Magnum-Fotografinnen in Berlin

Anders sehen, andere sehen

Die legendäre Fotoagentur Magnum hat unser Bild der Welt mitbestimmt, wurde aber lange von Männern dominiert. Nun zeigt das C/O Berlin eine Ausstellung, die sich auf das Werk von Fotografinnen konzentriert - was lässt sich daraus ableiten?

Die Fotoagentur Magnum wurde 1947 ins Leben gerufen, um Bilder unter Wahrung der Urheberrechte in den Medien zu verbreiten. Eine Idee, die in Zeiten von KI-Fakes und Copyright-Wüste im Internet wieder überraschend aktuell klingt. Die Mission der Gründer beschränkte sich jedoch nicht nur darauf. Die Beteiligten stellten sich vielmehr einer komplexen Aufgabe: Einerseits lehnten sie pure Ästhetik und die Trennung der Kunst vom Leben ab; andererseits bestanden sie darauf, dass die Fotografie eine Kunstform ist. Das bedeutet, dass ein Abzug gleichzeitig ein Dokument, ein politisches Statement und eine künstlerische Vision sein muss.

Die Ausstellung "Close Enough" stellt den Blick noch auf eine weitere Dimension scharf, denn sie schaut auf die weiblichen Magnum-Mitglieder, die lange im Schatten ihrer männlichen Kollegen standen. Die Schau wurde ursprünglich 2022 in New York von einer zeitgenössischen Generation von Magnum-Fotografinnen initiiert und tourt seither um die Welt. Nun ist sie im Berliner Fotozentrum C/O zu sehen. 

Noch immer ist wenig bekannt, dass neben den legendären Namen wie Robert Capa und Henri Cartier-Bresson auch zwei Frauen zu den Gründerinnen von Magnum gehörten: Maria Eisner und Rita Vandivert. Allerdings sind von ihnen kaum prägnante Zitate überliefert, weshalb auch die aktuelle Ausstellung auf die inzwischen etwas abgedroschene Aussage Capas "If your pictures aren't good enough, you're not close enough" zurückgreift, die sich häufig in Fotobüchern und Museen findet. Das Fehlen der Würdigung der "Magnum-Mütter" ist bedauerlich: Die Rolle der Frauen in der Geschichte der Agentur ist zwar in der Idee der Schau präsent, wird aber in der Präsentation selbst nicht weiter vertieft.

Ein sicherer kuratorischer Weg

Vielmehr ist das Thema Nähe und Distanz ein sicherer kuratorischer Weg, da es alle betrifft, die fotografieren. Die Frage nach dem richtigen Abstand ist ein zentraler Aspekt des Mediums – genauso hätte man Licht und Dunkelheit als Überbau wählen können. Thematisch ist die Ausstellung extrem vielfältig und aufgefächert, das Spektrum der Gegenstände und Techniken der 12 gezeigten Positionen ist zu divers, um konzeptionell auf einen Nenner gebracht zu werden. Dennoch bleibt der charakteristische Stil von Magnum – Unabhängigkeit von Manierismus und Spannung zwischen Dokument und Kunst – deutlich erkennbar.

Zu finden ist außerdem ein Fokus auf langfristig angelegte Projekte, die aus teils sehr persönlichen Beziehungen der Fotografinnen mit den Porträtierten entstanden. So besuchte die belgische Fotografin Bieke Depoorter in der Serie "As it May Be" über sechs Jahre hinweg regelmäßig Ägypten, beginnend mit der Revolution 2011. Das Konzept zeichnet sich durch einen bewussten Abbau von Distanz aus: Depoorter fotografierte lokale Familien, bei denen sie Unterschlupf fand, in ihrem intimen häuslichen Umfeld und musste dafür Vertrauen aufbauen.

Im Jahr 2017 brachte sie einen Entwurf des aus den Bildern entstandenen Buchs nach Ägypten zurück und bat dort verschiedene Menschen, die Fotos direkt zu kommentieren. Dies wirkt wie ein kluger Schachzug in einer Ära der Identitätspolitik, in der die Frage "Wer spricht für wen?" immer wieder verhandelt wird. Indem sie die Stimmen derjenigen einbezieht, die dem Kontext nahestehen, umgeht sie die Falle der Exotisierung. Gleichzeitig wird das Publikum in ein komplexes Spiel der Blicke eingebunden, da es Inhalte anschaut, die zuvor schon andere begutachtet haben. So bietet das Projekt eine Diskussion über visuelle Normen an, über die Frage, was gezeigt werden sollte - und was nicht.

