Ein bewusst reduziertes Setup – weißer Hintergrund, Tageslicht, Mittelformatfilm – gibt den Bildern eine cleane Ästhetik, eine Atmosphäre der Ruhe nach dem Bass, in der sich die Personen unmittelbar nach dem Feiern zeigen.

Die Müdigkeit ist echt

Aus einer anfänglich bescheidenen Idee mit ein paar Freunden entwickelte sich ein organisch wachsendes Langzeitprojekt. Insgesamt fotografierte Noltekuhlmann rund 350 Personen; etwa 160 schafften es in seinen neuen Bildband. Die Vielfalt der Porträtierten – von Clubstammgästen über DJs und Tänzerinnen bis hin zu Schauspielern – soll die Durchmischung der Berliner Szene widerspiegeln.

Obwohl die Bilder an klassische Studiofotografie erinnern, sind sie nicht im engeren Sinne gestellt. "Der Moment des In-die-Kamera-Schauens ist bereits eine Form von Inszenierung", erklärt Noltekuhlmann. Doch darüber hinaus sei nichts vorgegeben gewesen. Die Ruhe, Müdigkeit, Offenheit oder Verletzlichkeit seien authentisch. 

Die klare Formensprache entsteht durch die Konzentration auf die Menschen selbst. Das minimalistische Studio bietet Neutralität und Fokus – ein methodischer Ansatz, der von den Typologien von Bernd und Hilla Becher inspiriert ist: gleiche Struktur, gleiche Perspektive, vollständige Reduktion.

Lebenswichtige Räume

Das Projekt bedeutet für den Fotografen eine intensive, ehrliche Auseinandersetzung mit Menschen und Momenten. Die konsequente formale Strenge empfindet er nach eigener Aussage als befreiend, weil sie den Fokus auf die Begegnungen legt. Das fertige Buch versteht er als Momentaufnahme der Jahre 2024/25, wohl wissend, dass sich die Szene ständig verändert.

Dass Berliner Clubs regelmäßig schließen, ist für Noltekuhlmann kein neues Phänomen – eher ein fortwährender Rhythmus. Räume verschwinden, neue entstehen. Was bleibt, ist der Spirit einer Stadt, die sich ständig neu erfindet und weiter entwickelt. Er erinnert daran, wie wichtig die Kultur des Nachtlebens für Berlin ist, ökonomisch, sozial und kulturell. Denn nach wie vor gilt: Für viele, vor allem queere Menschen sind Clubs Orte der Freiheit, der Diversität und der Selbstverwirklichung – und mitunter sogar lebenswichtige Schutzräume.