Conceptual Biennale in Berlin

Prototyp mit Potenzial

Die erste Conceptual Biennale in Berlin-Lichtenberg versteht sich als Experiment zwischen Kunst, Design und Architektur – und zeigt, wie offen, klug und kollaborativ die Szene gerade denkt

Als einen Prototyp möchten sie die erste Conceptual Biennale verstanden wissen, sagte eine der Kuratorinnen, die Designerin und Lehrende Matylda Krzykowski, bei der Vorbesichtigung der Ausstellung in Berlin-Lichtenberg. Ein Prototyp also, wie er im Design vor der – manchmal sogar seriellen – Anfertigung entsteht: als Muster, als Test, nicht immer schon in der angestrebten Größe oder im endgültigen Material. Und genau so soll auch die Conceptual Biennale entstehen, wachsen, Dialoge und Zusammenarbeiten hervorrufen.

Jetzt muss man aber sagen, dass dieser Prototyp keineswegs auf wackeligen Beinen steht. Vor allem, wenn man bedenkt, wie schnell das Gründungsteam – bestehend aus Architekt und Designer Thilo Reich, Kuratorin Tina Roeder, dem "the thing"-Mitgründer Anton Rahlwes und Kuratorin Krzykowski – das Projekt auf die Beine gestellt hat. Durch "Eigeninitiative, Eigenmittel und die Unterstützung der Community".

Die Idee: Man möchte als "erste spartenübergreifende Plattform in Berlin konzeptuelle, zeitgenössische Praxen in Design, Architektur und Kunst in den Mittelpunkt stellen". Am Wort "Conceptual" kann man hängen bleiben – oder es auch ein bisschen übersehen. Denn gezeigt werden über 70 Positionen, die sich zwischen Kunst und Design bewegen und Architektur mitdenken. Sie sollen "gesellschaftliche Fragestellungen kritisch" reflektieren und "zugleich ihre kulturelle Bedeutung" anerkennen.

Entstanden ist eine angenehm vielseitige Ausstellung, die nicht den Fehler begeht, ihre Umgebung auszublenden: Weder die Architektur eines der tollsten Häuser Berlins, in dem die Biennale stattfindet, gestaltet von Arno Brandlhuber, der hier sein Büro b+ untergebracht hat und dessen Arbeitstische die Kurator:innen charmant als Ausstellungsfläche nutzen. Noch das Dong Xuan Center, Deutschlands größter Asiamarkt, an dem man vorbei muss, um zu den Räumen zu gelangen – und mit dem sich auch eine Arbeit der Künstlerin Kieu My Le beschäftigt.

Vom Reststück-Tresen bis zum Turmsofa

Und was sieht man sonst so? Im Außenbereich empfängt ein Reststück-Tresen des deutschen Künstlers Simon Mullan, dahinter kleinere Aufsteller mit Werken wie einer "Living Unit" von Andrea Zittel, einer Skulptur von Ursula Sax, deren Original in der Nähe des ICCs steht, und einer Stadtmöbel-Arbeit der US-Künstlerin Billie Clarken.

Im Erdgeschoss hängt ein Werkstatt-Kalender der österreichischen Designerin Anna Zimmermann, der ganz ohne nackte Frauen auskommt; außerdem findet man hier einen schiebbaren Kerzenständer von Jonathan Simon-Weidner und Liam Statz sowie weitere Arbeiten von den hier im Haus arbeitenden Designern und Künstlern wie Matthias Gschwendtner oder Jan Omer Fack. Nur ein kleiner Auszug, daneben noch viel mehr.

Im Treppenhaus geht es weiter mit einem besorgniserregend flexiblen Kerzenständer des Wieners Franz Ehn und einer kuscheligen Skulptur der südkoreanischen Künstlerin Won Hye-Jin, die in der Ecke liegend fragt: "Mom, did you open your eyes?". Zu sehen ist außerdem ein Tor von Soft Baroque und ganz oben im Turm ein Sofa von Lisa Ertl, dekonstruierte Bürostühle von Bless Service oder eine Skulptur der Künstlerin Yağmur Rüzgar, die mit Steinen aus dem toskanischen San Gimignano arbeitet, dem Ort, der Namensgeber dieses Architekturprojektes war.

Gezeigt wird nicht nur kuratorisch Ausgewähltes, sondern auch Eingereichtes und Praktiziertes – in Form von Performance, Essen und Talks. Nicht immer besteht ein direkter Berlin-Bezug, dafür aber ein klarer internationaler Anspruch. Zum Rahmenprogramm gehört ein Roundtable, konzipiert und moderiert von der Journalistin, Kuratorin und Lehrenden Nina Sieverding, bei dem es noch einmal um das Wort "Conceptual" gehen soll – oder um Geld und Macht. Die Biennale läuft noch bis zum 11. Oktober im San Gimignano Lichtenberg. Und man muss zugeben: Dieser Prototyp könnte tatsächlich so in Serie gehen.