Die Vielschichtigkeit des Lebens

Fragt sich, ob man der Serie den Vorwurf des poverty porn machen kann, also eines voyeuristischen Ansatzes, bei dem Armut dargestellt wird, um das Mitgefühl von privilegierten Betrachtenden zu erzeugen. Einerseits wurde im Kommentar zu einem der Fotos eine Telefonnummer hinterlassen, falls jemand finanzielle Hilfe leisten möchte. Das deutet darauf hin, dass die visuellen Codes der Wohltätigkeitswerbung hier erkannt wurden. Doch Depoorters Motive zeigen die Vielschichtigkeit des Lebens und reduzieren ihre Protagonisten nicht auf ein Opferdasein. Durch den lokalen Kontext treten oft universelle Bilder hervor, die einer der Titel berührend zusammenfasst: "Reich oder arm – alle Mütter zeigen dieselbe Zärtlichkeit". So gesehen arbeitet "As it May Be" das Allgemeine durch das Private heraus und streift gleichzeitig die komplexe Beziehung zwischen Wahrheit und Spektakel, die dem Medium Fotografie innewohnt. 

Bei der spanisch-belgischen Fotografin Cristina de Middel wird ebenfalls die Kombination von Text und Bild eingesetzt. Die Serie "Gentlemen's Club" rückt die unsichtbare Seite der Sexarbeit in den Fokus — die Kunden. Die Künstlerin lud Männer ein, von ihren Erfahrungen als Freier zu erzählen und bezahlte sie für Interviews und Porträtaufnahmen. Dadurch kehrte sie die üblichen Rollen um.

De Middel hält die Verbindung zur dokumentarischen Tradition von Magnum aufrecht, verzichtet jedoch darauf, Ereignisse spontan festzuhalten und stellt sie stattdessen konzeptuell zusammen. Die Porträts halbnackter Männer in Hotelzimmern, deren Alter, soziale Herkunft und Nationalität ganz unterschiedlich sind, werden von nüchternen Biografien begleitet, die erzählen, wie sie auf diesen Weg kamen. Die Darstellungsform spiegelt den kühlen, fast wissenschaftlichen Wunsch nach Archivierung und Systematisierung wider: Jeder Protagonist befindet sich mit seinen Porträts in einem eigenen Ordner, auf dem sein Name steht, wie bei der Polizei oder im Krankenhaus.

Die Normalität unter unmöglichen Umständen

Hinter der äußerlichen Distanzierung, die an eine journalistische Recherche erinnert, treten Aspekte von Einsamkeit, dem Fehlen echter Verbindung, der Kommerzialisierung von Sex sowie der Sprachlosigkeit in Beziehungen hervor. Gleichzeitig vermittelt das Projekt eine kritische Reflexion der Realität ohne Stigmatisierung. Interessant ist dabei weniger die Rollenumkehr selbst, sondern, wie die textlichen Informationen die visuelle Wahrnehmung beeinflussen und die Autonomie der Bilder aufheben. Diese sind nun zwangsläufig in eine neue Erzählform zwischen Inszenierung und Dokumentation eingebunden. 

Minimaler Text – maximale Visualität, so kann man dagegen die Arbeit der deutschen Fotojournalistin Nanna Heitmann beschreiben. Ihre Bilder sind eine langjährige Dokumentation des Alltagslebens in Putins Russland, vor und nach dem Einmarsch in die Ukraine. Sie zeigen Aufnahmen aus Russland und der Ukraine selbst - auch während des Krieges. Heitmanns Aufnahmen verkörpern das klassische Prinzip der Magnum-Fotoberichterstattung in der Ausstellung am deutlichsten – einen Ausschnitt der Realität so einzufangen, dass Dinge und Menschen selbst "für sich sprechen", wie es Bresson empfahl, und zwar mit poetischer Feinheit und Tiefe.

Ein zerstörtes mehrstöckiges Haus, eine kahle Birke in Asche und eine verlassene, neblige Straße, auf der eine weibliche Figur vorbeigeht. Letztere ist das einzige Element der Normalität in dieser apokalyptischen Kulisse. Wir sind zu weit entfernt, um ihr Gesicht zu sehen, ihre Gedanken oder ihren Zustand zu erahnen. Was uns mitgegeben wird: dass diese Frau mit einem bestimmten Ziel irgendwohin geht, genau wie jede andere Frau auf der Welt. Aber genau diese Frau führt diese gewöhnliche Handlung unter unmöglichen Umständen aus. 

