Künstlerin Cosima Kaibel über ihre Aktbilder

"Männer lieben es, meinen Anweisungen zu folgen"

Für ihre Bilder lädt Cosima Kaibel fremde Männer zum Nacktshooting ein. In ihrem Gastbeitrag für Monopol erzählt die Berliner Künstlerin, wie sich dabei Rollenbilder und Machtverhältnisse verschieben

Ich finde heterosexuelle Männer über Dating-Apps, die nackt für mich posieren. 

Das habe ich bisher gelernt:

  1. Jemanden nackt zu fotografieren, ist ein guter Icebreaker.
     
  2. Die meisten Männer sind es nicht gewohnt zu posieren oder ästhetisiert zu werden, insbesondere nicht, wenn ihr Hintern im Mittelpunkt des Interesses steht – am Ende sind sie aber meistens stolz auf die Ergebnisse. Einer benutzt die Bilder sogar auf seinem Dating-Profil.
     
  3. Alle Männer scheinen Spaß an den Shootings zu haben und daran, hübsch gefunden und ästhetisch dargestellt zu werden.
     
  4. Viele (nicht alle) Teilnehmer schienen romantische oder sexuelle Erwartungen zu haben – wollten also mehr sein als nur eine Muse.
     
  5. Die Kontrolle darüber zu haben, wie sie dargestellt werden, erzeugt eine Machtverschiebung. 
     
  6. Dass ich angezogen bin, während das Modell nackt ist, erzeugt auch eine Machtverschiebung.
     
  7. Männer LIEBEN es, meinen Anweisungen zu folgen. Das ist total ungewohnt und macht Spaß.
     
  8. Ich habe während der Shootings und im Nachgang das Bedürfnis, so verantwortungsvoll wie möglich mit den Modellen umzugehen, weil ich nicht möchte, dass sie sich so fühlen, wie ich mich bei manchen Shootings als Teenager gefühlt habe.
     
  9. Früher habe ich mir mehr Bilder angeschaut, die weibliche Körper ästhetisieren und meinen Körper häufig mit ihnen verglichen. Seit ich das Projekt angefangen habe, bekomme ich viel mehr Inhalte mit ästhetisierten Männern angezeigt, die ich mir einfach anschaue, weil sie eye candy sind.
     
  10. Ich werde oft gefragt, nach welchen Kriterien ich Männer auswähle, weil die dargestellten Körper normschön seien und ob ich nicht mehr Diversität einbringen wolle. Vor allem Männer beschweren sich, sie könnten ja niemals so aussehen wie die Männer auf den Bildern – egal, wie hart sie dafür arbeiten würden. 

 

Warum das Ganze? 

Unsere Wahrnehmung von Körpern wird größtenteils durch Bilder geprägt, die historisch von Männern produziert und verbreitet wurden – von jenen, die über lange Zeit Machtpositionen innerhalb der Medien, der Kunstgeschichte und der visuellen Kultur innehatten. Diese visuellen Regimes beeinflussen maßgeblich, was als begehrenswert, sichtbar oder darstellungswürdig gilt und bestimmen, welche Körper Gegenstand ästhetischer Aufmerksamkeit werden. 

Heterosexuelle Männer darum zu bitten, ihre Körper zu zeigen, sich fotografieren oder ästhetisieren lassen, erzeugt häufig Momente des Zögerns oder von Verletzlichkeit, da sie es nicht gewohnt sind, die Position des betrachteten Subjekts einzunehmen.

Während viele der Teilnehmer die Situation in der Annahme betreten, dass sich daraus eine romantische oder sexuelle Möglichkeit ergeben könnte, liegt mein eigentliches Interesse in der Produktion von Bildern und der Aushandlung sozialer Rollen.

Durch Akte des Sammelns, der Wiederaufführung (Reenactment) und der Zusammenarbeit destabilisiert das Projekt auf subtile Weise normative Codes der Heterosexualität und schlägt alternative Arten vor, Körper anzusehen und miteinander in Beziehung zu treten.

Der fotografische Akt als Prozess sozialer Interaktion macht sichtbar, wie im Blick der Fotografierenden auf die Fotografierten Machtverhältnisse hergestellt und verschoben werden, wie Körper gesehen und mit Wert versehen werden. 

Was daraus entsteht, ist ein Archiv von Begegnungen, in dem Intimität zum Bild wird und vertraute soziale Skripte zu scheitern beginnen. 

 

Mein persönlicher Einstieg in die Welt der Popos

Das alles war mir noch nicht klar, als ich 2023 jemandem anbot, ihn nackt zu zeichnen, um ihn zu treffen. Ich versuchte damit unseren Chat auf einer Dating-App wiederzubeleben. Er war dann leider überhaupt nicht mein Typ, aber die Begegnung war so eigenartig und ungewohnt und hat mich so lange immer wieder beschäftigt, dass ich etwas in der Art nochmal machen wollte. 

Ich fing an, mir von Männern Fotos von ihren Pos schicken zu lassen – quasi als Pendant zum ungebetenen Dickpic – ein Körperteil, von dem sie sonst beim besten Willen keine Bilder verschicken würden. Diese Fotos übersetze ich in Zeichnungen oder Malerei. Ich fing an, Chatverläufe zu dokumentieren, weil sie so bezeichnend waren und schließlich meine Lieblingskandidaten in mein Atelier einzuladen, um sie selbst zu fotografieren. Die Begegnungen dokumentiere ich zudem in tagebuchähnlichen Einträgen.

 

Was noch kommt

Letztes Jahr habe ich einen Po-Kalender mit Best-ofs gemacht, der sich auch als ein beliebtes Geschenk von Männern an ihre Partnerinnen erwies. Für 2027 wird es wieder einen Kalender geben.

Wenn ich 100 Pobacken – also 50 Männer – zufriedenstellend abgebildet habe, möchte ich ein Buch mit dem gesammelten Material füllen.

Originale werden als nächstes während der Berlin Art Week in den RWK Studios by 3CA zu sehen sein.