Daido Moriyama in Wien

Der Fotograf als Straßenhund

Seine grobkörnigen Schwarz-Weiß-Fotografien prägten die japanische Street-Photography: Daido Moriyama ist nah dran und dauerhaft in Bewegung. Das Foto Arsenal Wien widmet ihm nun eine Retrospektive

Müde dreinblickende Frauen in Kimonos, die Rückenansicht eines Kindes am Spielautomaten, japanische Leuchtreklamen bei Nacht, ein von Menschenkörpern gefluteter Strandabschnitt, staubige Landstraßen, verwackelte Porträtaufnahmen von Passanten. Daido Moriyamas Fotografien sind roh, unmittelbar und ehrlich.

Seine radikal fragmentarischen, grobkörnigen und kontrastreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen fächern ein ungeschöntes Panorama der japanischen Kultur ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf. Mit seiner spontanen, konfrontativen Bildsprache wurde Moriyama zu einem wichtigen Vertreter der Street-Photography. Jetzt sind diese gesellschaftlichen Streiflichter in einer umfangreichen Retrospektive im Wiener Foto Arsenal zu sehen.

Der heute 87-jährige Künstler nutzte die Kamera als Instrument, um die Dynamiken einer modernen japanischen Realität besser zu verstehen. Davon zeugen unterschiedliche Projekte, an denen er teilweise jahrelang arbeitete. Etwa die monatliche Reihe "Accident/Premeditated or not" in der Zeitschrift "Asahi Camera", für die er vor allem die Wirkkraft von Fotografien im medialen Kontext untersucht hat. Dafür nahm er auch Fotos von Prominenten unter die Lupe, setzte sich kritisch mit der Berichterstattung von Unfällen und der Sensationslust des Fotojournalismus generell auseinander.

Bezeichnend für seine Neugier und Arbeitsweise ist auch das fotografische Großprojekt "On the Road": Über einen Zeitraum von vier Jahren reiste er per Anhalter immer wieder durch Japan, verbrachte viel Zeit auf Autobahnen und in Motels, drang tief ein in die Peripherie dieses Landes. Und er hielt alles fest: Autos, verlassene Straßen, dörfliche Zivilisationen. Seine dynamischen Bilder erzählen von einer Rastlosigkeit – nicht nur der seiner Mitmenschen, sondern auch der eigenen. Da ist es nur passend, dass seine wohl berühmteste Fotografie einen Straßenhund abbildet. Sie lässt sich als Selbstporträt des Fotografen lesen: umherstreunend, wachsam, getrieben.