Das schreckliche Dazwischen

Die Kraft dieses Bildes liegt nicht in den gezeigten Zerstörungen und auch nicht in der Realitätsnähe aufgrund seiner Alltäglichkeit. Dieses Foto ist mehr als ein Zeugnis der Niedertracht und Unmenschlichkeit. Es erzählt von einer anderen Welt, einer neuen Welt, in der immer noch dieselben Menschen leben wie in der alten. In der alten Welt war die bevorstehende neue Welt jedoch noch undenkbar. Anstelle der alten Leere ist ein schrecklicher Raum des "Dazwischen" entstanden. 

Parallel dazu ist auf einem anderen Foto ein Modell eines sowjetischen Panzers mit einem roten Stern zu sehen, in dessen Luke ein Kind sitzt, ein Besucher eines der zahlreichen militärisch-patriotischen Parks – künstliche Produkte des Putin-Regimes. Die Miniaturgröße des Kriegsgeräts und die leuchtenden Farben der Kleidung stehen in starkem Kontrast zur militaristischen Kulisse. Während in der Ukraine der Krieg zur Realität geworden ist, werden in Russland die repräsentativ anmutenden Facetten einer Kriegsbeteiligung zur Ausstellungsattraktion.

Heitmanns Werke gehen weit über eine reine Reportage hinaus: Sie eröffnen einen weiten Raum für intellektuelle und emotionale Erfahrungen. Jedes Bild besitzt die seltene Fähigkeit, dass nicht nur man selbst das Foto betrachtet, sondern das Werk auch auf einen zurückschaut. Wie bei Bieke Depoorter enthüllen private Episoden große Geschichten, und das aus der Realität herausgerissene Bild vermittelt die universelle Ikonografie der klassischen Malerei, indem es Dokumentarisches und Spektakuläres verbindet und dabei Sensationslust vermeidet. So etwas kann keine KI bislang erzeugen.

Tiefes Eintauchen in den Kontext

Ein gemeinsames Merkmal vieler Teilnehmerinnen der Berliner Magnum-Ausstellung ist ihr Fokus auf langfristige, oft über Jahre gehende Projekte. Dies steht in deutlichem Kontrast zum heute vorherrschenden fotografischen Zeitgeist, der von Sekundenaufnahmen, schnellen Story-Posts und ebenso rapidem Vergessen geprägt ist. 

In diesem Sinne bekommt Robert Capas viel zitierte Maxime eine zeitliche Erweiterung: Es geht nicht nur darum, close enough zu sein, sondern vor allem long enough dabei zu bleiben, um vielschichtige und vertrauensvolle Geschichten erzählen zu können. Wenn durch das Smartphone nahezu jeder zum Reporter geworden ist, zeigt diese Herangehensweise, dass "echte" Fotografie ihre Berechtigung vor allem durch Zeit gewinnt – durch Geduld, Beziehungspflege und tiefes Eintauchen in den Kontext. 

Gleichzeitig vollführen alle Fotografinnen von Magnum einen Balanceakt, indem sie gesellschaftliche Relevanz mit der Feinheit der Wahrnehmung und der Ausdruckskraft der Komposition verbinden. In dieser Hinsicht versteht man, dass die Agentur zweifellos ein Produkt ihrer Zeit ist — der Nachkriegsära in Europa, in der die Tendenz zur Überwindung der Autonomie der Kunst besonders stark war.

Wie sinnvoll ist der Fokus auf "das Weibliche?"

Bleibt die Frage, wie sinnvoll es heute ist, in einer Ausstellung nach einer spezifisch weiblichen Perspektive oder Stimme zu suchen. Zwar gibt es viele Porträts von Frauen und Projekte, die sich der Besonderheit weiblicher Erfahrungen widmen, wie Newsha Tavakolians PMS-Projekt "For The Sake of Calmness" und Sabiha Çimens Serie "Hafiz" über junge Musliminnen in der Türkei. Doch insgesamt erscheint diese Suche eher redundant. 

Die Arbeiten dieser Fotografinnen sind nicht deshalb sehenswert, weil sie von Frauen stammen. Sondern, weil sie in einer Zeit der Bildüberflutung zeigen, wie man anders und andere sehen kann.