Kultur, Krieg, Erinnerung

Claudia Roth will in Odessa Zeichen setzen

Claudia Roth in der Altstadt von Odessa an dem mit Sandsäcken geschützten Standbild des Armand Emmanuel du Plessis, Duc de Richelieu, der ab 1803 für elf Jahre der erste Gouverneur der ukrainischen Hafenstadt gewesen war
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Claudia Roth in der Altstadt von Odessa an dem mit Sandsäcken geschützten Standbild des Armand Emmanuel du Plessis, Duc de Richelieu, der ab 1803 für elf Jahre der erste Gouverneur der ukrainischen Hafenstadt gewesen war

Wie wichtig kann Kultur sein in Zeiten des Krieges? Zwischen Sandsäcken und Schutzeinrichtungen warnt Kulturstaatsministerin Claudia Roth in Odessa vor den Folgen der Angriffe. Für die geht es auch um die kulturelle Identität der Ukraine

Roman Schwarzman weicht Claudia Roth nicht von der Seite. Für das Treffen mit dem 85-Jährigen hat die auch für die Erinnerungspolitik zuständige Kulturstaatsministerin noch Platz geschaffen im engen Programm ihres zweitägigen Besuches im ukrainischen Odessa. Auf einer Parkbank neben einem Mahnmal schildert Schwarzman der Grünen-Politikerin die Ereignisse von 1941. Er hat das Massaker von Odessa überlebt, bei dem etwa 25 000 Juden unter Anleitung aus Nazi-Deutschland ermordet wurden.

An dieser Stelle der Hafenstadt am Schwarzen Meer soll mit deutscher Hilfe eine Erinnerungsstätte entstehen. Roth ist sichtbar mitgenommen von Schwarzmanns erschütterndem Bericht. Zu viele Menschen in Deutschland wüssten nichts von den grausamen Verbrechen, die damals in der Ukraine verübt worden seien. Aber auch die Folgen des aktuellen russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine für die Kultur bestimmen die Reise der Grünen-Politikerin. Sie ist auf Einladung des ukrainischen Kulturministers Olexandr Tkatschenko nach Odessa gekommen.

Wo auch immer sie von ihrem Gastgeber hingeführt wird, prallen Schönheit und Energie der Kultur brutal zusammen mit zerstörerischer Kraft und der brutalen Fratze des Krieges. Verbarrikadierte Museen, Sandsäcke neben Notenständern, ein Lesesaal mit verpackten Stühlen. In der Oper - eines der imposantesten Musiktheater weltweit - wird sie während der Proben zu Verdis "Nabucco" empfangen. Das Ensemble hat mit einem Video des Gefangenenchors "Va, pensiero" für eine Flugverbotszone demonstriert. Roth dankt den Musikern dafür, dass sie mit ihrer Arbeit "das Leben nicht vergessen in diesen dunklen, traurigen Zeiten". "Sie schenken mit ihrer Musik den Menschen das Leben, dass das Herz weiter schlägt und weiter tanzen kann.

"Krieg gegen die Kultur"

Auch in der Philharmonie lauscht Roth zunächst dem Orchester. Die dringend notwendigen Renovierungsarbeiten an dem Gebäude, das einmal eine Börse beherbergte, mussten eingestellt werden. Die Hälfte des bereits bereitgestellten Geldes floss in die Kriegskasse. Nun will Roth "überlegen, wie wir mithelfen können, dass die Restaurierung fortgesetzt wird und die Philharmonie als Philharmonie geschützt bleibt.

Roth umschreibt die Notwendigkeit der Unterstützung für "dieses Kulturgut, wie man es sich eigentlich kaum schöner vorstellen kann": "Wenn dieser Krieg versucht, genau das zu zerstören, dann zerstört er damit die schönsten Orte in der Ukraine". Deswegen sei es wichtig, nicht zuzulassen, "dass dieser Krieg immer mehr auch ein Krieg gegen die Kultur wird". Mehrfach betont Roth: "Da wird deutlich: Es geht darum, die kulturelle Identität der Ukraine anzugreifen."

Nach mehr als drei Monaten Krieg seien 375 Kultureinrichtungen zerstört oder beschädigt, sagt sie. Auch 137 Kirchen seien betroffen. Einen Abstecher macht sie zur St. Paulskirche, wo Pfarrer Alexander Groß eine kleine deutschstämmige Gemeinde betreut. Roth gibt sich Bachs "Toccata und Fuge d-Moll" hin. Ihr Großvater war Organist und Kirchenmusiker.

In der Bibliothek geht es nicht nur um den materiellen Schutz der 5,5 Millionen Bände in rund 100 Sprachen. Was nicht im Keller sicher ist, wurde an andere Orte ausgelagert. Roth weist auf Möglichkeiten zur Hilfe bei der Digitalisierung hin.