Dana Schutz in München

Wenn der Himmel auf die Erde fällt

Körper taumeln, Bilder kippen, Gewissheiten schwinden: Mit "Trouble and Appearance" entdeckt die Pinakothek der Moderne die vor allem als Malerin bekannte Dana Schutz als Zeichnerin monumentaler Bildwelten

 Skulptur wie ein Verkehrsunfall, bei dem man nicht wegsehen kann: In der Mitte des Münchner Ausstellungssaals türmt sich Dana Schutz’ "Sea Group" von 2022, fast drei Meter hoch, ein Knoten aus Körpern, Gliedmaßen, Tierformen und verschmolzenen Fragmenten. Schwarzgraue Bronze, modelliert wie aufgewühlte Materie. Man denkt an Strandmüll oder Weltraumschrott, auf dem sich die Möwen niederlassen. Beim Umrunden beginnt alles zu kippen. Ein Kiefer könnte Zahnreihe, Maschinenteil oder Gummirad sein. "Man muss sich bewegen, um die Skulptur zu erfassen", sagt Kurator Michael Hering, der das monströse Kunstwerk direkt von der Art Basel in die von ihm geleitete Staatliche Graphische Sammlung München holen ließ. Tatsächlich ist das ein gutes Motto für die ganze Ausstellung: Nichts bleibt stabil, keine Figur, keine Perspektive, keine Geschichte.

"Trouble and Appearance" ist Schutz’ Münchner Museumsdebüt – eine erstaunlich großzügige Präsentation in den luftigen Räumen der Pinakothek der Moderne. Erstmals stehen ihre Zeichnungen in einer solchen Dichte im Zentrum einer Ausstellung. Die 1976 in Livonia, Michigan, geborene Künstlerin hat eigens dafür ein gutes Dutzend neuer schwarzweißer Kohlezeichnungen geschaffen. Darunter sind metergroße Murals wie "Sky" und "Catcher". Letzteres ist knapp drei Meter hoch und fast fünfeinhalb Meter breit. Dazu kommen kleinere Studien, die sonst kaum das Atelier verlassen. "Sie sind ein Prozess, um die Komposition für ein Gemälde herauszufinden", sagt Schutz im Gespräch. Die monumentalen Kohlearbeiten hingegen versteht sie ausdrücklich als autonome Kunstwerke. In München feiern diese zeichnerischen Wandbilder ihre Weltpremiere. 

Sie bilden das Rückgrat der Ausstellung. In "Musicians" verkeilen sich Gesichter, Instrumente und Arme zu einem Orchester kurz vor dem Zusammenbruch. "Table Scene" verwandelt ein gemeinsames Essen in ein psychologisches Minenfeld. In "The Voice" verschlingt ein gigantischer Mund fast den gesamten Bildraum. Und im "Self Portrait" von 2026 scheint die Künstlerin aus dem eigenen Körper zu kippen: Ein Bein findet Boden, das andere scheint haltlos, der Kopf verschwindet hinter der wehenden Haarmähne beinahe im Nebel.

Vorbild deutscher Expressionismus

Schutz beschreibt dieses Selbstporträt nicht als physiognomisches Abbild, sondern als Zustand. Beim Malen verliere sie das Gefühl für den eigenen Körper, weil sich die Aufmerksamkeit vollständig in das entstehende Bild verlagere. "Man ist dabei immer ein wenig körperlos", sagt sie. Deshalb erscheint der Körper zwischen Stehen und Schweben. Sie blickt angestrengt auf etwas außerhalb des Bildfeldes, das der Betrachterin verborgen bleibt.

Die Zeichnung ist hier keineswegs die stille, vorbereitende Schwester der Malerei. Schutz trägt die Kohle auf, verwischt, verdichtet, löscht aus, setzt neu an. Ihre Figuren erscheinen, als seien sie aus Rauch und Ruß hervorgeholt worden. Und doch ist diese dunkle Welt kunsthistorisch hellwach. Die flächenfüllenden Arbeiten erinnern an die monumentale Geste der amerikanischen Nachkriegsmoderne und den Abstrakten Expressionismus der New York School. Aber Schutz’ wichtigste malerische Ahnen sitzen keineswegs nur in den USA. "Ich habe die deutschen Expressionisten immer geliebt", sagt sie. Georg Baselitz und vor allem Max Beckmann seien "ein enormer Einfluss" gewesen, besonders als sie jung war und das Malen lernte.

