Kinofilm "Christo: Walking on Water"

Wie Jesus latschen

Dank Christos "Floating Piers" konnte man im Sommer 2016 über das Wasser des italienischen Iseosees spazieren. Der Film "Christo: Walking on Water" zeigt die Entstehung des Megaprojektes – und den Künstler als Ausnahmemenschen

Woran glauben wir eigentlich noch? In einer durchrationalisierten Welt bleibt uns bloß die Kunst. Berühmtheiten wie Marina Abramovic oder Ai Weiwei werden, wenn nicht gerade geschmäht, zu Erlöserfiguren stilisiert. Auch Christo zählt, während die Politik vor allem Unheil zu stiften scheint, zu den mutmaßlichen Heilsbringern. Er selber sieht das gewiss nicht so. Insofern steckt im Filmtitel "Christo: Walking on Water", soweit er auf das Matthäus-Evangelium anspielt, auch etwas Ironie.

Andererseits entspricht die Überschrift dem Inhalt. 16 Tage lang konnten Besucher des oberitalienischen Iseosees wie Jesus übers Wasser gehen. Andrey Paounovs Dokumentarfilm beschreibt die Genese der "Floating Piers"-Außeninstallation: ein System von schwimmenden Stegen ohne Geländer, drei Kilometer lang, gefügt aus 220.000 Kunststoffwürfeln und bespannt mit orangefarbenem Polyamidstoff ("dahliengelb"). Zwischen dem 18. Juni und dem 3. Juli 2016 verliefen die Piers vom Ufer des Iseosees zu der großen Insel Monte Isola und von dort zur kleinen Isola di San Paulo. Dramaturgisch geschickt enthüllt Paounov die verzweigte Gesamtanlage erst in den finalen Minuten. Christo steigt in einen Hubschrauber, um sein Werk aus großer Höhe zu betrachten. Die zuvor gezeigten Drohnenbilder sind aus aus geringerer Distanz gefilmt.

Respekt in jedem Filmbild

Kaum irgendwo ist die stimmige Perspektive so wichtig wie beim Künstlerfilm. Deshalb verwarf Andres Veiel die Einstellungen, die er von Beuys-Installationen für "Beuys" neu drehte und ersetzte sie durch historische, von Performances des Künstlers flankierte Clips mit den betreffenden Werken. Diesen Respekt vor dem Künstler und seinen Intentionen sieht man auch "Walking on Water" in jedem Filmbild an. Christo, der seit dem Tod seiner Ehefrau Jeanne-Claude 2009 die Großprojekte solo betreibt, erscheint im Film weder als Heiland noch Zauberer, sondern als Realisator eines hochkomplexen, von technischen, witterungsbedingten wie lokalpolitischen Hindernissen erschwerten Vorhabens.

Der Film setzt Monate vor der Eröffnung ein. Zuerst ist Christo in seinem Atelier in New York zu sehen. Der Künstler arbeitet an farbigen Zeichnungen, die Vorstudien des Projekts sind und zugleich käufliche Werke, mit denen das 15 Millionen Dollar teure Projekt finanziert wird – so haben es Christo und Jeanne-Claude immer gehalten. Während einer Skype-Konferenz lernen wir Vladimir Yavachev kennen, Christos streitlustigen Assistenten und Neffen. Vladimir hält Christo den Rücken frei und hat in technischen Belangen die Nase vorn, mal bemuttert er den Onkel, dann wieder bietet er dem Künstler in Detailfragen Paroli. Vladimir streitet sich mit Behördenvertretern und schlägt sich mit knauserigen Sammlern herum. Die Kamera liebt ihn. Wie Christo ist Vladimir letztlich eine Hauptfigur.

Der Künstler als Mahner 

Der Film wirkt durch klug austarierte Kontraste: Arbeit am Projekt und öffentlichkeitswirksame Auftritte. Konzentrierte Stille und unvermeidbarer Trubel. Rückschläge und Etappensiege. Mit Handschlag begrüßt Christo eine große Anzahl von Lokalpolitikern in Brescia. Die Sequenz im Präfekturpalast – 12 Tage vor Eröffnung – deutet künftige Probleme des Teams mit der Exekutive in der Region an. Als die Wasserteppiche schließlich ausgerollt sind und die Publikumsmassen auf die Piers drängen, zeichnet sich ein Konflikt zwischen Künstler und Politikern ab. Während Christo und Vladimir davor warnen, dass die Stege eine übermäßige Menschenlast nicht aushalten, ist die Präfektur auf touristische Gewinnmaximierung fixiert. Der Künstler droht mit Abbruch des Projekts – die Behörden reagieren endlich und regulieren den Besucherstrom. Planmäßig und ohne Katastrophe endet die Freiraum-Installation am 3. Juli 2016.

Über eine Million Besucher nutzten die Chance, über das Wasser des Iseosees zu gehen. Wer nicht dabei war, möchte neidisch werden. Doch bietet "Christo: Walking on Water" weit mehr als ein filmisches Surrogat des verpassten Kunsterlebnisses. Es zeigt die Mühen der Realisierung und  – Teamarbeit hin oder her – warum Künstler eigentlich doch Ausnahmemenschen sind. "Künstler sein ist kein Beruf", erklärt Christo am Filmbeginn einer Schülergruppe. "Es gibt keine festen Arbeitszeiten. Du bist keine Sekunde lang nicht Künstler."