Soziale Funktion von Design

Stühle, die zum Reden zwingen

Im Louvre steht ein Sessel, dessen Form Gespräche beinahe erzwingt. Solche Sitzmöbel, die soziale Nähe erzeugen, wirken heute wie aus der Zeit gefallen. Brauchen wir wieder mehr "Conversation Chairs"?

In den Prunkräumen des Louvre lässt sich ein kurioses Sitzmöbel bestaunen, das aus drei geschweift miteinander verbundenen, gepolsterten Salonsesseln besteht. Wer darauf Platz nimmt, sitzt Ohr an Ohr. Beim ersten Anblick des dreigliedrigen Sessels denkt man ans Flüstern, oder an "stille Post", geheime Gespräche und Gossip.

Dieses Design führt vor allem eines vor Augen: dass Sitzmöbel nicht nur Objekte sind, sondern soziale Situationen anlegen. Wer auf dem sogenannten "Indiscret" sitzt, wird fast schon gezwungen, sich zu unterhalten. So spricht man hier auch von einem "Conversation Chair".

Der gesprächige Sessel aus dem Louvre entstand im Frankreich des 19. Jahrhunderts: Als typisches Sitzmöbel des Second Empire unter Napoléon III. sollte er Konversationen anregen und für Atmosphäre sorgen. Damit gehört er in eine Zeit, in der Innenräume bewusst zu Orten sozialer Interaktion inszeniert wurden: Napoléons Interieur sollte beeindrucken – aber auch das Verhalten seiner Gäste steuern. Der "Indiscret" ist dabei die Weiterentwicklung des "Confident", bei dem nur zwei Personen seitlich zueinander sitzen. Mit der dritten Sitzposition entsteht also die "indiskrete" Konstellation. Der zusätzliche Platz bringt neben mehr Gesprächsdynamik auch Kontrolle mit ins Spiel – durch Beobachtung und Mithören.

"Stühle definieren immer den Raum – und die Macht"

Heute wirkt ein solcher Sessel ziemlich absurd. Nicht nur wegen seiner schwungvollen Form, sondern auch, weil er sich kaum noch in unser soziales Leben übertragen lässt: Der "Indiscret" gehört in eine Gesellschaft mit ganz anderen sozialen Codes und Ritualen; in ein elitäres Salonsetting, in dem Sitzmöbel soziale Nähe kontrollieren und organisieren. Gerade in dieser Hinsicht wirkt er heute wie das Gegenteil unserer öffentlichen Möblierung: Dort, wo heute Begegnung entstehen könnte, verhindern Sitzmöbel häufig längere Aufenthalte und ungeplante Gespräche. Statt "Conversation Chairs" gibt es "Hostile Architecture" und somit Mittelarmlehnen, getrennte Sitzflächen oder andere kleine Stördesigns, die das Verweilen verhindern sollen.

Wie Stühle Beziehungen formen, erforscht die britische Designhistorikerin Anne Massey schon seit Jahren. In ihrem Buch "Chair" (2011) beschreibt sie den Stuhl als ein zentrales Ordnungsinstrument der modernen westlichen Kultur. Stühle markieren unseren Platz in der Welt, strukturieren Räume, weisen Menschen Positionen zu und machen soziale Hierarchien sichtbar. Historisch war der Stuhl lange ein Privileg und ein Zeichen von Autorität, so Massey. Mit dem Aufkommen der Konsumkultur im 18. Jahrhundert verbreitete er sich und gehörte ab dem 19. Jahrhundert (zumindest in wohlhabenden Haushalten) zur Grundausstattung. Seine sozial machtvolle Rolle verschwand dadurch nicht, sie veränderte sich nur: "Stühle definieren immer den Raum – und die Macht", sagt Massey. Sie hätten die Fähigkeit, Menschen auf Nähe oder Distanz zu bringen, und seien deshalb hoch ambivalent. 