Bei Beckmann ist diese Verwandtschaft unmittelbar sichtbar: in den gedrängten Bildräumen, den mächtigen Konturen und den Figuren, die sich gegenseitig bedrängen und zugleich in einem unsichtbaren psychischen Theater gefangen sind. Besonders deutlich wird das in Schutz’ Gemälde "Mid-Day" von 2019, in dem sich Figuren dicht gedrängt in einem Boot befinden. Das Werk wurde im selben Jahr in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts in der Ausstellung "Max Beckmann im Dialog" gezeigt. Die Präsentation verwies insbesondere auf Bezüge zu Beckmanns "Schlafender Frau" und seinem Triptychon "Versuchung". 

Auch Baselitz klingt in Schutz’ Lust an Deformation, Verdrehung und körperlicher Übersteigerung an. Und in manchen Bildern scheint sich der Surrealist Max Ernst einzumischen: dort, wo Körper und Tiere zu hybriden Wesen verschmelzen, wo Traumlogik jede eindeutige Erzählung außer Kraft setzt und aus einer vertrauten Welt plötzlich ein ebenso komisches wie bedrohliches Paralleluniversum wird. Schutz kopiert diese Vorbilder nicht. Kunstgeschichte ist bei ihr eher ein riesiges Materiallager, aus dem während des Malens etwas aufsteigen kann, bevor es vom Bild wieder verschluckt, deformiert und in etwas Eigenes verwandelt wird.

Malerei und neue Monotypien

Dass Schutz weiterhin vor allem als Malerin wahrgenommen wird, korrigiert die Münchner Ausstellung, ohne die Malerei kleinzumachen. Zehn großformatige Ölgemälde der vergangenen Jahre sind zu sehen, darunter die brandneuen Arbeiten "The Health" und "The Hand" von 2026. Ihre Figuren sind deformiert, komisch, verwundet, manchmal brutal und dabei erstaunlich verletzlich. Körper blähen sich auf, Hände entwickeln ein Eigenleben, Köpfe geraten aus dem Lot. Schutz interessiert sich weniger dafür, wie etwas aussieht, als dafür, "wie sich etwas anfühlt". Eine verletzte Hand kann deshalb zum Sinnbild verlorener Autonomie werden: schwer und geschwollen und zugleich so leicht, dass sie wie ein Ballon davonzuschweben scheint. 

Diese Offenheit prägt auch den neuen Zyklus aus zwölf Aquarell-Monotypien mit Handmalerei. "The Rally", "The Whistler", "The Parrots", "The Bug", "Lungs", "The Kiss", "Winter Dance", "The Beast", "Washing Paint", "Eaters", "Climber" und "The Haul" sind ein Fest der Überlagerung. Köpfe schieben sich vor andere Köpfe, Vögel dringen in menschliche Szenen ein, Arme, Beine, Organe und Tierkörper tauchen auf und verschwinden wieder. Rot, Orange, Türkis, Rosa und tiefes Blau fließen ineinander. Manche Blätter wirken beinahe cartoonhaft, andere körperlich verstörend, wieder andere lösen die Figuration fast in Farbe auf.

Schutz arbeitet dabei mit dem New Yorker Druckatelier Two Palms und sucht bewusst die Unberechenbarkeit. Jeder Abzug ist ein Unikat; Gouache, Kreide und Handmalerei kommen hinzu. Nach einem ersten Druck kann ein zweiter, sogenannter "Geisterabzug" entstehen, bei dem sich Pigmente anders verhalten. "Es ist wirklich unvorhersehbar", sagt die Künstlerin. Gerade diese Unsicherheit gibt den Bildern ihre elektrische Energie. 
 

Installationsansicht: farbintensives figürliches Gemälde mit Papageien, einzeln in weißer Vitrine.
Foto: Staatliche Graphische Sammlung München

Dana Schutz "Trouble and Appearance", Ausstellungsansicht, Staatliche Graphische Sammlung München in der Pinakothek der Moderne, München, 2026


Dass die zwölf farblich so offensiven Arbeiten hinter Glas in Schaukästen in einem Duchgang zwischen den Ausstellungsräumen präsentiert werden, ist schade. Man würde ihnen mehr Raum und unmittelbare Nähe wünschen. Doch selbst durch die spiegelnden Scheiben behaupten sie ihre Wucht. Besonders "The Rally" mit seinem leuchtenden Orange und den gegeneinander verschobenen Körperfragmenten, "The Parrots" mit der beinahe symbiotischen Verklammerung von Mensch und Vogel, der zwischen Umarmung und Todeskampf oszillierende "Kiss" und die barock überfüllten "Eaters" gehören zu den großen Entdeckungen dieser Ausstellung. Vor allem, weil sie in ihrer raffinierten Form- und Farbenfülle die Gemälde in den Schatten stellen. 

