Braucht der Feminismus, dem ohnehin regelmäßig die Berechtigung abgesprochen wird, jetzt auch noch Verstärkung aus dem Cyberspace? Wenn wir sowohl im realen Leben als auch im World Wide Web die Steinzeit überwinden wollen: auf jeden Fall.
Die derzeit wohl bekanntesten weiblichen Stimmen sind nicht die von Popstars oder Politikerinnen. Es sind die Stimmen von Frauen, die streng genommen gar nicht existieren: Apples Siri und Amazons Alexa – künstliche Sprachassistentinnen, die seit 2011 beziehungsweise 2014 auf dem Markt sind. Ihre Gemeinsamkeiten: immer hilfsbereit, immer freundlich und vor allem immer höflich. Sie reagieren geduldig auf Befehle, entschärfen Tonlagen, scheinen gewissermaßen durch ihre Syntax zu lächeln und lassen auch sexistische oder verbal gewalttätige Angriffe stoisch über sich ergehen. Dass viele KI-Sprachassistenten in der Voreinstellung weiblich klingen, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis bewusster Designentscheidungen, die von kulturellen Prägungen und gesellschaftlichen Erwartungen beeinflusst sind.
Diese Mechanismen sichtbar zu machen und zu hinterfragen, ist ein selbsterklärtes Ziel des Cyberfeminismus. Technik, Ingenieurwissenschaften und Softwareentwicklung sind nach wie vor Bereiche, in denen Männer überproportional vertreten sind. Patriarchale Strukturen schlagen sich deshalb auch in den Produkten dieser Disziplinen nieder.
Cyberfeminismus will diese Strukturen sichtbar machen und das Internet gerechter, zugänglicher und vor allem weniger bedrohlich machen – für Frauen, LGBTQIA+ und andere Minderheiten in einer nach wie vor überwiegend weißen und männlich geprägten Gruppe von Entscheidungsträgern im kulturellen wie im digitalen Raum.
Die KI als soziale Akteurin
Auch die Kunst verhandelt Cyberfeminismus – von KI-Installationen bis hin zu Arbeiten über Deepfakes und digitale Identität. Im Düsseldorfer K21 zeigen die Künstlerin Holly Herndon und der Künstler Mat Dryhurst aktuell in ihrer Ausstellung "Starmirror" KI nicht als gehorsame Assistentin, sondern als umkämpften Ort von Identität, Autorschaft und kollektiver Kontrolle. Die Frage lautet nicht mehr, was die Maschine für uns tun kann, sondern wem ihre Stimme gehört. Während Siri oder Alexa darauf ausgelegt sind, zu reagieren, zu bedienen und im Hintergrund zu verschwinden, machen Herndon und Dryhurst die KI selbst zum Gegenstand der Verhandlung. Ihre digitalen Figuren erscheinen nicht als neutrale Werkzeuge, sondern als soziale Akteurinnen. Die Arbeit fragt, wem digitale Identitäten gehören, wer von ihnen profitiert und ob künstliche Intelligenz auch anders gedacht werden kann: nicht als gehorsame Helferin, sondern als Spiegel der Gesellschaft.
Dass Cyberfeminismus keine Bewegung der vergangenen fünf Jahre ist, sondern den aktivistischen und kunsthistorischen Diskurs seit den Anfängen des Internets begleitet, zeigte die US-amerikanische Designerin und Wissenschaftlerin Mindy Seu schon 2025 mit ihrem Buch "Cyberfeminism Index". Das neon-grüne Cover dürfte damals viele an Charli xcxs "Brat" erinnert haben – eine Assoziation, die durchaus passt, denn auch das Album der Musikerin wurde vielfach als popkultureller Ausdruck eines neuen feministischen Selbstverständnisses gelesen.
Wie sich das Recht am eigenen Bild und an der eigenen Identität im digitalen Raum neu verhandeln lässt, zeigt das Werk "Prompt Baby" (2024) von Sarah Friend. Mit der Arbeit kehrt die in Berlin lebende Künstlerin die Logik des Deepfakes um: Sammlerinnen und Sammler durften Bildideen für KI-generierte Porträts der Künstlerin einreichen, doch sie allein entschied, ob und wie ein Prompt umgesetzt wurde – ein feministischer Gegenentwurf zur unkontrollierten Verbreitung von Deepfakes.
Nicht alle Sammlerinnen und Sammler machten von diesem Recht Gebrauch. In mindestens einem Fall entschied sich die Künstlerin zudem dagegen, einen vorgeschlagenen Prompt umzusetzen – allerdings nicht aufgrund sexueller Inhalte, sondern aus politischen Gründen. Friend versteht die Arbeit als Möglichkeit, einen Dialog zu führen – etwas, das beim klassischen Deepfake gerade nicht vorgesehen ist. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach Zustimmung und Kontrolle.
Wie fragil Consent im Cyberspace ist, zeigte zuletzt nicht nur der Fall Collien Fernandes, sondern auch die Verbreitung zahlreicher Websites, die sich auf sogenannte "Rape-Porn"-Inhalte spezialisieren und damit jede Form weiblicher Selbstbestimmung und das Recht auf Kontrolle über das eigene digitale Bild negieren. Dass wir den (Cyber-)Feminismus gerade heute noch brauchen und ihn nicht nur im realen Leben, sondern ebenso konsequent im digitalen Raum vorantreiben sollten, ist daher schwer von der Hand zu weisen. Als kleines Symbol des Protests ließe sich zunächst die Stimme des eigenen KI-Voice-Agents auf eine männlich klingende umstellen. Damit allein ist es allerdings längst nicht getan.