Kaum ein anderes kulturelles Objekt eröffne Designerinnen und Designern außerdem so viele Möglichkeiten, nah an einem anderen, fremden Menschen dran zu sein. Im Alltag merken wir selbst am eigenen Körper, wie intim und sozial aufgeladen Sitzmöbel sind: Massey nennt hier die Wärme, die die vorherige sitzende Person auf dem Stuhl hinterlässt. 

Die Designhistorikerin schickt im Gespräch auch gleich ihre moderne Interpretation eines "Conversation Chairs" mit: eine Bank, die sie an der Londoner Waterloo Station entdeckt hat. Ein zeitgenössischer "Indiscret?" Ohr an Ohr sitzt man auf dieser Bank zwar nicht, doch sie ist so angelegt, dass sie mit ihrem Design ein Gespräch fördert. 

Eine zeitgenössische Interpretation eines "conversation chairs" im The Sidings, Waterloo Station, London, 2026
Foto: Anne Massey

Eine zeitgenössische Interpretation eines "conversation chairs" im The Sidings, Waterloo Station, London, 2026

Wie sich die soziale Komponente des Stuhls heute weiterdenken lässt, zeigt derzeit auch die Ausstellung "Sitzen machen!" im Deutschen Design Museum. Der Designer, Unternehmer und Museumsdirektor Rafael Horzon versammelt dort über 100 Sitzmöbel unterschiedlichster – sozialer – Formen. Ausgangspunkt war ein Open Call, auf den sich innerhalb weniger Wochen über 200 Menschen meldeten: "Die Menschen lieben das Sitzen!", sagt Horzon. "Nietzsche hat zwar gesagt, Gedanken müssen ergangen werden. Aber ich behaupte, dass der größte Teil aller Gedanken im Sitzen entsteht."

Horzon bezeichnet sich selbst als "großen Freund des Stuhls". Wenn es nach ihm ginge, wäre seine ganze Wohnung voll davon. Einige Stühle in seiner Ausstellung wirken wie Vorschläge dafür, wie Menschen zueinander in Beziehung treten könnten. In einem Entwurf des Architekten Eike Otto etwa verschmelzen zwei Stühle ineinander; ein anderer Entwurf des Künstlers Jörg Söchtig verbindet die Sitzflächen wie Puzzleteile. Aber nicht alle Sitzmöbel laden hier zur Kommunikation ein. So zeigt sich sehr anschaulich, wer sitzen soll, und wer nicht.

"Es ist verblüffend, wie viele Möglichkeiten es gibt, zu sitzen", sagt Horzon. "Man kann dieses bekannte Buch '1000 Chairs' durchblättern und denken: Es ist alles gesagt, mehr Möglichkeiten gibt es nun wirklich nicht. Aber diese Ausstellung zeigt, dass es wirklich unendlich viele Möglichkeiten gibt, das Sitzen zu denken."

Das nächste Megathema?

Als Vorbild für zeitgenössisches Design taugt der "Indiscret" im Louvre nur bedingt. Er gehört ins Second Empire und entstand für den privaten Salon. Trotzdem macht er sichtbar, was auch die Entwürfe im Deutschen Design Museum zeigen: Sitzmöbel können Beziehungen tatsächlich mitorganisieren.

Die soziale Funktion des Designs könnte also "das nächste Megathema werden", sagt Rafael Horzon, und verweist noch auf den dänischen Künstler Jeppe Hein, der mit dieser sozialen Idee arbeitet. Er brachte normale Stadtbänke in geschwungene, ineinander übergehende Formen – und verwandelte sie damit in kommunikative Instrumente. Seine "Outdoor Works" sind geradezu eine Vervielfachung des Louvre-Beispiels. Hein entwarf eine Reihe von "Social Sculptures" für den öffentlichen Raum und schaffte so soziale Begegnungsorte.

Dass uns der "Indiscret" also zunächst so skurril erscheint, liegt viel weniger an seiner exzentrischen Spiralform als daran, dass uns soziale Sitzdesigns heute fremd sind. Lassen wir uns also vom Ungewohnten inspirieren?