Auch in anderen Drucktechniken sucht Schutz die Grenze des Machbaren. Aquatinten können bei ihr wie schwarze Aquarelle aussehen; Alkohol und Kopierstaub bringen Pigmente in Bewegung und lassen sie abrupt erstarren. Hering beschreibt diese Experimentierlust als Versuch, eine bekannte Technik so weit zu treiben, bis daraus etwas Neues entsteht. Schutz selbst wechselt ohnehin mühelos zwischen Malerei, Skulptur, Zeichnung und Druck: "Jedes Medium spiegelt ein anderes Gefühl."

Schutz lebt und arbeitet in Brooklyn. Mit ihrem Mann, dem Bildhauer Ryan Johnson, teilt sie nicht nur den Alltag, sondern auch die Erfahrung einer New Yorker Kunstwelt, in der Bilder das Atelier verlassen und augenblicklich Teil öffentlicher Kontroversen werden können.

Debatten seit der Whitney Biennale

Wie schnell ein Werk aus dem Atelier in einen gesellschaftlichen Konflikt geraten kann, erfuhr Schutz 2017 auf extreme Weise. Ihr Gemälde "Open Casket" auf der Whitney Biennale zeigte den 14-jährigen Afroamerikaner Emmett Till, der 1955 von weißen Rassisten ermordet worden war. Seine Mutter Mamie Till-Mobley hatte damals auf einem offenen Sarg bestanden, damit die Welt sehen konnte, was ihrem Sohn angetan worden war. 

Schutz, eine weiße Künstlerin, griff die historischen Fotografien auf – und löste damit einen erbitterten Streit über kulturelle Aneignung, schwarze Leidensgeschichte, Empathie und künstlerische Freiheit aus. Protestierende stellten sich vor das Bild, und die Künstlerin Hannah Black forderte öffentlich nicht nur seine Entfernung, sondern sogar seine Zerstörung.

Fast ein Jahrzehnt später spricht Schutz in München bemerkenswert unpathetisch darüber. Künstler müssten im Atelier die Freiheit haben, sich jedem Problem zu nähern, sagt sie. Doch sobald ein Werk das Studio verlasse, entstünden Konsequenzen und neue Informationen. Der Kontext sei entscheidend. Dann formuliert sie einen Satz, der wie ein Schlüssel zu dieser Ausstellung klingt: "Kunst ist ein Ort für Probleme. Und ein Ort für Proteste."

Alltag kippt in Katastrophe

Bei Schutz gibt es deshalb keine heile Welt. In "Sky" fällt der Himmel buchstäblich herunter. Figuren ducken sich, tasten, schauen nach oben, suchen nach Halt. Nur ein Hund vermittelt Zuversicht: Es geht irgendwie weiter. Was geschieht, fragt Hering, wenn der Himmel nicht mehr federleicht ist, sondern in Bruchstücken herabstürzt? Bei Schutz gibt es diejenigen, die zurückwollen, weil früher angeblich alles besser war, und andere, die nach vorn drängen. Das Alltägliche und die Katastrophe liegen nur einen Pinselstrich auseinander. Es ist schwer, dabei nicht an eine Gegenwart zu denken, die sich ebenfalls anfühlt, als stürzten täglich neue Bruchstücke vermeintlicher Gewissheiten herab.

Dass diese künstlerische Freiheit inzwischen einen erheblichen Marktwert besitzt, gehört ebenfalls zur Realität einer Künstlerin ihres Rangs. Laut dem Verkaufsreport zur Art Basel 2026 meldete David Zwirner den Verkauf eines neuen Gemäldes von Schutz für 350 000 US-Dollar und einer Papierarbeit für 100 000 US-Dollar.

Die Stärke von "Trouble and Appearance" liegt aber gerade darin, dass solche Marktwerte im Museum schnell nebensächlich werden. Hier begegnet man einer Künstlerin, die ihre eigene Virtuosität nicht verwaltet, sondern aufs Spiel setzt. Schutz wechselt das Medium, verändert die Regeln, riskiert Kontrollverlust. Ihre Bilder sind komisch und erschreckend, grell und dunkel, grotesk und zärtlich. Sie lösen keine Probleme. Aber sie geben ihnen eine Form – hässlich, komisch, überschüssig und bisweilen erschreckend schön.